Zeit 20.01.2026
19:43 Uhr

Vereinte Nationen: UN-Bericht warnt vor "globalem Wasserbankrott"


Nicht mehr nur "Wasserknappheit": Die Süßwasserreserven sind an vielen Orten unwiderruflich erschöpft, mahnen die UN. Das Leben von Milliarden Menschen sei gefährdet.

Vereinte Nationen: UN-Bericht warnt vor
Die Welt ist einem UN-Bericht zufolge in ein "Zeitalter des globalen Wasserbankrotts" eingetreten. Begriffe wie "Wasserknappheit" oder "Wasserkrise" spiegelten die Realität vielerorts nicht mehr wider, weil sie vorübergehende und potenziell umkehrbare Zustände suggerierten, teilte die Universität der Vereinten Nationen (UNU-INWEH) in Kanada mit. Kennzeichnend seien inzwischen jedoch unumkehrbare Verluste bei den Süßwasserreserven. "Viele Regionen leben über ihre hydrologischen Verhältnisse, und viele wichtige Wassersysteme sind bereits bankrott", sagte Hauptautor Kaveh Madani, Direktor des Instituts für Wasser, Umwelt und Gesundheit der UN-Universität. Viele Gesellschaften hätten demnach nicht nur ihr jährliches Kontingent an erneuerbarem Wasser aus Flüssen, Böden und Schneedecken aufgebraucht, sondern auch ihre langfristigen Reserven in Grundwasserleitern, Gletschern und Feuchtgebieten. Als Grundwasserleiter bezeichnet man Bereiche im Gestein, die aufgrund von Hohlräumen von Grundwasser durchflossen werden können. Milliarden Menschen betroffen Die Zahlen des Berichts verdeutlichen das Ausmaß: Rund vier Milliarden Menschen sind mindestens einen Monat pro Jahr schwerer Wasserknappheit ausgesetzt. Drei Milliarden leben in Gebieten mit schrumpfenden oder instabilen Wasservorräten. Zwei Milliarden Menschen wohnen auf absinkendem Boden, in einigen Städten beträgt der jährliche Rückgang etwa 25 Zentimeter. Die Welt hat seit 1970 mehr als 30 Prozent ihrer Gletschermasse verloren, und mehr als die Hälfte der großen Seen weltweit hat seit Anfang der Neunzigerjahre Wasser verloren. Globale Folgen durch vernetzte Systeme Besonders betroffen sind laut dem Bericht der Nahe Osten, Nordafrika, Teile Südasiens und der Südwesten der USA. Die Folgen beschränken sich jedoch nicht auf diese Regionen: Da globale Wassersysteme durch Handel, Migration und Lieferketten miteinander verbunden seien, habe sich die Risikolandschaft weltweit verändert, so Madani. Auch Europa sei über Importe von Lebensmitteln und Industriegütern betroffen, die teils aus Ländern mit schwerwiegenden Wasserproblemen stammten. Die Landwirtschaft steht demnach im Zentrum des Problems. Sie ist für den größten Teil des Süßwasserverbrauchs verantwortlich, während 40 Prozent des Bewässerungswassers aus Grundwasserleitern entnommen werden, die stetig austrocknen. Wenn Wasserknappheit die Landwirtschaft in einer Region untergrabe, wirke sich das auf die globalen Märkte, die politische Stabilität und die Ernährungssicherheit in anderen Regionen aus, sagte Madani. Die Lasten fielen unverhältnismäßig stark auf Kleinbauern, indigene Völker und einkommensschwache Bevölkerungsgruppen. Gemischte Lage in Deutschland Für Deutschland zeichnen Fachleute ein differenziertes Bild. Rike Becker vom Imperial College London sagte, Deutschland nutze nur einen vergleichsweise kleinen Teil seines Wassers. Ein Großteil des deutschen Verbrauchs finde über Importe statt. Jörg Dietrich von der Universität Hannover ergänzte, dass es in Deutschland lokal zu Engpässen kommen könne, etwa bei extremer Trockenheit oder durch Nitratbelastung des Grundwassers. Ein Versagen der Wasserversorgung sei hierzulande aber meist noch reversibel. "Eine Insolvenz zu erklären bedeutet nicht aufzugeben – es bedeutet, neu anzufangen", mahnte Madani. Nötig sei eine neue Reaktion: Insolvenzmanagement statt Krisenmanagement. Der Bericht empfiehlt unter anderem strengeren Schutz von Feuchtgebieten, eine Begrenzung der Grundwasserentnahme und den Umbau wasserintensiver Wirtschaftssektoren. "Wir können verschwundene Gletscher nicht wiederherstellen oder stark verdichtete Grundwasserleiter wieder auffüllen", sagte Madani. "Aber wir können den weiteren Verlust unseres verbleibenden Naturkapitals verhindern und Institutionen neu gestalten, um innerhalb neuer Wassergrenzen zu leben." Der Report erschien im Vorfeld einer UN-Wasserkonferenz in den Vereinigten Arabischen Emiraten Ende des Jahres. "Der Bericht sollte nicht demotivieren, sondern uns wachrütteln und zu Aktion aufrufen", sagte Becker.