|
20.11.2025
15:01 Uhr
|
Soldaten an der Front sprechen von Chaos, Kommandeure beklagen Personalmangel. Der ukrainische Generalstabschef Andrij Hnatow erklärt, wie sein Land dennoch weiterkämpft.

Andrij Hnatow leitet seit März 2025 den Generalstab der Ukraine und ist damit der zweitranghöchste General nach dem Armeechef Oleksandr Syrskyj. Der Generalleutnant ist 45 Jahre alt und gilt damit als Vertreter einer neuen Generation. Unter der Leitung Hnatows soll die Führungsebene der Armee reformiert werden, weg von einem brigadebasierten System hin zu einem Korpssystem, wie es auch in Nato-Staaten üblich ist. Eine weitere Änderung in der Armeestruktur der Ukraine wird derzeit kontrovers diskutiert: Es sind Sturmbrigaden gebildet worden, die unter direkter Leitung des Armeechefs stehen. Sie sollen flexibler an Brennpunkten eingesetzt werden. Kritiker im Militär fürchten, dass die Männer dort "verheizt" werden, während alte Brigaden nicht mit neuen Leuten aufgefüllt werden. Zudem verschlechtert sich die Situation an der Front weiter. Vor einigen Wochen konnten russische Soldaten in die Stadt Pokrowsk eindringen . Auch weiter südlich, in den Oblasten Dnipropetrowsk und Saporischschja, sind russische Soldaten zuletzt schnell vorgerückt. DIE ZEIT: Herr Generalleutnant, während wir sprechen, befürchten einige Soldaten, dass sie in Pokrowsk eingekesselt werden. Können Sie versprechen, dass das nicht passieren wird? Andrij Hnatow: Die Lage in Pokrowsk ist wirklich schwierig. Unsere Soldaten und Offiziere leisten verzweifelten Widerstand, aber Russlands Armee rückt vor, unter unvorstellbaren Verlusten, und vernichtet alles Lebende auf ihrem Weg. Unter solchen Bedingungen ist es extrem schwierig, Stellungen zu erobern, Verteidigungslinien zu ziehen und sie auszubauen. Unsere Kommandeure verstehen den Wert jedes Soldaten, denn das sind unsere Leute, unsere Bürger. Doch die Art und Weise, wie Russland diesen Krieg führt, lässt uns oft keine Wahl, wie wir unser Land verteidigen. ZEIT: Wann kommt der Zeitpunkt für einen Rückzug? Hnatow: Wenn das Festhalten an einer Stellung oder Linie mit absoluter Sicherheit dazu führen kann, dass die dort kämpfenden Soldaten eingekesselt, gefangen genommen oder vernichtet werden, dann wird selbstverständlich entschieden, ein entsprechendes Manöver durchzuführen. Wir achten besonders auf Situationen, in denen die Gefahr besteht, dass Menschen gefangen genommen werden. Russland schikaniert und erschießt Kriegsgefangene oft. Deshalb ist es entscheidend, dass die Kommandeure vor Ort die Lage richtig einschätzen und uns entsprechende Daten liefern. ZEIT: Aber noch ist die Lage stabil genug? Hnatow: Wladimir Putin hat wiederholt erklärt, er werde die Stadt in wenigen Tagen, in wenigen Wochen einnehmen. Das hören wir seit über einem Jahr. Die Angreifer haben eine große Anzahl an Truppen zusammengezogen, um diese relativ kleine ukrainische Stadt einzunehmen. Bisher kämpfen wir weiter und versuchen, die feindlichen Kräfte auszuschalten, die in die Stadt eindringen konnten. Es sind etwa 400, wir wissen es nicht genau. ZEIT: Eine relativ kleine Stadt, sagen Sie. Wie bedeutend wäre der Verlust aus militärischer Sicht? Hnatow: Urbanisiertes Gebiet ist leichter zu verteidigen. Umgekehrt ist es für den Feind schwieriger, solches Gebiet einzunehmen, und seine Verluste fallen dabei höher aus. Wenn man die Stadt verlässt, ist die Verteidigung um ein Vielfaches schwieriger. ZEIT: Weiter südlich, vor allem bei Huljajpole, ist das aktuell zu sehen. Die Front ist dort chaotisch. An diesem Abschnitt sind Brigaden stationiert, die nicht zu den besten in der ukrainischen Armee zählen. Russland erobert schnell Gebiet. Wie konnte es dazu kommen? Hnatow: Fast entlang der gesamten Frontlinie ist die Lage angespannt, auch in Huljajpole und den umliegenden Gebieten. Aber wenn wir sagen, dass wir in dieser Richtung Gebiete verloren haben, so ist es doch genauso richtig, zu sagen, dass wir in anderen Richtungen Gebiete erobert und erfolgreiche Gegenoffensiven durchgeführt haben. Wir haben den Feind in der Region Sumy gestoppt. Wir sind dabei, Kupjansk zu befreien. Auch in Richtung Dobropillja konnten wir den Feind zurückschlagen und den Frontvorsprung abschneiden. ZEIT: Aber es sind ja auch Einheiten aus der Gegend um Huljajpole abgezogen worden, um bei Dobropillja nördlich von Pokrowsk zu kämpfen, und die russische Armee rückt nun langsam in Richtung der Großstadt Saporischschja vor. Es wirkt zunehmend oft, als müsste die Ukraine Lücken an der Front stopfen, und dann tun sie sich woanders auf. Wie wollen Sie das lösen? Hnatow: Tatsächlich gibt es viele Lösungen, die uns helfen könnten. Vor allem müssen wir unsere Hilfsgesuche aufrechterhalten, insbesondere unsere Anfragen nach Waffen zur Flugabwehr und Langstreckenraketen. Wir arbeiten diesbezüglich kontinuierlich mit allen Partnerländern zusammen und sind für diese Unterstützung dankbar. Über mögliche Aktionen auf dem Kampffeld zu sprechen, ist definitiv nicht Gegenstand dieses Interviews. ZEIT: Egal mit welcher Einheit ich an der Front spreche, alle berichten von Personalproblemen, insbesondere in der Infanterie. Ich möchte Ihre Sichtweise hören: Gibt es ein Personalproblem? Hnatow: Natürlich wird jeder Kommandeur immer sagen, dass er mehr Personal, mehr Infanterie, mehr Waffen, mehr Ausrüstung, mehr Munition und mehr sonstige Ressourcen benötigt. Die Lage ist sehr schwierig, wir sind in diesem Kriegsjahr wirklich erschöpft, aber wir ergreifen alle Maßnahmen, um die Einheiten aufzustocken und unsere Leute auszubilden. Wir können trotz dieser Lage sicherstellen, dass unsere Soldaten mehr als 50 Tage Grundausbildung erhalten, bevor sie ins Kampfgebiet verlegt werden. Anschließend erhalten sie weitere 14 Tage Eingewöhnungszeit, um sich mit der Situation im Einsatzgebiet vertraut zu machen. ZEIT: Ist Mangel an Infanteristen aus Ihrer Sicht also nicht kritisch? Hnatow: Unzureichende Ressourcen sind immer ein kritisches Problem. Wir sprechen laufend auf allen Ebenen unseres Kommandos darüber, wie wir damit umgehen sollen. Es ist schwierig, Kampfeinsätze mit begrenzten Ressourcen durchzuführen. Wir suchen deshalb nach anderen Möglichkeiten, um dem Feind maximale Verluste zuzufügen. Wir greifen derzeit zahlreiche Objekte des russischen militärisch-industriellen Komplexes an, die die Aktionen der Truppen des Aggressorlandes auf dem Schlachtfeld beeinträchtigen können. Dies betrifft die Ölindustrie und die Produktion von Munition und Ausrüstung, insbesondere von unbemannten Luftfahrzeugen. ZEIT: In den letzten sechs Monaten hat sich die Frontzone stark verändert. Sie hat sich ausgedehnt, weil Drohnen immer weiter fliegen können. Es gibt etwas, das viele als Todeszone bezeichnen, eine Grauzone, in der nicht mehr klar ist, wo sich die russischen Angreifer genau befinden. Welche Schritte unternehmen Sie derzeit, um die Kontrolle über die Frontzone zurückzugewinnen?