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21.12.2025
06:16 Uhr
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Ob nur tierische Produkte als Hack und Schnitzel bezeichnet werden dürfen, entzweit gerade die EU. Dabei erfand bereits Konrad Adenauer vor 100 Jahren eine Sojawurst.

Wenn man wissen will, wie dieser Kampf eigentlich anfing, in dem "Rechte" und "Woke" sich nun bis zur Spitze der EU darüber streiten, ob eine Wurst auch ohne Fleisch eine "Wurst" sein darf; wenn man deshalb nachliest, wem in Deutschland denn als Erstem einfiel, statt Tier eben Pflanzen in eine Pelle zu pressen – dann landet man bei Konrad Adenauer. Das Kuriose also gleich vorweg: Konrad Adenauer, erster Bundeskanzler, CDU-Ikone, Verfechter der Westbindung, der europäischen Einheit und der Aussöhnung mit Frankreich, erfand vor sehr langer Zeit eine Sojawurst und meldete sie zum Patent an. Es war das erste Sojawurstpatent überhaupt. Und wenn diese Geschichte mit keinem Geringeren als dem Paten des Konservatismus anfing, dann drängt sich natürlich die Frage auf: Was würde ein Konrad Adenauer wohl zum heutigen Kulturkampf um die Veggie-Wurst sagen? Eine Antwort kann man bekommen. Indem man ihn einfach anruft. "Können Sie mich gut hören?", ruft Konrad Adenauer in Richtung seines Handybildschirms. Einer Gesprächsanfrage zur Veggie-Wurst hatte er sofort zugestimmt, an diesem Tag im Spätherbst nun sitzt er zum Videocall in seinem weitläufigen Wohnzimmer in Köln. "Ich geh mal rum mit Ihnen." Wackeliges Handybild: "Das hier ist eine Adenauer-Zeichnung von Kokoschka, hier ein Adenauer-Siebdruck von Otto Mühl, da eine Büste von Tony Fiedler. Was ich kriegen konnte, hab ich gekauft", sagt Konrad Adenauer. "Gemälde, Grafiken, Literatur en masse." Nun handelt es sich bei diesem freundlichen Herrn im Trachtenjanker, der hier seine Devotionalien zeigt, natürlich nicht um den früheren Bundeskanzler. Dieser Konrad Adenauer, 80 Jahre alt, ist sein Enkel. Als Nachfahre hütet er den Erinnerungsschatz seines Großvaters. Dazu gehört auch ein Buch mit schwarz-rot-gelbem Cover, Titel: Adenauers Erfindungen. Kölner Brot und Sojawurst, veröffentlicht 2001. Der Enkel hat es auf seinem Wohnzimmertisch bereitgelegt und wird die Sache mit der Sojawurst gleich nachschlagen. Ebendiese Art von Wurst entzweit zurzeit Europa. Während Tofu-Hack und vegane Mortadella längst die Kühlregale füllen, brachte eine konservative EU-Abgeordnete aus Frankreich diesen Herbst einen Antrag ins Parlament ein: Begriffe wie "Wurst" oder "Fleisch", "Hack" oder "Schnitzel" sollten künftig nur noch für tierische Produkte zugelassen sein, wegen des "Verwechslungsrisikos" sowie zum Schutz der Tierhalter. Das Parlament stimmte mehrheitlich zu. In Deutschland schlug sich auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) auf die Fleischseite: "Eine Wurst ist eine Wurst, und eine Wurst ist nicht vegan." Sozialdemokraten und Grüne dagegen witterten "Lobbyismus im Namen der Fleisch-Wurst", "peinlich". Bundesagrarminister Alois Rainer (CSU) sprach sich ebenfalls gegen das Namensverbot aus (Kosten, Bürokratie). Die Trilog-Verhandlungen zwischen EU-Kommission, Parlament und Rat, die den Streit nun final klären müssen, endeten vorige Woche ohne Einigung. Wiedervorlage im Januar. Mit der Frage, wie es so weit kommen konnte, also erst mal zurück zum Anfang, zu Adenauer. Er blättert im Buch und liest die Stelle vor: "Die Überschrift des Kapitels heißt: ›Die Wurst wurde gern genommen‹." Der Überlieferung zufolge begann Adenauers Wurstbindung um das Jahr 1915. Deutschland war im Krieg, und als Stellvertreter des Oberbürgermeisters von Köln hatte Adenauer, damals Ende 30, für die Ernährung der Leute zu sorgen. Es mangelte an Lebensmitteln, und die ewige Graupensuppe, die Adenauer ausgeben ließ, hing den Kölnern wohl bald zum Hals heraus, "Graupenauer" nannten sie ihn schon. Zum Glück war er ein Tüftler. Adenauer ersann ein Verfahren zum Dörren von Mais, aus dem sich ein Schrotbrot herstellen ließ. Und er kam auf die Idee, das knappe tierische Protein in Wurst zum Teil durch eiweißreiches Soja zu ersetzen, von dem es noch Vorräte gab, überwiegend importiert aus China. Die Sojawurst, die je nach Rezeptur Leber-, Blut- oder auch Cervelatwurst glich, wurde zunächst an Patienten eines Krankenhauses getestet. Der dortige Direktor urteilte, die Wurst werde "gut vertragen und, wie der Stuhlgang erkennen ließ, gut ausgenutzt". Adenauer wollte seine Sojawurst patentieren lassen und schaffte das in Großbritannien und fünf Nachbarländern Deutschlands. In seiner Heimat scheiterte das Patentgesuch am deutschen Lebensmittelrecht. Trotzdem ging das Produkt in die Geschichte ein, vom Volksmund auch "Friedenswurst" genannt, wohl weil sie im Krieg nach besseren Zeiten schmeckte.