Zeit 09.02.2026
15:38 Uhr

Trainsurfing: Gefährlicher Trend: Mehr Trainsurfer in Hamburg


Trainsurfing: Gefährlicher Trend: Mehr Trainsurfer in Hamburg
In Hamburg haben sich die Fälle von sogenanntem "Trainsurfing" binnen kurzer Zeit mehr als verdreifacht. Wurden 2024 noch 22 Fälle gezählt, in denen Menschen außen auf Kupplungen, Trittbrettern oder Dächern von U- oder S-Bahnen mitfuhren, waren es im vergangenen Jahr bereits 81, wie aus der Senatsantwort auf eine Schriftliche Kleine Anfrage aus der AfD-Bürgerschaftsfraktion hervorgeht. In den drei Jahren zuvor waren die Zahlen jeweils noch einstellig. Im vergangenen Jahr wurden demzufolge "Trainsurfer" nur von der U-Bahn dokumentiert. Auch 2024 wurden demnach nur zwei der insgesamt 22 Fälle von der S-Bahn gemeldet. Hochbahn: "Selbstmörderischer Akt" macht auch andere zu Opfern Es komme immer wieder mal zu "unerlaubten Mitfahrten auf oder zwischen U-Bahn-Zügen, die trotz aller Überwachungsmaßnahmen in einem offenen System nicht komplett zu verhindern sind", sagte Hochbahnsprecher Andreas Ernst der Deutschen Presse-Agentur. Auch sei der Begriff "Trainsurfing" irreführend. "Es ist ein selbstmörderischer Akt, der zudem noch andere als potenzielle Opfer einbezieht". Als Beispiel nannte er Fahrpersonal, Rettungs- und Sicherheitskräfte sowie Fahrgäste. Es sei zu prüfen, ob das Hochladen entsprechender Videos in Sozialen Medien verhindert werden könne, sagte Ernst. "Besteht hier vielleicht ein Hebel, wenigstens den einen oder die andere von diesem Wahnsinn abzubringen?" Die deutliche Steigerung der Fallzahlen in den vergangenen Jahren führte er auf die Corona-Pandemie zurück, während der deutlich weniger Menschen im U-Bahnnetz unterwegs gewesen seien. "Die Steigerung 2024-2025 erklären wir uns durch eine verstärkte Bereitschaft der Kundinnen und Kunden, solche Vorfälle zu melden." Keine Sach- oder Personenschäden durch Trainsurfing bekannt Andere Anbieter sind demnach gar nicht betroffen: "Bei den Verkehrsunternehmen nordbahn, AKN und metronom wurden in den vergangenen fünf Kalenderjahren keine dokumentierten Fälle von unbefugtem Mitfahren auf den Außenbereichen von Schienenfahrzeugen im Hamburger Stadtgebiet gemeldet", schreibt der Senat. Und offenbar ging es auch immer glimpflich aus: "Den Verkehrsunternehmen sind keine Personen- und/oder Sachschäden im benannten Zeitraum auf dem Hamburger Stadtgebiet bekannt", heißt es weiter. In die Kriminalstatistik gingen demnach für das Jahr 2024 und für den Zeitraum Januar bis September 25 nur sechs beziehungsweise drei Straftaten "Gefährlicher Eingriff in den Bahn-, Schiffs- und Luftverkehr" ein. Der Senat verweist in seiner Antwort aber darauf, dass Täterinnen und Täter unter 14 Jahren nicht schuldfähig sind. "Gegen sie können keine strafrechtlichen Sanktionen verhängt werden." Bundespolizei informiert in Kampagne über Gefahren Mutproben, die gefilmt und im Netz veröffentlicht zum Trend würden, seien nichts Neues, heißt auf die Frage, ob es entsprechende Aufklärungskampagnen gebe. "Viele dieser Challenges sind harmlos, andere hingegen bergen gesundheitliche Risiken und können zu schweren Verletzungen oder psychischen Beeinträchtigungen führen", warnt der Senat. Deshalb biete die Bundespolizei eine Aufklärungskampagne zum Thema S-Bahn-Surfen an. Auch die S-Bahn setze gemeinsam mit der Landes- und Bundespolizei Präventionsteams ein, die an Hamburger Schulen und Jugendeinrichtungen über die Gefahren an Bahnanlagen und öffentlichen Plätzen aufklärten. Zudem sei die Hochbahn-Wache für das Thema sensibilisiert. Besonders betroffene Bereiche würden durch die Leitstelle verstärkt überwacht, schreibt der Senat. "Darüber hinaus erprobt die Hochahn derzeit ein Pilotprojekt zur KI-gestützten Videoüberwachung an Bahnsteigen, das künftig zur frühzeitigen Erkennung sicherheitskritischer Situationen an U-Bahn-Haltestellen beitragen kann." AfD bemängelt fehlende Strategie gegen Trainsurfer Für den AfD-Abgeordneten Eugen Seiler ist das nicht genug: "Der rot-grüne Senat erkennt den Trend zwar an, liefert aber keine wirksame Strategie, um diese lebensgefährliche Entwicklung einzudämmen." "Wenn aus 2 Fällen plötzlich 20 und dann 81 werden, ist das kein Randphänomen mehr – das ist ein Alarmzeichen für die Sicherheit der Fahrgäste", sagte er mit Blick auf die Entwicklung er drei zurückliegenden Jahre. Der gefährliche Trend müsse gestoppt werden, sagte Seiler und forderte einen Maßnahmen-Mix: "Konsequente Gefahrenabwehr, sichtbare Präsenz an Brennpunkten, klare Ansprache in Schulen und eine nachhaltige Strategie gegen die Verbreitung solcher Videos in den sozialen Medien." S-Bahn-Surfer machten vor fast 40 Jahren erste Schlagzeilen In Hamburg machten die ersten S-Bahn-Surfer Ende der 1980er-Jahre Schlagzeilen - lange vor Selfie-Videos und Challenges in sozialen Medien. Auf rund 250 Jugendliche mit einem harten Kern von 40 Personen schätzte 1989 eine von der damaligen Bahnpolizei gegründete Sonderkommission die Zahl der Anhänger in Hamburg. 1988 meldete die Deutsche Presse-Agentur einen ersten Toten aus dem Hamburger Umland: Ein 15-Jähriger war von einem Zug gestürzt und hatte sich das Genick gebrochen. 1995 wurde die Leiche eines polizeibekannten "S-Bahn-Surfers" im Bahntunnel zwischen Harburg und Wilhelmsburg entdeckt. Die Polizei sprach damals vom vermutlich ersten Todesfall auf Hamburger Stadtgebiet. © dpa-infocom, dpa:260209-930-660753/2