Zeit 14.02.2026
16:30 Uhr

Videobeweis und VAR: Viele Schiris verderben den Pfiff


Die Schiris zeigen gerade wieder, wie man den Videobeweis nicht einsetzen sollte. Unser Kolumnist hat genug. Warum die Verantwortungsdiffusion nicht wieder abschaffen?

Videobeweis und VAR: Viele Schiris verderben den Pfiff
In unserer Kolumne "Grünfläche" schreiben abwechselnd Oliver Fritsch, Christof Siemes, Stephan Reich und Christian Spiller über die Fußballwelt und die Welt des Fußballs. Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende , Ausgabe 07/2026. I feel you, Ole Werner. Der Trainer der Leipziger tobte. "Wenn ich das nicht als Foul sehe, zu viert auf diesem Niveau, dann ist das einfach schlecht", sagte der Leipziger Trainer kürzlich nach der 0:2-Niederlage im DFB-Pokal in München. Er wurde Opfer eines Musterbeispiels, wozu der Videobeweis führt. Als der Bayern-Verteidiger Josip Stanišić seinen Leipziger Gegenspieler Nusa beim Stand von 0:0 aushebelte, pfiff Daniel Siebert nicht. Vermutlich wollte sich der Schiri einfach nicht festlegen, in der Hoffnung, er habe im Zweifel ein Backup. Lieber nichts tun, zur Not greift der VAR ein. Tat er aber nicht. Angeblich soll der Mann am Schirm gesagt haben, er habe zwar das Foul erkannt, aber den Tatort außerhalb des Strafraums lokalisiert, weswegen er nicht eingreifen habe dürfen. Viele Schiris verderben den Pfiff. Man kennt es aus Notsituationen: Mit der Zahl der Zeugen sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass jemand hilft. Aus der Unternehmensführung weiß man, dass unkonkrete Aufträge an eine große Gruppe oft liegen bleiben, weil der Einzelne in ihr abtauchen kann. Als Chef sollte man besser sagen: "Christian, bitte analysiere bis Mittwoch die Kennzahlen." Man nennt das Phänomen Verantwortungsdiffusion. Der ehemalige Schiri und Kommentator Manuel Gräfe kam zu einem anderen Urteil als Siebert und sein Team: "Es ist ein plumpes Foul. Der Fuß des Leipzigers ist an der Linie, der wird am Knie ausgehebelt. Das Knie ist über der Linie, die zum Strafraum gehört." Sogar der Foulende selbst gab nach dem Spiel zu: Wenn der Elfer gegeben wird, könne er sich nicht beschweren, sagte Stanišić. Ich war schon immer gegen den VAR. Im American Football funktioniert er, aber das Spiel besteht hauptsächlich aus Standardsituationen. Fußball hingegen ist ein fließendes Spiel, es lässt sich nur schwer eine Grenze ziehen, wann ein Pfiff eine klare Fehlentscheidung ist, wann also der VAR eingreifen darf, und wann nicht. Schon als die neue Technik 2016 in der Bundesliga eingeführt war, sah ich mich in meinen Bedenken bestätigt. Es folgten Jahre der aufgeregten Debatten über eine Reform oder Abschaffung. Aber irgendwann legten sie sich. Die meisten Kritiker fanden sich mit dem VAR ab, gaben Ruhe, ich zwischendurch auch. Aber jetzt reicht's. Genug ist genug. Das digitale Werkzeug verführt auch zu anderen Formen des Missbrauchs. Noch mal München: Drei Tage zuvor stieg das Duell des Tabellenführers gegen den Dritten Hoffenheim. Beim Stand von 0:0 griff der Bayern-Stürmer Luis Diaz den Hoffenheimer Kevin Akpoguma von hinten ans Textil und überholte ihn. Der taumelnde Verteidiger revanchierte sich mit einem Armeinsatz. Dann lagen beide im Gras. Das war eher ein Stürmerfoul, doch Tobias Stieler entschied auf Elfmeter, zudem gab er Akpoguma die Rote Karte. In dieser 17. Minute war das Spitzenspiel der Bundesliga gelaufen. Es war wieder der ehemalige Schiri Gräfe, der stellvertretend für die große Mehrheit aller neutralen Fans entgegnete: "Das ist so offensichtlich falsch. Der Bayern-Spieler packt zuerst an, hält mit beiden Händen!" Toni Kroos stimmte ein und deutete obendrein einen Bayern-Bonus an. Auch hier erfolgte kein Eingriff des VAR. Das ist wohl so zu deuten: Körperkontakt war vorhanden, also, so seine Auslegung, war es keine klare Fehlentscheidung. Stieler, dessen Selbstbewusstsein seiner Kompetenz leicht vorauseilt, verhielt sich wieder mal wie ein strafender Richter. Und nach dem Spiel wie ein trotziges Kind; steif und fest rechtfertigte er seine seltsame Entscheidung. Nicht jeder Unparteiische ist so, und diesen Typ gab es schon immer. Ich kenne ihn aus meiner eigenen bescheidenen Karriere. Mit einem von dieser Sorte konnte man leben und auch reden. Reden war eh immer am besten. Jetzt gibt es aber manchmal noch einen, und der sitzt auch noch weit weg in irgendeinem Keller. Wir haben es oft erlebt, dass der Videoassistent mit der Lupe Fouls und Handspiele entdeckte, die im Stadion keinen Menschen juckten. Dank des VAR können nun nämlich zwei Pedanten Knöllchen verteilen. Kein Zufall, dass seit seiner Einführung die Zahl der Elfmeter in der Bundesliga deutlich gestiegen ist. 71 sind es bislang in dieser Saison, nach nur 21 Spieltagen. Das sind 0,38 Elfmeter pro Spiel. Eine enorm hohe Quote. Auch deswegen ist Harry Kane auf Torrekord. Keiner bekommt mehr Strafstöße zugesprochen als der FC Bayern. Das ist nicht ungewöhnlich, da es sich um eine Mannschaft handelt, die oft angreift. Das heißt freilich auch, dass Bayern noch häufiger gewinnt. Denn es sind die Großen, die davon profitieren, wenn mehr Tore fallen. Wobei erwähnt werden muss, dass sie kürzlich selbst Opfer der Elfer-Inflation wurden, als der Hamburger Gegenspieler von Joshua Kimmich von einer Art Windhauch zu Boden gerissen wurde. Und Harm Osmers ein Foul erkannte. Die neue Elfmeterei beeinflusst auch den Abstiegskampf. So bekam Mainz 05, kürzlich noch Tabellenletzter, bereits acht Strafstöße in dieser Saison zugesprochen. "Daran müssen wir arbeiten, das wird nicht akzeptiert." Dieses vernichtende Urteil traf der DFB-Schirichef Knut Kircher über eine weitere Entscheidung, die jüngst Unverständnis auslöste und die Mainzer mit einem Elfer beschenkte: Zwar hatte der Augsburger Elvis Rexhbecaj mit seinem Bein weit ausgeholt und durchgeschwungen. Doch traf er den Gegner nicht, oder allenfalls per Elektronenaustausch am Stutzen. Der Schiri Patrick Ittrich zeigte dennoch auf den Punkt, sagte später, er habe das Foul gehört. Nun kommt also auch der Audiobeweis zum Einsatz. Immerhin, Ittrich räumte den Fehler doch noch ein. Rexhbecaj aber war damit nicht geholfen, er rutschte mit seinem Klub nach der Niederlage beim Konkurrenten wieder hinten rein. "Es wird viel Geld für die Videotechnik ausgegeben", sagte der Augsburger nach dem Spiel. "Man kann zoomen, aus jedem Blickwinkel draufschauen. Und dennoch gibt es viel zu viele Entscheidungen, die falsch sind. Vom Gefühl her regt der Videobeweis jeden auf. Deshalb lieber keinen." Ihm pflichten wieder immer mehr Leute aus dem Fußball bei. Und es gibt ja einige Ideen und Dinge auf der Welt, die sich letztlich nicht durchgesetzt haben: Google Glass, die Concorde, das elektrische Messer für den Sonntagsbraten oder der Bananenschneider – früher heißes Gadget, heute der Inbegriff von Plastikmüll. Sollte der Videobeweis im Fußball ein ähnliches Schicksal erleben, schäle ich mir vor Freude eine Banane.