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12.01.2026
15:51 Uhr
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Die Wikipedia wird 25 Jahre alt. Fertig sein wird sie nie, ihre Zukunft ist ungewiss. Und doch steht sie wie kaum etwas anderes für das Gute im Netz.

Das Gute im Menschen? Gibt es noch, sogar im Netz. Glauben Sie nicht? Dann tippen Sie in Ihren Browser www.wikipedia.org ein, und denken Sie an jene Viertelmillion Freiwilliger, die hier Einträge verfassen, überprüfen und redigieren. Mehr als 65 Millionen Beiträge in mehr als 300 Sprachen finden sich auf der Website. Man kann darin das größte ehrenamtliche Produkt unserer Zeit erkennen. Es ist die Kollektivleistung eines Vierteljahrhunderts. Und lebten wir gerade in einer freundlicheren Welt, müsste dieser halbrunde Geburtstag Mitte Januar weltweit die Schlagzeilen bestimmen: "Happy 25th Birthday, Wikipedia!" Am 15. Januar 2001 ging die Seite online – "This is the new WikiPedia!" – und formulierte tags darauf diese Einladung: "The idea here is to write a complete encyclopedia from scratch " – eine komplette Enzyklopädie von Grund auf schreiben? So kontraintuitiv und idealistisch sie klingt, ist diese Idee bis heute lebendig. Statt sich bei Instagram zu inszenieren, statt Videos in TikToks Feed einzuspeisen, statt in den traurigen Überresten von Twitter (nun X) zu pöbeln, stecken unzählige Menschen weltweit ihre freie Zeit in ... Lexikoneinträge. Peu à peu machen sie so das Wissen der Welt zugänglicher. Zu Recht werden Wikipedianer sich am 15. Januar dafür feiern, in einer globalen Online-Liveschalte . Die übrige Menschheit, oder zumindest ein großer Teil von ihr, profitiert einfach. So verbrachten Menschen im zurückliegenden Jahr nach Angaben der gemeinnützigen Wikimedia-Stiftung addiert mehr als fünf Milliarden Stunden mit der Lektüre . Sie mussten sich dafür weder einloggen noch Werbung ertragen, höchstens eine Spendenbitte wegklicken. Die Website sammelt auch keine Nutzerdaten, um sie weiterzuverkaufen. Das Jubiläum folgt auf ein Jahr der Verunsicherung. Erstmals sind die Zugriffszahlen 2025 deutlich gefallen . Weil viele Menschen nun eher KI-Chatbots befragen? Gleichzeitig weisen erste Studien nach , wie mit künstlicher Intelligenz generierte Inhalte auf der Seite auftauchen . Und dann ist da noch der Groll der Trumpisten, die das Internetlexikon in ihren Kulturkampf zerren ("Wokepedia"). Wird es einen 50. Geburtstag geben? Falls ja, wie sieht die Wikipedia dann aus? Und erst die Welt, die sie beschreibt? Alles offen! Unstrittig ist die Ausnahmestellung der Wikipedia im Digitalen – und dass sie der eigensinnige Spross einer großen Geistesgeschichte ist. Milliarden Nutzerstunden – ohne Banner, Datenhandel, Superreichtum Ihre Mischung aus Altruismus und Kollaboration erinnert an die frühen World-Wide-Web-Jahre. Damals versprach man sich, die Technik werde die Grenzen der physischen Welt überwinden. Und bekam den Digitalkapitalismus der Plattformen und Influencer. In diesem Imperium ist die Wikipedia das Widerstandsnest. Soll man dieses Phänomen nun, wie es schon zu seinem 20. Geburstag zu lesen war, ein neues Weltwunder nennen? Vielleicht das erste Weltwunder des 21. Jahrhunderts? Jedenfalls ist es der vorläufige Höhepunkt einer drei Jahrtausende durchmessenden Beschäftigung mit der Frage: Was kann man wissen? Enkýklios paideía stand für die altgriechische Vorstellung eines umfassenden Lernens als Voraussetzung für eine gebildete Persönlichkeit. Den ganzen Kreis der Bildung in ein einziges Werk zu bannen, das haben viele Autoren versucht. Als älteste vollständig erhaltene Enzyklopädie gilt die Naturalis historia von Plinius dem Älteren. Im ersten Jahrhundert hatte der Römer aus mindestens 500 Quellen das antike Wissen zusammengefasst. Der Historia folgten etwa in Spanien Isidor von Sevillas Etymologiae (frühes 7. Jahrhundert) und in Frankreich Vinzenz von Beauvais’ Speculum maius (13. Jahrhundert). Schon kurz vor der ersten Jahrtausendwende sortierte die Suda aus Byzanz ihre rund 30.000 Einträge alphabetisch, ein Novum. Aber es sollte der Franzose Denis Diderot werden, dessen Encyclopédie den Begriff und die Vorstellung davon prägte, " die auf der Erdoberfläche verstreuten Kenntnisse zu sammeln ". Von 1751 an erschien sie über den Verlauf von 22 Jahren in insgesamt 28 Bänden. Diderot schrieb zwar selbst eindrucksvolle 6.000 Artikel, war aber ein Mit-Autor unter vielen. Den Geist der Aufklärung verkörpert das französische Gemeinschaftswerk wie kaum ein anderes. Der naturwissenschaftlichen Revolution im 16. und 17. Jahrhundert folgte im 18. ein rationales Denken, das altem Aberglauben und unhinterfragten Traditionen die Vernunft gegenüberstellte. Und so auch den Sturm auf die Bastille vorbereitete. Die neuen Nachschlage-Werke waren Nachdenk-Werkzeuge, in Leder gebundener Fortschritt. Und noch mehr. "In den 1750er-Jahren wurde Wissen als eine marktfähige Ware angesehen, die sich ebenso gut verkaufen ließ wie Baumwolle und Zinn", schreibt der Brite Simon Garfield, Autor einer Geschichte der Enzyklopädien . In Edinburgh, der Stadt der schottischen Aufklärung, brachte dieses Informations-Business 1768 den Goldstandard hervor, die Encyclopædia Britannica. Bis 2010 erschien sie in gedruckter Form, bis zu ihrer 15. Ausgabe (32 Bände à 1.000 Seiten). Autoritatives Weltwissen aus der Feder Tausender (!) Autoren, darunter unzählige Professoren und hundert Nobelpreisträger. Ab 1809 brachte Brockhaus’ Conversations-Lexikon aus Leipzig einen neuen Ton in die Nachschlagewelt. Es war "an neugierige junge Erwachsene gerichtet und nicht nur an Hochqualifizierte", beschreibt Garfield den Unterschied zur Britannica. Zum Weltwissen gehörte beides, Sammlung und Vermittlung. In den 1830ern bildete eine Brockhaus- Übersetzung die Basis der Encyclopedia Americana, in den 1890ern erschien eine russische Fassung. Der Brockhaus nimmt mit knapp 200 Jahren den zweiten Platz hinter der Britannica als langlebigstes gedrucktes Lexikon ein. Beide existieren online weiter. Aber beide spürten schon lange vor der ersten Wikipedia-Seite papierlose Konkurrenz. Von den frühen Neunzigern an verkaufte Microsoft seine Encarta, inhaltlich dünner, aber auf CD-ROM und mit viel Multimedia. Der Abschied vom Papier ermöglichte sowohl Suchen im Text als auch müheloses Hin-und-her-Springen zwischen den Beiträgen. Rasch machte das World Wide Web die silbrigen Datenträger selbst obsolet. Die Technologie fraß sowohl Medien (Bücher) als auch Geschäftsmodelle (eine Gesamtausgabe konnte mehrere Tausend Euro kosten). Aber auch an dieser Stelle war der Weg zur freien Online-Enzyklopädie noch nicht vorgezeichnet. Informationsbasis für menschliche und künstliche Intelligenzen Denn an deren Anfang stand eine typische Dotcom-Idee namens Nupedia. Mit ihr wollte der Unternehmer Jimmy Wales kurz nach der Jahrtausendwende ein Lexikon ins Netz bringen und damit irgendwie Geld verdienen. Als Chefredakteur heuerte er den damaligen Philosophiedoktoranden Larry Sanger an. Doch das Start-up lernte schnell, wie aufwendig (und kostspielig) es war, Texte bei Experten zu bestellen, um diese dann von anderen begutachten zu lassen. Die Seite vom 15. Januar 2001 sollte da nur eine spaßige Ergänzung sein: Mal schauen, was passiert, wenn wir jedermann schreiben lassen! Wiki heißt auf Hawaii "schnell", und während die Nupedia in ihrem ersten Jahr auf 21 Beiträge kam, waren es bei der Wikipedia 200 – schon im ersten Monat. Fast forward: "Wikipedia ist zur essenziellen Informationsinfrastruktur geworden", schrieb im Herbst die Georgetown-Medienwissenschaftlerin Renée DiResta im Atlantic. Nicht nur sei sie für viele Nutzer "praktischer, umfassender und verlässlicher" als jede Alternative. "Sie formt auch, was KI-Systeme lernen und was Chatbots uns als wahr präsentieren." Erklären lässt sich dieser Erfolg nicht mit Technik. Die Software, um Wikis beliebigen Inhalts im Web aufzusetzen, existiert bereits seit 1994. Die Innovation der Wikipedia war sozialer Natur: Jeder konnte mitmachen, keine Fachkenntnisse waren nötig. Das steht natürlich im Widerspruch zum Anspruch an eine Wissenssammlung. "Theoretisch müsste die Wikipedia ein einziges Desaster sein", schreibt Garfield. Dass es in der Praxis anders aussieht, führt die Wikimedia-Stiftung auf drei Prinzipien "aus den frühen Tagen" des Projekts zurück: Erstens dürfen die Aussagen in Wikipedia-Beiträgen nicht auf eigenen Analysen oder Schlussfolgerungen der Autoren beruhen. Stattdessen müssen diese sie zweitens mit Quellenverweisen belegen, die jeder Leser selbst nachprüfen kann. Und drittens müssen die Informationen so sachlich wie möglich dargestellt werden. Zur Klärung strittiger Sachfragen hat sich ein filigranes System entwickelt, das jeder Leser im Versionsverlauf nachvollziehen kann: kleinste Korrekturen, Diskussionen, Reparaturen, Genauigkeit. Dass es mit dieser Fleißarbeit frei nach Diderot gelingt, einen wachsenden Teil jenes Wissens zu sammeln, das im Netz verstreut ist, verwundert bis heute. Aber es ist natürlich kein Wunder, auch kein Weltwunder. Solche Vokabeln halten einer kritischen Prüfung im Geist der Aufklärung nun wirklich nicht stand! Die Wikipedia ist vielmehr die kollektive Arbeit an etwas, das den Menschen ausmacht. Ein immaterielles Weltkulturerbe.