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22.12.2025
10:06 Uhr
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Mehr als eine Million Menschen in Deutschland sind wohnungslos, zunehmend auch Frauen und Kinder. Ein Haus in München will Familien eine Perspektive bieten.

Linda Perera lebt in einem weißen Zimmer. Der Schrank, der Tisch, die Wände – alles ist weiß. Ähnlich sieht es im Zimmer ihrer Töchter aus, Poster oder Bilder dürfen sie nicht aufhängen. Die Familie lebt in einer Notunterkunft für wohnungslose Frauen in München. "Es fühlt sich manchmal komisch an", sagt Perera, die ihren richtigen Namen für sich behalten möchte. "Man hat immer normal gelebt – und plötzlich hat man keine Wohnung mehr." Seit fast anderthalb Jahren wohnt die Ende 30-Jährige mit ihren beiden Töchtern im Haus Theresia, das vom Sozialdienst katholischer Frauen betrieben wird. Mehr als eine Million Menschen in Deutschland gelten also wohnungslos, haben also kein eigenes Zuhause. Die Zahlen steigen seit Jahren – und dabei speziell der Anteil von Frauen und Kindern . Waren 2022 noch etwas mehr als ein Drittel weiblich, sind es mittlerweile 43 Prozent, ein Viertel sind minderjährig. Die meisten Wohnungslosen, etwa 840.000, leben in Unterkünften der Städte und Gemeinden, rund 56.000 auf der Straße . Das geht aus einem Bericht der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe hervor. Eine Trennung führt oft zu Wohnungslosigkeit Vor zwei Jahren habe sie ihren Mann verlassen, erzählt Linda Perera bei einem Gespräch in der Notunterkunft. Sie hätten sich viel gestritten, irgendwann habe er ihr das Handy weggenommen, sie geschlagen. Während Perera spricht, schaut sie auf ihre Hände, spielt mit ihren feinen goldenen Ringen. 13 Jahre waren die beiden verheiratet, als sie ihn verließ. Sie erstattete Anzeige wegen häuslicher Gewalt. Das Gericht entschied, dass er sich ihr nicht mehr als 300 Meter nähern darf. Bis heute will sie nicht, dass er weiß, wo sie lebt. Bei vielen Frauen folgt die Wohnungslosigkeit auf eine Trennung, im Haus Theresia ist dies bei jeder Dritten der Fall. 14 Prozent der Bewohnerinnen wurden die Wohnungen gekündigt, neun Prozent wurden zwangsgeräumt. 23 Prozent haben eine Fluchtgeschichte. Bei vielen Frauen spielt auch Gewalt eine Rolle. Linda Perera hat mit ihren Kindern nie auf der Straße geschlafen. Zwei Tage haben sie bei einer Freundin übernachtet, dann bekam sie einen Platz in einem Frauenhaus im Landkreis München. Frauen und Kinder leben oft "verdeckt wohnungslos", das heißt, sie kommen entweder bei Verwandten und Freunden unter oder in einer Notunterkunft – eine eigene Wohnung haben sie aber nicht. Und spezielle Unterkünfte für Familien gibt es wenige. "Es sind bundesweit eher einzelne Modellprojekte", sagt Claudia Daigler. Die Professorin für Integrationshilfen forscht an der Hochschule Esslingen zu wohnungslosen Frauen und Familien. Die Wohnungsnotfallhilfe sei nicht auf Familien ausgerichtet und das sei skandalös. Das Haus Theresia ist dagegen ein Positivbeispiel. Bis vor ein paar Jahren war dort, wo das Neubaugebiet errichtet wurde, noch eine große Baulücke. Heute leben hier in über 50 Wohnungen 48 Frauen und 64 Kinder. Das moderne Gebäude mit den hohen Fenstern liegt etwa fünf Minuten Fußweg von der Münchner Theresienwiese entfernt. Wer hinein will, muss klingeln, die Pforte hinter der Eingangstür ist 24 Stunden besetzt. An der Glastür hängen selbst gebastelte Weihnachtsmänner, gegenüber Fotos der Mitarbeiterinnen. "Für viele Frauen ist es ein Scheitern" Das Haus, das vor zwei Jahren eröffnet wurde, sollte in München eine Lücke schließen, sagt Lisa Skopnik, die die Unterkunft gemeinsam mit ihrer Kollegin Beate Ritzinger leitet. Gerade für Frauen mit vielen Kindern gebe es zu wenige Notunterkünfte. Und die Lücke füllte sich schnell: "Wir sind eigentlich immer belegt", sagt Skopnik. Die Sozialpädagogin arbeitet seit zehn Jahren in der Wohnungslosenhilfe. "Für viele Frauen ist es ein Scheitern", sagt sie. Aber es könne jeden treffen. Eigentlich sollen Frauen im Haus Theresia nur bis zu einem Jahr leben, doch viele bleiben länger. Auch Perera muss immer wieder einen Antrag stellen, um länger bleiben zu können – weil sie weder eine Wohnung noch eine Arbeit findet . Kurz vor der Trennung habe sie ihren Job als Rezeptionistin aufgegeben, jetzt finde sie keinen neuen. "In drei Monaten habe ich 140 Bewerbungen abgeschickt," sagt Perera. 30 Absagen, der Rest stehe noch aus. Linda Perera ist ausgebildete Fachkraft, aber viele Jobs kann sie nicht annehmen, weil sich niemand um die Töchter kümmern kann, von denen eine noch zur Grundschule geht. Ihre Familie lebt in einem anderen Bundesland, den Vater wollen auch die Kinder nicht sehen. Hohe Mieten gehören zu München wie das Oktoberfest, das nur fünf Minuten entfernt von der Unterkunft stattfindet. Eine Wohnung in der Gegend, im Stadtteil Sendling, kostet laut dem Portal Immoscout durchschnittlich 21 Euro pro Quadratmeter . Alleinerziehende Mütter wie Perera haben auf dem freien Wohnungsmarkt kaum eine Chance. Fast alle Bewohnerinnen hoffen deshalb auf eine Sozialwohnung. Von den 91.000 Wohnungen der Stadt München werden ungefähr 3.000 geförderte Wohnungen im Jahr neu vergeben. Anträge gibt es rund 30.000, teilt die Stadt auf Anfrage der ZEIT mit. Zehnmal mehr also als verfügbare Wohnungen. Bis Perera hoffentlich irgendwann eine der Wohnungen bekommt, wird sie im Haus Theresia bleiben. Zwei weiße Zimmer mit rotem Linoleumboden, ein dunkel gefliestes Bad. Den Spiegel, der an der Wand hängt, hat Perera sich selbst gekauft, auch den Fernseher auf dem weißen Tisch. Für die neue Wohnung, die sie noch gar nicht hat, besorgte sie schon mal einen Toaster, einen Wasserkocher und Geschirr. Die Kisten hat sie in einer Ecke ihres Zimmers gestapelt. Die Küche teilt sich Perera mit drei anderen Frauen. In dem großen Raum riecht es leicht nach Gewürzen, die Arbeitsflächen sind leer. Wie bei allen Zimmern lässt sich die Tür zur Küche nur mit einem Chip öffnen. Die Frauen schließen ihre Lebensmittel und Küchengeräte in große Fächer ein. Zu den anderen Bewohnerinnen geht Perera eher auf Abstand. "Dann hat man weniger Stress," sagt sie. Getrennte Fächer, Putzpläne, Zimmerkontrollen. Es gibt viele Regeln im Haus. "Ohne Regeln geht es einfach nicht", sagt Lisa Skopnik. In ihrem Büro stehen ein paar Grünpflanzen und ein kleiner Zitronenbaum. Die Bewohnerinnen im Haus sind sehr unterschiedlich, sagt Skopnik. Viele kommen aus Frauenhäusern, also Häuser, die kurzfristig Frauen aufnehmen, die Gewalt erfahren haben , manche aus Haftanstalten oder Psychiatrien, andere aus Geflüchtetenunterkünften. Die Hälfte der Bewohnerinnen hat eine deutsche oder europäische Staatsangehörigkeit, die andere Hälfte einen nicht europäischen Pass. Die Altersspanne ist groß, das jüngste Kind ist gerade ein Jahr alt, die älteste Bewohnerin 76. Was sie alle gemeinsam haben: Bleiben können sie auf Dauer nicht. Nur, bis sie eine Wohnung finden. Ein eigenes Zimmer wäre schon schön Linda Perera würde gerne in der Gegend bleiben, auch, damit ihre Töchter nicht schon wieder die Schule wechseln müssen – das dritte Mal in zwei Jahren. Ob sie je an ihrer Entscheidung gezweifelt habe, ihren Mann mit den Kindern zu verlassen? "Ja schon", Perera spielt mit dem goldenen Ring an ihrem Mittelfinger. "Manchmal denke ich mir, ich hätte die Wohnung nicht verlassen dürfen." Ihre Töchter würden sich nicht beschweren, aber eigene Zimmer für die beiden, oder ein Wohnzimmer, das wäre schon schön. Dass sie nicht immer streiten, wem das Zimmer gehöre oder dass sie ein Poster an die Wand hängen könnten. Oder mal Freundinnen aus der Schule einladen. Momentan wüssten die Mitschüler nicht, dass sie keine eigene Wohnung haben. Wie sich Wohnungslosigkeit auf Kinder auswirkt, dazu gibt es keine umfangreichen Studien. Wenig verständlich, findet Claudia Daigler von der Hochschule Esslingen. "Wir denken bei Wohnungslosen immer noch an in die Jahre gekommene Männer, die irgendwo rumsitzen und schon was getrunken haben," sagt die Sozialarbeiterin und Pädagogin. "Aber die Mehrheit der Wohnungslosen sind eben Familien". Im Haus Theresia finden diese Familien ein Zuhause, das kein Zuhause sein soll. Es ist eine Übergangseinrichtung – und trotzdem bleiben viele länger als geplant. "Mit der Zeit fragt man sich: Was ist das für ein Leben?", sagt Perera. "Ohne Wohnung, ohne Job … Dieses Gefühl kommt manchmal." Und trotzdem schickt sie weiter Bewerbungen. Etwas anderes, als es immer weiter zu versuchen, bleibt ihr nicht. Zwischendurch geht sie gerne eine Runde joggen an der Theresienwiese. "Nur zu Hause zu sein, das macht ja auch verrückt". Irgendwie ist es doch ein Zuhause geworden, das Haus Theresia.