Zeit 12.12.2025
15:48 Uhr

The Game Awards 2025: Wir leben im goldenen Zeitalter der Indie-Games


Die größte Preisverleihung für Videospiele prämiert die kleinen statt großen Spiele. Die Indie-Spiele kommen damit endgültig im Mainstream an – zum Glück.

The Game Awards 2025: Wir leben im goldenen Zeitalter der Indie-Games
Nein, es kommt nicht auf die Größe an. Weder bei Büchern noch bei Filmen oder Videospielen. Es müssen nicht Tausende von Seiten sein, keine Lauflänge jenseits der Zwei-Stunden-Marke und auch kein Spiel, das mich zig Stunden und 70 Euro oder mehr kostet. Weder muss ich stundenlang durch mittelmäßige, sich ziehende Spielwelten laufen noch die Werbeanzeigen für kostspielige In-Game-Käufe wegklicken. Ich bin müde geworden von einer aufgeblasenen Gaming-Industrie, die sich mit jedem Spiel selbst übertrumpfen möchte und dabei langsam die Kreativität zu Grabe trägt. Was mich aber doch noch am Controller hält, sind die Indie-Spiele, die kleinen Perlen von oft unabhängigen Studios, die sich im Haifischbecken der Branche auch mit kleinem Budget bewähren wollen. Wie viel die inzwischen zu bieten haben, haben besonders die Game Awards gezeigt, die in der Nacht auf Freitag vergeben wurden. Denn die für die Szene wichtige Preisverleihung wurde von den kleinen Spielen dominiert. Und nicht von den Branchenriesen. Drei Indies als Spiel des Jahres nominiert Vor der Show galt das französische Clair Obscur: Expedition 33 mit gleich zwölf Nominierungen als klarer Favorit, neun davon gewann das Rollenspiel, darunter auch Bestes Spiel und Bestes Indie-Spiel. Damit setzt es einen Rekord für die meisten Auszeichnungen bei der Verleihung. Auch das lang erwartete Hollow Knight: Silksong des australischen Entwicklers Team Cherry trat in diesen Kategorien an, ebenso Hades II von den US-amerikanischen Supergiant Games. Alle drei sind Indie-Spiele, die weitab von großen Studios und Publishern entstanden sind. Und zum ersten Mal in der Geschichte der Game Awards waren drei kleine Produktionen gleichzeitig für das beste Spiel des Jahres nominiert. Der Siegeszug der Indie-Spiele kommt zu einem Zeitpunkt, an dem den großen Studios der Atem ausgeht. Activisions Call of Duty stand früher für sicheren Erfolg, das im November erschienene Call of Duty: Black Ops 7 läuft allerdings Gefahr, Synonym für uninspirierte KI-Inhalte und Copy-and-Paste-Entwicklung zu werden. Selbst Activision gab in diesen Tagen zu, das Franchise habe die Erwartungen der Spieler "nicht vollständig erfüllt" . Bei den Game Awards reichte es in keiner Kategorie für eine Nominierung. Ähnlich ging es Assassin's Creed Shadows , das bis auf eine Nominierung in "Innovation im Bereich der Barrierefreiheit" leer ausging. Trotz fünf Millionen Spielern blieb das Spiel hinter den kommerziellen Erwartungen zurück, zählte doch das 2020 erschienene Assassin's Creed Valhalla zu seiner (pandemiebedingten) Hochphase mehr als 20 Millionen Spieler . Natürlich gab es auch dieses Jahr Bestseller, wie EA Sports FC 26 , ehemals FIFA , doch blieben dort die versprochenen spielerischen Innovationen aus. Der Frust der Fans, die seit Jahren auf einen Quantensprung des Fußballspiels warten, ist auf einem Höchststand. Nach langer Wartezeit erschien im Oktober auch ein neuer Battlefield -Ableger , den die Community anfangs noch sehr positiv aufnahm. Doch seitdem haben Updates mit unzähligen Fehlprogrammierungen Battlefield 6 zu einer Tortur werden lassen. Die Trophäe für Bestes Action-Spiel ging entsprechend nicht an den Ego-Shooter, sondern an das kleine Hades II . Die starken Abnutzungserscheinungen in der Gaming-Industrie sind nicht erst vor Kurzem aufgetreten. Assassin's Creed zählt 14 Hauptspiele, Call of Duty weit über zwanzig Ableger und bei Reihen wie Pokémon und Final Fantasy braucht man gar nicht erst mit dem Zählen zu beginnen. Viele Studios greifen daher auf die gleichen Spielmechaniken zurück, setzen vermehrt auf den Einsatz generativer künstlicher Intelligenz und recyceln bereits bekannte Inhalte. Ähnlich wie das Marvel Cinematic Universe auf den Kinoleinwänden kein Garant mehr für schwarze Zahlen ist, geht es so auch den etablierten Videospielmarken. Und auch neue Titel haben es schwer. Wurde das Piraten-Multiplayer-Spiel Skull and Bones letztes Jahr von Ubisoft noch vollmundig beworben , erlitt es bei der Kritik und den Spielern Schiffbruch. Im selben Jahr floppte auch Suicide Squad: Kill the Justice League und sorgte für einen Verlust von 200 Millionen US-Dollar bei Warner Bros . Sonys Online-Shooter Concord soll Entwicklungskosten von 400 Millionen US-Dollar gehabt haben , wurde aber schon nach wenigen Tagen eingestellt. Lauter Perlen in der Indie-Szene Dagegen wirken die unter zehn Millionen US-Dollar, die Clair Obscur: Expedition 33 gekostet haben soll , beinahe mickrig. Es beweist, dass auch Spiele mit vergleichsweise kleinen Budgets, dafür aber mit umso größeren Ambitionen auf dem Markt bestehen können. Schon lange vor den Game Awards verkaufte das Spiel mehr als fünf Millionen Einheiten . Das nicht weniger phänomenale Hollow Knight: Silk Song erreichte ähnliche Verkaufszahlen wohl in nur ein paar Tagen . Es sind die Indie-Games, die 2025 doch noch zu einem starken Spielejahr machen. Und zwar über die Bestes-Spiel-Nominierten hinaus: Etwa das überraschend emotionale Rätselspiel Blue Prince und der niedliche, fast meditative Buchladen-Simulator Tiny Bookshop des Kölner Studios Neoludic Games . Es gab Perlen wie das düstere Horrorspiel in Playstation-1-Optik Labyrinth Of The Demon King, das lustig-tragische Baby Steps und das pixelige Horror-Rollenspiel Look Outside . Auch das hervorragend erzählte Sci-Fi-Rollenspiel Citizen Sleeper 2: Starward Vector ist ein Geheimtipp. Indie-Spiele trauen sich, kreativ zu sein, zu experimentieren, dem Spieler etwas zuzumuten. Auch weil sie nicht an konzerngroße Erwartungen und Quartalszahlen gebunden sind. In kleinen Spielen verzeihe ich Programmierungsfehler leichter, bekomme ich doch so viel mehr zurück als von den großen Produktionen. Wir leben im goldenen Zeitalter der Indies – wozu braucht es noch Multimillionen-Dollar-Games?