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06.12.2025
15:09 Uhr
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Der erfolgreichste deutsche Fußballer kann in Miami seinen 36. Titel gewinnen. Unser Kolumnist ist verblüfft: Ein Einzelner kann doch eine ganze Mannschaft verbessern.

In unserer Kolumne " Grünfläche " schreiben abwechselnd Oliver Fritsch, Christof Siemes, Stephan Reich und Christian Spiller über die Fußballwelt und die Welt des Fußballs. Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende , Ausgabe 49/2025. Am Tag, als der erfolgreichste deutsche Fußballer in seiner neuen Heimat Vancouver ankommt, hat ihn die dortige Lokalzeitung The Province nicht nur mit der Schlagzeile "A Legend Arrives" auf dem Titel. Im Inneren des Blatts findet sich auch eine Anzeige, gestaltet wie ein Brief. Der Adressat: Das "liebe Vancouver". Die Nachricht: Ich komme nicht, um die Stadt zu besuchen. Ich komme nach Vancouver, um Titel zu gewinnen. Unterzeichner: Thomas Müller. Das muss man ihm lassen: Er hat Wort gehalten. Knapp vier Monate später steht der Bursche aus Pähl im Pfaffenwinkel, den auch ich mir nach 756 Pflichtspielen für den FC Bayern nie außerhalb des Dunstkreises der Säbener Straße vorstellen konnte, im Finale der MLS, der US-amerikanischen Major League Soccer. Und selbst wenn er am Nikolausabend mit seinen Vancouver Whitecaps gegen Lionel Messi und dessen Inter Miami das Endspiel verlieren sollte, so hat er doch schon geliefert: Am 1. Oktober gewann Müller mit seinem neuen Team bereits die Canadian Championship, seinen 35. Titel. Damit hat er nun sogar einen mehr als der legendäre Titelfresser Toni Kroos. Als Bewohner eines der hochnäsigen Fußballländer Europas galt auch mir die MLS bislang allenfalls als zweitklassig; ein Austragsstüberl für alternde Stars, die bei Sonnenschein und mittlerer Spielintensität noch mal richtig Kasse machen wollen. Aber Müller hat den Ausflug in den Wilden Westen von Anfang an ernst genommen. Und wenn ich seine ersten Monate in der Zweitklassigkeit Revue passieren lasse, muss ich sagen: Respekt. Schon als er bei der Abreise am Münchner Flughafen den letzten Leberkaas verzehrt, ist die Melancholie verflogen, die ihn beim Abschied von seinem Lebensverein FCB umwehte. Gekränkt war er, dass man ihn dort nicht mehr wollte; seine Karriere schien in schlechter Laune zu versickern, so wie die vieler anderer, die den richtigen Moment zum Abgang verpasst haben. Später postete er noch ein Video, das ihn gemeinsam mit Vater und Bruder im Westernoutfit am Ufer der Isar zeigte, ein letztes, schwermütiges "Schee war's" in die Abenddämmerung hauchend. Doch als der trauernde bajuwarische Cowboy wenig später in Vancouver von kanadischen Indigenen und ihren Trommeln empfangen wird, ist er schon wieder ganz der Alte: "Heiß auf Titel", wie er sagt, und immer für einen Scherz zu haben, auch einen blöden. Gleich in der ersten Sitzung mit seiner neuen Mannschaft gewinnt er deren Herzen: Eine original bayrische Lederhose hat er mitgebracht für Ralph Priso, den jungen kanadischen Mittelfeldspieler, der ihm die Trikotnummer 13 überließ, überlassen musste. Weil Müller mit seiner Weltmeisternummer auf dem Rücken das Team zu höheren Zielen pushen soll. Johlend begrüßen die neuen Spielkameraden das krachlederne Kleidungsstück und seinen Überbringer; geschickt hat er sich eingeführt, nicht als der legendäre Weltmeister und WM-Torschützenkönig, sondern als Gaudibursch. So macht Müller weiter, hibbelig wie ein junges Talent, das froh ist, endlich bei den Großen mitkicken zu dürfen. Als er nach einer Partie noch auf dem Platz eine kleine Torte für sein 300. Karrieretor überreicht bekommt, flachst er: "Da habt ihr wohl die Tore im Training mitgezählt!" Mit seinem neuen Buddy Ryan Gauld, dem Mittelfeldspieler aus Aberdeen, etabliert er als Jubelritual den "schottischen Kuss", bei dem die beiden Männer ihre Stirnen aneinanderreiben wie zwei brünftige Hirsche. Und nach dem Einzug ins MLS-Finale kreiert er eine neue Kopfbedeckungsmode – ein Sandwich aus zwei Basecaps und einer Wollmütze der Whitecaps, in dem er herrlich deppert ausschaut. Aber Müller besitzt neben dem Spaßvogelgen eine natürliche Autorität. Schon im zweiten Spiel trägt er die Kapitänsbinde, auch die Elfmeter darf er schießen. Neun Tore und vier Vorlagen in zwölf Spielen sind nicht schlecht für einen Mann von 36 Jahren, selbst wenn man berücksichtigt, dass manche Verteidiger mitunter respektvollen Abstand zu den Storchenbeinen des Raumdeuters halten. Und er lässt nicht nur Tore für sich sprechen: Auch an der Pazifikküste sendet Radio Müller einfach weiter, und aus dem Goalgetter ist für die Whitecaps-Truppe der No-Names zusätzlich noch so etwas wie ein väterlicher Spielertrainer geworden. Vor dem Anpfiff schwört er seine "Krieger", wie er sie nennt, im Teamkreis ein: Helft einander! Jeder soll den Ball wollen! Seid bereit für ihn! Wenn wir ihn haben, bilden wir Dreiecke! Wir müssen in den Lücken sein und dort spielen! Vertraut unserem System! Und es geschieht, was ich nicht für möglich gehalten hätte: Ein einzelner Fußballer kann halt doch eine ganze Mannschaft verändern und besser machen. Niemand spottet über den Kasperle in der Operettenliga, sondern bewundert, mit welchem Elan Ol' Man Müller versucht, seinen 36. Titel zu gewinnen. Falls er nicht doch noch verletzt ausfällt, kommt es nun zum großen Showdown mit dem Größten der MLS, ach was, der ganzen Welt, mit Lionel Messi. Konterfeis der beiden zieren das Plakat zum Finale; mit zusammengezogenen Augenbrauen schauen die beiden Vollbartträger dem Gipfeltreffen grimmig entgegen. Als sie sich erstmals auf einem Fußballfeld begegneten, waren sie noch jung und glattrasiert, 2010 war das, wenige Monate vor der WM in Südafrika, bei der Müllers Stern aufging (Messi ist schon immer einer gewesen). Es war Müllers erstes Länderspiel, ein 0:1 gegen Argentinien, noch dazu dahoam in München. Von den noch folgenden neun Begegnungen der beiden gewann der Deutsche allerdings sieben, darunter spektakuläre Abreibungen wie das WM-4:0 in Kapstadt, das 8:2 der Bayern gegen Barcelona und natürlich das Finale von Rio 2014. Diesmal aber gilt Messis Miami als Favorit, zumal zum rosa Team des Fußballgotts weitere Altstars gehören wie Luis Suárez oder Sergio Busquets. Aber da ist eben dieser Müller-Faktor. Auch wenn Messi in allen sonstigen Statistiken vorne liegt (Länderspiele 196 : 131, Länderspieltore 115 : 45, Tore im Verein 787 : 301) – unser Mann in Amerika bleibt unberechenbar. Und anders als bei Marco Reus, der im vergangenen Jahr als Neuling in der MLS gleich seinen allerersten Titel gewann, fiebern bei Müller alle mit. Auch wenn mehr als 8.000 Kilometer zwischen München und Miami liegen, wo am Samstagabend um halb neun deutscher Zeit das MLS-Finale beginnt – Thomas Müller ist unser Volksfußballer geblieben.