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26.01.2026
15:05 Uhr
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Innerhalb weniger Wochen haben US-Einwanderungsbeamte mindestens vier Menschen erschossen. Die US-Regierung stellt Opfer als Terroristen dar. Die Fälle im Überblick

Wieder Minneapolis, wieder stirbt ein Mensch durch Schüsse eines US-Beamten. Seit Mitte Dezember haben Beamte der Einwanderungsbehörde ICE und der Grenzschutzbehörde Border Patrol mindestens vier Menschen erschossen. Die US-Regierung stellt sich an die Seite der Beamten und spricht von Notwehr, die offiziellen Darstellungen sind aber zum Teil hochumstritten. Die wichtigsten Fragen im Überblick. Welche Todesfälle wurden zuletzt bekannt? Der jüngste Fall ist der von Alex Pretti, einem 37 Jahre alten Krankenpfleger , der am Samstag in Minneapolis von einem Bundesbeamten getötet wurde. Die Behörden verweisen auf Notwehr gegen einen Bewaffneten, Videos von dem Vorfall lassen aber erhebliche Zweifel an dieser Darstellung aufkommen . Sie zeigen, wie Beamte Pretti niederringen, ihm mutmaßlich eine Waffe aus der Hüftgegend entfernen und ihn dann mit mehreren Schüssen töten. Am 7. Januar erschoss ein ICE-Beamter in Minneapolis die 37-jährige Renée Good . Auch hier lautet die offizielle Darstellung Notwehr, auch hier gibt es Zweifel daran. Good war im Auto unterwegs, als sie getötet wurde. Aufnahmen zeigen, wie ein Beamter aggressiv an der Tür der Frau rüttelte, woraufhin sich der Wagen in Bewegung setzte. Offenbar schlägt die Fahrerin dabei die Lenkung ein, um sich nach rechts zu entfernen, woraufhin ein anderer ICE-Beamter, der vor dem Wagen steht, seine Waffe zieht und sofort aus nächster Nähe schießt . Am 31. Dezember 2025 erschoss ein ICE-Beamter außer Dienst in Los Angeles den 43-jährigen Keith Porter Jr. Laut Los Angeles Times teilten die Behörden mit, der Beamte habe auf einen "aktiven Schützen" reagiert, der auch auf ihn geschossen habe. Angehörige widersprechen der Darstellung. Porter Jr. habe lediglich Silvester gefeiert, in die Luft geschossen und niemanden verletzen wollen. Es gibt keine Aufnahmen von dem Vorfall. Am 11. Dezember 2025 erschoss ein Beamter der Border Patrol den 31 Jahre alten Mexikaner Isaias Sanchez Barboza nahe der mexikanischen Grenze in Texas. In einer offiziellen Mitteilung der Behörden heißt es, der Mann sei mit anderen in Camouflage unterwegs gewesen. Als sie von Beamten angesprochen worden seien, hätten sie versucht, in Richtung Mexiko zu fliehen. Ein Beamter habe versucht, den 31-Jährigen festzunehmen, wogegen dieser sich gewehrt habe. Daraufhin habe der Beamte ihn erschossen. Laut NBC News ist unklar, ob es Videoaufnahmen von dem Vorfall gibt. Im Januar sind darüber hinaus mindestens vier Menschen in US-Abschiebehaft gestorben . Ein Kubaner wurde laut Autopsiebericht in einer texanischen Haftanstalt getötet . Wird gegen beteiligte Beamte ermittelt? Im Fall Pretti hat US-Präsident Donald Trump eine Untersuchung angekündigt . Seine Regierung prüfe alles und werde dann zu einem Ergebnis kommen, sagte er in einem Interview. Wie genau diese Untersuchung aussehen soll und wer sie durchführt, ist unklar. Zuvor hatten mehrere Republikaner eine lückenlose Aufklärung gefordert. Im Fall Renée Good kommen die Ermittlungen nur schleppend voran. US-Medienberichten zufolge sind die örtlichen Behörden im US-Bundesstaat Minnesota auf sich allein gestellt. Hochrangige Beamte des Justizministeriums erklärten demnach mehrfach, es werde keine Untersuchung der Bundesbehörden geben, ob von ICE-Beamten übermäßige Gewalt angewendet worden sei. Wie unter anderem die New York Times berichtet, weigerten sich die Bundesbehörden zudem, mit den Ermittlern in Minnesota zusammenzuarbeiten, was die Aufklärung des Falls erschwere. Eine FBI-Agentin trat der Zeitung zufolge zurück, weil die FBI-Führung sie unter Druck gesetzt haben soll, die Ermittlungen einzustellen. Kurz nach der Tötung von Good hatte US-Vizepräsident JD Vance gesagt, dass ICE-Beamte "absolute Immunität" besäßen. Später relativierte er die Aussage und versicherte, dass der Vorfall untersucht würde. Wenn jemand etwas falsch gemacht haben sollte, werde es Disziplinarmaßnahmen geben. Wie rechtfertigt die US-Regierung die Tötungen? Ohne Ermittlungen abzuwarten, stellt sich die US-Regierung auf die Seite der Beamten und argumentiert mit Notwehr. Wenige Stunden nach Prettis Tod bezeichnete Stephen Miller, Vizestabschef des Weißen Hauses, diesen in Social-Media-Posts als "Terroristen", der versucht habe, Beamten zu töten. Heimatschutzministerin Kristi Noem hatte bereits Renée Good als "Terroristin" bezeichnet. Präsident Trump macht die Demokraten für die tödlichen Schüsse gegen Grood und Pretti mitverantwortlich. "Tragischerweise haben zwei amerikanische Bürger infolge dieses von den Demokraten verursachten Chaos ihr Leben verloren", schrieb er auf seiner Social-Media-Plattform. Die Demokraten hätten die Bevölkerung dazu angestiftet, Einsätze der Behörden zu behindern. In der von den Demokraten regierten Großstadt Minneapolis im Norden der USA sind seit Wochen Tausende Beamte von ICE und der Border Patrol im Einsatz, um von Trump angeordnete Massenabschiebungen umzusetzen. Wie reagieren Demokraten und Republikaner? Nach den beiden Tötungen in Minneapolis kommt besonders starker Protest vom dortigen demokratischen Bürgermeister Jacob Frey und von Minnesotas Gouverneur Tim Walz, ebenfalls Demokrat. Frey forderte Trump auf, ICE aus seiner Stadt abzuziehen. "Wie viele Menschen müssen noch sterben oder angeschossen werden, bevor das endlich aufhört?", sagte er. Walz sprach von einer "Besatzung", die enden werde. Trump müsse seine "3.000 untrainierten Agenten" abziehen. Auch aus den Reihen der Republikaner gibt es mittlerweile kritische Stimmen. Der Vorsitzende des Ausschusses für Heimatschutz im Repräsentantenhaus, Andrew Garbarino, forderte, dass die Leitungen der Einwanderungsbehörden Rede und Antwort stehen sollten. Der republikanische Senator Bill Cassidy aus Louisiana schrieb in den sozialen Medien, die tödlichen Schüsse in Minneapolis seien "äußerst verstörend". Die Glaubwürdigkeit von ICE und Heimatschutzministerium stehe auf dem Spiel. Republikaner Thom Tillis drang ebenfalls auf "gründliche und unparteiische" Ermittlungen und äußerte Kritik an der Reaktion der Bundesregierung auf den Vorfall. "Jeder Regierungsvertreter, der vorschnell urteilt und versucht, eine Untersuchung noch vor ihrem Beginn abzuwürgen, erweist der Nation und dem Vermächtnis von Präsident Trump einen enormen Bärendienst." Die beiden ehemaligen demokratischen US-Präsidenten Barack Obama und Bill Clinton riefen zu friedlichem Protest auf . Die US-Demokraten wollen außerdem im Kongress Druck aufbauen und Haushaltsmittel blockieren, die für ICE vorgesehen sind. Wie reagiert die Bevölkerung? Insbesondere die beiden auf Video festgehaltenen Tötungen lösen Empörung aus. Proteste, die sich zunächst gegen die ICE-Einsätze gegen angeblich illegale Migranten gerichtet hatten, wurden dadurch noch verstärkt. Erbost sind viele auch über die Festnahme eines Fünfjährigen durch ICE-Kräfte in Minneapolis. Nach den tödlichen Schüssen auf Renée Good hatte es in den USA landesweit Hunderte Demonstrationen gegeben . Laut CNN gab es am Wochenende nach der Tötung von Alex Pretti erneut im ganzen Land Proteste. Mit Material der Nachrichtenagenturen AP, AFP und dpa.