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02.03.2026
09:54 Uhr
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Die Klimakrise verschiebt auch die Jahreszeiten, klar. Jetzt zeigt sich: Sogar in den immergrünen Tropen geraten Pflanzen aus dem Takt – und zwar ziemlich gewaltig.

Voreilige Schlüsse liegen besonders nahe, wenn es um das Ferne geht. Um etwas, das weit weg ist, exotisch, ungewohnt. Auch in der Wissenschaft. Lange galt da die Annahme, tropische Pflanzen folgten einem stabileren Takt als jene in den gemäßigten Breiten, wo es Jahreszeiten gibt. Dort lässt der Klimawandel ja längst viele Arten früher erblühen. Doch zwei Ökologinnen haben den Blüterhythmus von Tropenpflanzen nun analysiert – ihre überraschende Erkenntnis steht im Fachjournal PLoS One . Die Tropen ziehen sich entlang des Äquators um die Erde, und bei allen Unterschieden zwischen Amazonasbecken, Kongo-Bergregenwald und der Inselwelt Südostasiens ist den Gegenden doch einiges gemein: Die Tageslänge schwankt im Jahresverlauf nur leicht, die Mittagssonne steht immer hoch, es gibt eine Regenzeit – aber eben keine Jahreszeiten. Die geben in den gemäßigten Breiten den Jahresrhythmus von Blüte über Fruchtreife bis Blattverlust vor ( was Fachleute "Phänologie" nennen ). Ein Team um die Ökoklimatologin Annette Menzel von der Technischen Universität München hat im Jahr 2020 den "Fingerabdruck des Klimawandels" bei europäischen Pflanzen analysiert : Die phänologischen Stichtage verschieben sich durch die Erderwärmung, das ist seit der Jahrtausendwende für verschiedene Weltgegenden dokumentiert, sei es für Großbritannien , für Tibet oder die weiten Ebenen Nordamerikas . Aber in den Tropen? Der voreilige Schluss, dass die Erschütterung des Jahrestakts dort – falls überhaupt! – geringer ausfalle, wurde sicher dadurch begünstigt, dass viele tropische Pflanzen das ganze Jahr über blühen können. Aber eben nicht alle. Skylar Graves und Erin Manzitto-Tripp von der University of Colorado in Boulder haben für ihre aktuelle Studie Arten mit klar abgegrenzter Blüteperiode identifiziert . Für diese durchsuchten sie naturkundliche Daten . Viele Pflanzensammlungen ("Herbarien") sind nämlich nicht nur digitalisiert, sondern bergen auch Beobachtungsdaten – etwa zum Blütebeginn einer Art. In Einträgen von 1794 bis 2024 fanden die Autorinnen eine durchschnittliche Verschiebung des Blütebeginns um zwei Tage pro Jahrzehnt. Das sei vergleichbar mit "Veränderungen anderswo auf dem Globus". Was sich aber unterscheidet: Während anderswo die Blüte klimabedingt gemeinhin früher einsetzt, gilt das nur für ein Drittel der untersuchten Tropensorten, zwei Drittel blühen später im Jahr, als vormals beobachtet wurde. Wieso? Weil ohne Jahreszeiten "unzählige" lokale Faktoren die Blüte auslösen können, wie Graves und Manzitto-Tripp schreiben: "Sonneneinstrahlung und -verfügbarkeit, Temperatur und Niederschlag" – die zudem auf verschiedene Pflanzen unterschiedlich wirken. Und die Varianzen sind enorm, wie man an den beiden Rekordabweichlern sieht: Der brasilianische Amaranth-Baum Peltogyne recifensis blüht heute 80 Tage früher, die in Ghana heimische Klapperschloten-Art Crotalaria mortonii dagegen 17 Tage später als noch in den 1950ern. Bei aller Exotik ist das weit mehr als eine botanische Kalendernotiz. Bedarf doch jede der untersuchten Arten der Bestäubung durch Insekten. Zudem dienen die Früchte einiger Arten Tieren als Futter, auch gefährdeten Primaten. So drohen Auswirkungen auf ganze Lebensgemeinschaften, sobald eine Pflanze ihr Blüh-Timing verändert. Den voreiligen Schluss hat also der Blick ins mehr als zwei Jahrhunderte alte Archiv der Botanik korrigiert: Auch tropische Gewächse geraten durch den Klimawandel aus dem Takt.