Zeit 24.02.2026
13:10 Uhr

Tod von "El Mencho": So ist die Lage in Mexiko


Straßenblockaden, brennende Busse, getötete Soldaten: Nach dem Tod von Kartellchef "El Mencho" reagiert dessen Drogenbande landesweit mit Gewalt. Ein Überblick

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Das mächtige mexikanische Drogenkartell Jalisco Nueva Generación hat landesweit Gewalt ausgelöst, weil sein Anführer Nemesio Rubén Oseguera Cervantes alias "El Mencho" bei einem Militäreinsatz getötet wurde. In zahlreichen Bundesstaaten steckten Anhänger des Drogenbosses Autos, Banken, Tankstellen und Geschäfte in Brand und blockierten viele Straßen. Mexikanische Medien berichten, dass 20 der 32 mexikanischen Bundesstaaten betroffen seien. Insgesamt wurden mindestens 74 Menschen getötet. Präsidentin Claudia Sheinbaum rief die Bevölkerung zur Ruhe auf. Ein Überblick über die Lage im Land Was ist passiert? Mexikanische Soldaten haben am Sonntag den Anführer des Drogenkartells Jalisco Nueva Generación (CJNG), Nemesio Rubén Oseguera Cervantes – genannt "El Mencho" – getötet. Wie das mexikanische Verteidigungsministerium mitteilte, wurde der Drogenboss bei dem Einsatz in dem Ort Tapalpa im mexikanischen Bundesstaat Jalisco verletzt und starb später auf dem Luftweg nach Mexiko-Stadt. Bei dem Militäreinsatz wurden demnach neben dem 59 Jahre alten "El Mencho" mindestens sechs weitere Mitglieder des Kartells sowie sieben Nationalgardisten getötet. Zwei mutmaßliche Mitglieder von Jalisco Nueva Generación seien festgenommen worden. Eine Geliebte des CJNG-Anführers führte die mexikanischen Sicherheitsbehörden zu dem Aufenthaltsort des berüchtigten Drogenbosses. Die Frau sei von einer Vertrauensperson zu einer Ranch in Tapalpa Tapalpa gebracht worden, sagte der mexikanische Verteidigungsminister Ricardo Trevilla am Montag (Ortszeit) bei einer Pressekonferenz. Nach ihrem Treffen mit Oseguera am Samstag sei sie wieder abgereist, der Drogenboss sei mit seinen Leibwächtern in dem Anwesen zurückgeblieben. Die Armee machte sich daraufhin für einen Einsatz an Land und in der Luft bereit, um den seit Jahren gesuchten "El Mencho" festzunehmen. Trevilla berichtete, zunächst seien die Einsatzkräfte außerhalb des Bundesstaates Jalisco geblieben, um die Sache "geheimzuhalten und das Überraschungsmoment zu bewahren". Als die Bestätigung vorlag, dass sich der Drogenboss tatsächlich auf der Ranch aufhielt, wurde der Befehl erteilt, das Gelände am Sonntag zu stürmen. Wie der mexikanische Fernsehsender TV Azteca berichtete , fokussierte sich die Operation in Tapalpa auf zwei Wohnsiedlungen sowie auf das etwa sieben Kilometer vom Ortszentrum entfernte Anwesen Rancho Pinto. Augenzeugen zufolge kamen bei dem Militäreinsatz am frühen Sonntagmorgen demnach neben schwer bewaffneten Bundesbeamten auch Hubschrauber und zweimotorige Flugzeuge zum Einsatz. Die bewaffnete Auseinandersetzung mit den Kartellmitgliedern dauerte dem Bericht zufolge etwa drei Stunden. Für den mexikanischen Staat ist es ein Triumph, "El Menchos" Leiche in ihrer Gewalt zu haben. Sicherheitsminister Omar García Harfuch versicherte allerdings, dass der Tote später an seine Angehörigen übergeben werde. Wo der Drogenboss seine letzte Ruhestätte bekommt, ist noch unklar. Tapalpa ist eigentlich bekannt als Anziehungspunkt für den Wochenendtourismus. Seit Jahren gibt es jedoch Berichte, wonach das ländliche Gebiet nahe der Provinzhauptstadt Guadalajara als strategischer Zufluchtsort des CJNG genutzt wurde. Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum hatte noch vor wenigen Wochen gesagt: "Eine Rückkehr zum Krieg gegen die Drogen ist keine Option". Eine solche Politik führe letztlich in den Faschismus, fügte sie hinzu. Wie ist die Lage im Land? Kurz nach dem spektakulären Einsatz wurde nach Angaben der Behörden auch "El Menchos" rechte Hand Hugo H., bekannt als "El Tuli", auf der Flucht getötet. Als Rache für den Tod seines Bosses habe er von El Grullo aus, einer anderen Stadt in Jalisco, Straßenblockaden und das Abfackeln von Fahrzeugen befohlen. "Er hat 20.000 Peso (985 Euro) für jeden getöteten Soldaten geboten", sagte der mexikanische Verteidigungsminister Trevilla. Das Kartell reagierte daraufhin landesweit mit Gewalt auf den Militäreinsatz. So blockierten Mitglieder der Bande unter anderem in den Bundesstaaten Jalisco, Michoacán, Aguascalientes, Tamaulipas und Guanajuato Straßen mit brennenden Autos, Lastwagen und Bussen. Insgesamt wurden Behördenangaben zufolge mehr als 250 Straßenblockaden in 20 Bundesstaaten gezählt. Die meisten davon seien inzwischen geräumt worden, hieß es in der Nacht auf Montag (Ortszeit). Von den gewalttätigen Angriffen sollen etwa 20 der 32 mexikanischen Bundesstaaten betroffen gewesen sein, wie mexikanische Medien berichteten. Videos aus der von Touristen beliebten Stadt Puerto Vallarta an der Pazifikküste zeigten brennende Autos und große schwarze Rauchwolken, die zwischen Gebäuden aufstiegen. Im Bundesstaat Michoacán wurde nach Angaben von Gouverneur Alfredo Ramírez für diesen Montag der Schulunterricht abgesagt. Wie der mexikanische Sicherheitsminister Omar García Harfuch mitteilte, wurden bei der Festnahme "El Menchos" und anschließenden Kämpfen zwischen Sicherheitskräften und Verdächtigen mindestens 74 Menschen getötet . Darunter seien auch 25 Mitglieder der Nationalgarde, ein Justizvollzugsbeamter, ein Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft sowie rund 30 mutmaßliche Bandenmitglieder gewesen, sagte Sicherheitsminister Harfuch. Bei den Unruhen sind den Behörden zufolge keine Ausländer verletzt worden. Am Montagabend sagte Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum, mittlerweile sei es "friedlich" und "ruhig" im Land. In der bei Touristen beliebten Karibikregion der Halbinsel Yucatán wurden dennoch präventiv rund 10.000 Soldaten und Polizisten zur Bewachung eingesetzt. Dort befinden sich Urlaubsziele wie Cancún, Tulum und Isla Mujeres. "Die Sicherheit der Bevölkerung hat für uns oberste Priorität", sagte die Gouverneurin des Bundesstaats Quintana Roo, Mara Lezama. Alle Aktivitäten laufen ihren Angaben zufolge normal weiter, einschließlich Schulen, Krankenhäuser, Flughäfen, Straßen, Häfen und öffentlicher Einrichtungen. Experten befürchten, dass der Tod des Drogenbosses zu weiterer Gewalt rivalisierender Banden führen könnte. "Dies könnte der Moment sein, in dem diese anderen Gruppen erkennen, dass das Kartell geschwächt ist, und die Gelegenheit nutzen wollen, ihre Kontrolle auszuweiten und das Jalisco-Kartell in diesen Bundesstaaten zu übernehmen", sagte David Mora von der International Crisis Group. Welche Reaktionen gibt es? Der stellvertretende Außenminister der USA, Christopher Landau, schrieb auf X , mit "El Mencho" sei einer der "blutigsten und rücksichtslosesten Drogenbosse" getötet worden. "Das ist eine großartige Entwicklung für Mexiko, die USA, Lateinamerika und die ganze Welt. Die Guten sind stärker als die Bösen", fügte er hinzu. US-Präsident Donald Trump schrieb knapp auf seinem sozialen Netzwerk, Mexiko müsse seine Bemühungen gegen Kartelle und Drogen verstärken. Die US-Botschaft in Mexiko und die diplomatischen Vertretungen anderer Länder forderten ihre im Land befindlichen Bürger zu erhöhter Wachsamkeit auf. Unter anderem wurde vor Gewalttaten in den beliebten karibischen Urlaubszielen Cancún, Cozumel und Tulum gewarnt. Aufgrund laufender Sicherheitsoperationen und Straßensperren sollten US-Bürger an den betroffenen Orten bis auf Weiteres in ihren Unterkünften bleiben, teilte die Botschaft mit. Auch die deutsche Botschaft warnte auf X, dass es "in verschiedenen Landesteilen zu Unruhen, Straßensperren und Brandstiftungen" kommt. Wer sich an einem sicheren Ort wie einem Hotel aufhalte, solle dort bis auf Weiteres bleiben und auf nicht unbedingt erforderliche Fahrten verzichten: "Versuchen Sie bei Straßensperren nicht, sich zu widersetzen oder zu flüchten." Eine offizielle Reisewarnung des Auswärtigen Amtes liegt bisher nicht vor. Die Bundesregierung riet lediglich zu besonderer Vorsicht. Die Reisehinweise auf der ‌Webseite des Auswärtigen ‌Amtes würden nach Bedarf angepasst, sagte eine Ministeriumssprecherin in Berlin. Beim Auswärtigen Amt sei eine "niedrige vierstellige Zahl" an Deutschen registriert, die sich ​in Mexiko aufhielten. "Es können natürlich aber deutlich mehr sein, weil keine Meldepflicht besteht", sagte die Sprecherin. Die Lufthansa behielt ihre täglichen Flüge von Frankfurt am Main und München nach Mexiko-Stadt zunächst ‌bei. Nordamerikanische Fluggesellschaften sagten am Sonntag Flüge in mehrere mexikanische Städte ab. Airlines wie United, Southwest und Air Canada teilten mit, die Städte Puerto Vallarta, Guadalajara oder Manzanillo würden vorerst nicht mehr angeflogen. Einige Flugzeuge, die bereits auf dem Weg nach Mexiko gewesen seien, seien auf halber Strecke umgekehrt. Der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bunds, Rudi Völler, bezeichnete die Vorfälle mit Blick auf die Fußball-WM im Sommer als erschreckend. "Wir haben alle natürlich die Hoffnung, dass sich das in den nächsten Tagen und Wochen wieder beruhigt, bis die WM losgeht", sagte Völler. Besonders betroffen ist der Bundesstaat Jalisco mit der Hauptstadt Guadalajara, in der eins der drei mexikanischen WM-Stadien steht und die Teams von Kolumbien und Südkorea ihre Camps geplant haben. Insgesamt sollen in Mexiko 13 Spiele stattfinden. Was ist über das Kartell Jalisco Nueva Generación bekannt? Das von "El Mencho" geführte Verbrechersyndikat CJNG ist eine der kriminellen Gruppen mit der größten Präsenz in Mexiko. Laut dem Drug Enforcement Administration (DEA)-Bericht von 2023 ist CJNG in 21 von 32 Bundesstaaten präsent und hat etwa 18.800 Mitglieder. Nach Angaben von US-Behörden ist das Kartell eine transnationale Organisation mit Verbindungen bis nach China und Australien. Neben dem Handel mit Fentanyl, Kokain, Heroin und Methamphetamin ist es demnach auch in Erpressung, Schleusung von Migranten, Diebstahl von Öl und Mineralien sowie Waffenhandel verwickelt. Das Kartell Jalisco Nueva Generación verfügt über ein großes Waffenarsenal und gepanzerte Fahrzeuge. In Mexiko verübte es blutige Anschläge auf Sicherheitskräfte, hängte Leichen an Brücken auf und schoss einen Militärhubschrauber ab. Dem Kartell wird vorgeworfen, junge Menschen mit falschen Jobangeboten anzulocken, um sie zwangsweise zu rekrutieren. Wer war "El Mencho"? Nemesio Rubén Oseguera Cervantes wurde am 17. Juli 1966 in Aguililla in dem westmexikanischen Bundesstaat Michoacán geboren. Seit den Neunzigern war Oseguera Cervantes in den Drogenschmuggel verwickelt. In dieser Zeit wanderte er in die USA aus. In Kalifornien wurde er mehrmals wegen geringfügiger Delikte festgenommen. Wegen Verschwörung zum Drogenhandel in Kalifornien wurde er 1994 verurteilt und verbrachte fast drei Jahre im Gefängnis. Nach seiner Entlassung wurde er nach Mexiko abgeschoben. Dort trat er der Polizei in einer Gemeinde in Jalisco bei. Letztlich entschied er sich jedoch dafür, sich dem Schutzkreis des Drogenhändlers Armando Valencia Cornelio (Chef des Kartells Los Valencia/del Milenio) anzuschließen. Die Gruppe hatte eine Allianz mit dem Sinaloa-Kartell, doch nach dem Tod eines ihrer Bosse, Ignacio Coronel Villarreal, trennten sich die Gruppen 2010. Zusammen mit seinem Schwager Abigael González Valencia erbte Oseguera Cervantes einen Teil dieser Struktur und gründete 2011 zusammen mit Erik Valencia Salazar das Kartell Nuevo Jalisco Genereción (CJNG). "El Mencho" soll ein Milliardenvermögen besessen und Geld mit Immobilien, Viehzucht und Musikgeschäften gewaschen haben. Welche Rolle spielen die USA? Die USA haben die mexikanische Regierung bei der Operation gegen das Drogenkartell mit Geheimdienstinformationen unterstützt. Trumps Sprecherin Karoline Leavitt schrieb auf X, "El Mencho" sei "als einer der größten Fentanyl-Schmuggler in unser Land ein Hauptziel der mexikanischen und der US-amerikanischen Regierung" gewesen. Leavitt teilte mit, die US-Regierung habe den Einsatz mit Geheimdienstinformationen unterstützt. Mexikos Präsidentin Sheinbaum bekräftigte am Montag, US-Soldaten seien nicht an dem Einsatz beteiligt gewesen. Es habe lediglich ein "intensiver Informationsaustausch" mit den USA stattgefunden. Zuvor hatte die US-Regierung das extrem gewalttätige Drogenkartell von "El Mencho" als ausländische Terrororganisation eingestuft und eine Belohnung von 15 Millionen US-Dollar (rund 12,7 Millionen Euro) für Hinweise zur Ergreifung des Drogenbosses ausgesetzt. Trump hatte Mexiko in den vergangenen Monaten mehrfach aufgefordert, mehr gegen den Schmuggel der synthetischen Droge Fentanyl zu unternehmen. Er hatte dem Nachbarland weitere Zölle angedroht und auch Einsätze des US-Militärs in Mexiko in Betracht gezogen, wenn es Sheinbaums Regierung nicht gelinge, Ergebnisse vorzuweisen. (Mit Material der Nachrichtenagenturen AFP, dpa, KNA und Reuters)