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24.12.2025
18:37 Uhr
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Viele bereiten sich akribisch auf Heiligabend vor. Doch Weihnachten lehrt: Das Leben ist am schönsten, wenn etwas Unerwartetes passiert.

Wir lieben es, wenn alles nach Plan geht, das Leben in bekannten Bahnen verläuft und alles so ist, wie es immer war – nicht nur an Weihnachten. Wir haben sogar eine Reihe von Forschungszweigen erfunden, die uns mit ihren Prognosen jede Überraschung vom Hals halten. Die Menschen in der Antike wären froh gewesen, so viele wissenschaftlich fundierte Blicke in die Zukunft werfen zu können. Sie hatten bloß magisches Denken, um sich vor künftigen Überraschungen zu wappnen: den Flug der Vögel oder Wolkenkonfigurationen; die Innereien von Opfertieren oder das Orakel von Delphi. Wobei wir von diesem Orakel wissen, dass es die Frage als Rätsel zurückspielte. Die Zukunft kann man nicht berechnen, man muss sie erleben. Auch Kaiser Augustus in unserer Weihnachtsgeschichte wollte zur Zeitenwende Überraschungen vorbeugen und ließ deshalb die Bewohner des Römischen Reiches zählen. Er wollte wissen, wie viele Untertanen er eigentlich hatte, und berechnen, wie hoch das Steueraufkommen sein würde, mit dem die Weltmacht künftig haushalten könnte: "Da machten sich auch auf Joseph aus Nazareth mit seinem vertrauten Weibe, die war schwanger, auf dass sie sich schätzen ließen, ein jeglicher in seiner Stadt", schreibt der Evangelist Lukas in der Weihnachtsgeschichte. Auch wir wollen keine Überraschungen – am allerwenigsten an Weihnachten. Viele Familien haben am Heiligen Abend ein fest gefügtes Protokoll: Sie singen die immer gleichen Lieder, naschen die gleichen Plätzchen, tragen die gewohnten Speisen auf, hören dieselbe Weihnachtsgeschichte und pflegen die Rituale, die von ihren Eltern und Großeltern weitergegeben worden sind. Besonders die Kinder sind es, die keine Änderung dulden. Alles muss sein wie immer! Dabei ist Weihnachten – streng genommen – genau das Gegenteil: das Fest der Unterbrechung, die Feier der Überraschung, der Weg ins Unbekannte. Alles ist anders, das ist die Weihnachtsbotschaft, das Unterste wird nach oben gekehrt. Nichts bleibt, wie es ist. Doch die Überraschung, die im Weihnachtsfest steckt, haben die Familien schon akribisch eingeplant. Sie überkommt am Heiligen Abend die Feiernden genau dann, wenn die Geschenke ausgepackt werden. Diese sind sorgfältig ausgewählt und anmutig eingewickelt, die Beschenkten öffnen ihre Pakete mit Bedacht oder reißen sie ungestüm auf, je nach Temperament. Oft findet man das Gewünschte, manchmal das Falsche, und in seltenen Momenten ertönt inmitten der Geschenkpapiere ein Juchzer der verwunderten Begeisterung: Damit habe ich nun gar nicht gerechnet! Wie bist du nur darauf gekommen? Was für eine wunderbare Überraschung!