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18.02.2026
19:05 Uhr
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Tricia Tuttle hat Zensurvorwürfe gegen die Berlinale zurückgewiesen. Niemand sei wegen seiner Haltung zu Israels Vorgehen in Gaza eingeschüchtert worden.

Berlinale -Intendantin Tricia Tuttle hat Vorwürfe zurückgewiesen, das Festival zensiere Filmschaffende, die sich zum israelischen Vorgehen in Gaza äußern. "Es stimmt nicht, dass wir Filmemacher zum Schweigen gebracht oder eingeschüchtert haben", sagte Tuttle der Nachrichtenagentur dpa. Sie sei von dem Brief überrascht worden und es sei "unglaublich hart" gewesen, ihn zu lesen. Auslöser ist ein offener Brief , der in der US-Branchenzeitschrift Variety veröffentlicht wurde und den mehr als 80 Filmschaffende unterzeichnet haben, darunter Tilda Swinton, Javier Bardem, Mike Leigh und Fernando Meirelles. Sie werfen der Berlinale "institutionelles Schweigen" vor und sich an der Zensur von Filmemachern beteiligt zu haben, die sich gegen "Israels anhaltenden Genozid an den Palästinensern in Gaza" ausgesprochen hätten. Vorfall bei Berlinale 2025 Die Unterzeichner beziehen sich auf konkrete Vorgänge rund um die Berlinale des vergangenen Jahres. Der Regisseur Jun Li hatte damals von der Bühne aus Deutschland vorgeworfen , einen Genozid an den Palästinensern zu unterstützen, und die Parole "From the river to the sea, Palestine will be free" gerufen. Das Berliner Landeskriminalamt nahm daraufhin Staatsschutzermittlungen auf. Tuttle bedauerte den Vorfall öffentlich. Laut dem offenen Brief berichteten einige Filmschaffende anschließend, sie seien von Festivalverantwortlichen "aggressiv zurechtgewiesen" worden. Zudem wird das in Jerusalem ansässige Palestine Film Institute zitiert , wonach die Berlinale mit der Bundespolizei bei Ermittlungen kooperiert habe. Vorausgegangen waren Äußerungen von Jurypräsident Wim Wenders. Auf die Frage, warum sich die Berlinale zum Krieg in Gaza nicht positioniere – anders als etwa zum Iran oder zur Ukraine – antwortete er auf einer Pressekonferenz: "Wir können nicht das Feld der Politik betreten, wir müssen uns aus der Politik heraushalten, wir sind das Gegenstück zur Politik." Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy, die als Jurorin vorgesehen war, sagte daraufhin ihre Teilnahme ab. Die Berlinale bedauerte die Absage und stellte sich hinter Wenders. Tuttle appelliert an Israel Auf die Frage nach ihrer persönlichen Haltung sagte Tuttle, sie sei zutiefst betroffen über den Verlust von Menschenleben in der Zivilbevölkerung. "Ich fordere Israel nachdrücklich auf, sich an das Völkerrecht zu halten", sagte sie. Auch die Regierungen und Partner Israels müssten dafür sorgen, dass sie sich an das Völkerrecht hielten, um das Leben der Zivilbevölkerung zu schützen. Gleichwohl handele es sich um ein Thema, dessen "Komplexität und Sensibilität" man in einem kurzen Statement nicht vermitteln könne. Die Einteilung von Menschen in "pro-palästinensisch" oder "pro-israelisch" verenge die Bandbreite an Perspektiven, sagte Tuttle. Es sei "sehr gefährlich", wenn das Festival selbst Stellung beziehe, weil damit Menschen signalisiert werde, dass ihre Meinung nicht erwünscht sei. Die Auseinandersetzung steht vor einem größeren rechtlichen Hintergrund. Mehrere Menschenrechtsorganisationen sowie eine unabhängige UN-Kommission haben festgestellt, dass Israel in Gaza einen Völkermord begehe. Südafrika hat Israel vor dem Internationalen Gerichtshof verklagt; ein abschließendes Urteil steht noch aus. Ob die Parole "From the River to the Sea" in Deutschland strafbar ist, haben Gerichte bislang unterschiedlich bewertet. Das Oberlandesgericht Düsseldorf stufte den Slogan Ende November als Kennzeichen einer terroristischen Organisation ein; das Kammergericht Berlin tendierte im Januar in dieselbe Richtung. Eine abschließende Entscheidung des Bundesgerichtshofs steht noch aus. Die UN-Sonderberichterstatterin für Meinungsfreiheit, Irene Khan, bezeichnete diese Einstufung in einem vorläufigen Bericht nach einem Deutschlandbesuch als "unverhältnismäßig" und nicht vereinbar mit internationalen Menschenrechtsstandards.