Zeit 09.12.2025
12:27 Uhr

Wolfram Weimer: Der Mann, der nicht liefern kann


Er wollte die Filmförderung reformieren und den deutschen Kinostandort retten. Aber jetzt wird klar: Wolfram Weimer ist vor den US-Streamingdiensten eingeknickt.

Wolfram Weimer: Der Mann, der nicht liefern kann
Nach sieben Monaten im Amt greift Kulturstaatsminister Wolfram Weimer die von seiner Vorgängerin begonnene Reform der Filmförderung auf. Seit einer Woche kursiert ein Papier mit der Überschrift: Investitionsbooster für den Filmstandort Deutschland . Es verspricht viel und rechnet sämtliche Investitionen in die Filmwirtschaft zu einer Dagobert-Duck-haften Zahl hoch: 15,5 Milliarden Euro in den kommenden fünf Jahren! Das klingt nach enorm viel Geld, wirft aber Erhofftes und bereits Vorhandenes zusammen. Der Istzustand wird als Aufbruch zu neuen Ufern verkauft. Es ist schlicht Blenderei, wenn ohnehin zu erwartende Investitionen der öffentlich-rechtlichen Sender (6,5 Milliarden bis 2030) einfach reingerechnet werden. Auf dem Streamingmarkt werden hohe Gewinne erzielt, die in Deutschland aber kaum versteuert werden. Filmleute beklagen, dass wenig Kapital zurückfließe. Eine gesetzliche Verpflichtung zum Investieren in Deutschland, wie sie ähnlich in Frankreich, Spanien und Italien besteht und die Filmwirtschaften dieser Länder erfolgreich unterstützt, würde der kriselnden Branche hierzulande frisches Geld zuführen. Nun heißt es, die Streamingdienste stellten für fünf Jahre 1,83 Milliarden Euro freiwillig in Aussicht. Aber das entspricht wohl eher dem bisherigen Investitionsaufkommen ganz ohne Booster. Die Produktionsallianz, ein Zusammenschluss deutscher Produktionsfirmen, behauptet außerdem, dass Weimers Zahlen veraltet seien (Stand von 2022) und das prognostizierte Wachstum von Netflix und Co. nicht berücksichtigen würden. Investieren in Deutschland? Im Papier ist schwammig die Rede von einem "wahrscheinlich positiven Effekt für den Standort". Der Staatsminister will die Zusagen der Streamer überprüfen, aber wie soll das bei einer höchst undurchsichtigen Selbstverpflichtung geschehen? Und wieso Kontrolle, wenn doch alles freiwillig ist? Das passt nicht zusammen. In der kühlen Zone der Unerheblichkeit Die Reform der Filmförderung abzuschließen, ist das wirklich wichtige politische Projekt Weimers. Es fällt ihm aus dem Koalitionsvertrag zu, der die Investitionsverpflichtung für Streamingdienste ausdrücklich fordert. Außerdem ist Filmförderung ein altes Spielfeld der CDU-Kulturpolitik. Partei und Fraktion sehen hin, was ihr Mann da macht. Keine Koalitionspolitik jedenfalls: Ende August meldete der Münchner Merkur, Weimer engagiere sich tatkräftig beim Verkauf der Münchner Bavaria Film GmbH. Der geht es finanziell nicht gut, sie gehört den Öffentlich-Rechtlichen und dem bayerischen Staat. Als Investor wurde Netflix genannt, sogar von einer Europazentrale in München war die Rede. Das Ganze wurde dementiert. Mittlerweile will Netflix in den USA Warner Bros. kaufen . Die gesetzliche Verpflichtung zu versenken, wäre aber bestimmt ein Kaufanreiz gewesen. Nun jedoch ist alles ausgegangen wie das Hornberger Schießen, kein Gesetz, kein zusätzliches Geld für den Film, kein Netflix in München. Der bayerische Ministerpräsident sitzt weiter auf der Bavaria Film, der Bundesfinanzminister besteht auf der gesetzlichen Regelung für die Streamer, und die Filmbranche weiß nun, dass Weimer sie im Regen stehen lässt. Unter Berufspolitikern gilt der Kulturstaatsminister bereits als der Mann, der nicht liefern kann. Politische Quereinsteiger sind auf gute Verbindungen angewiesen. Die knüpfte Weimer nicht, Fürsprecher im Kulturbetrieb konnte er kaum gewinnen, zu wenig Interesse an schnöder Verwaltung, zu wenig Bereitschaft, Probleme mit Detailarbeit zu lösen. Seine Bewährungsfrist ist abgelaufen, und das Einzige, was sich Weimer in Berlin erarbeitete, ist ein Ruf als Schaumschläger vom Tegernsee. Er betritt nun die kühle Zone der Unerheblichkeit, in der es an der Oberfläche noch freundlich zugeht, aus der aber nur wenige Pfade wieder herausführen. In seinem Papier zur Filmwirtschaft steht ein verräterischer Satz: "Das insbesondere von der SPD anvisierte Ziel einer gesetzlichen Lösung bleibt auf der politischen Agenda – auch zur Disziplinierung der Zusagengeber." Übersetzt heißt das: Ich bevorzuge, keine Politik zu machen – das bleibt anderen überlassen, und zwar nach mir.