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19.12.2025
18:01 Uhr
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Australien galt als Musterland für Einwanderung. Doch unbemerkt sind auch hier die Extremisten erstarkt. Das Land fragt sich nun: Wofür stehen wir?

Der Terroranschlag von Bondi Beach hat das Selbstbild Australiens erschüttert. Stolz belegt das Land seit Jahren die obersten Plätze in Ranglisten der globalen Sehnsuchtsorte. Australien, das ist das Versprechen einer beispiellos offenen Einwanderergesellschaft mit hoher Lebensqualität, einer starken Wirtschaft und bestem Strandwetter. Doch nach dem antisemitischen Schusswaffenangriff mit 16 Toten und Dutzenden Verletzten vom vergangenen Sonntag hat das Bild vom toleranten, multikulturellen Musterland Risse bekommen. Viele Australier sind verstört. Das gilt besonders für die Bewohnerinnen und Bewohner von Bondi Beach . Der Strandvorort von Sydney steht wie kein anderer Ort auf diesem Kontinent für das "Modell Australien" – eine Art Mikrokosmos der Weltbevölkerung, die hier friedlich in Vielfalt zusammenlebt. So gut wie jeder, der hier wohnt, hat eine andere Abstammung und Religion, einen eventuell schwer zu buchstabierenden Nachnamen. Schon länger witzelte man hier, man lebe vermutlich in einer "Bubble", einer Blase der Glückseligkeit inmitten einer zunehmend komplexen Migrationsgesellschaft. Wie explosiv und fragil diese ist, wurde den Bewohnern von Bondi Beach erst mit dem Anschlag bewusst. Insgesamt sind mehr als 51 Prozent aller Australier entweder im Ausland geboren oder haben mindestens ein ausländisches Elternteil, das zeigt der jüngste Zensus aus dem Jahr 2021. Und dieser Anteil steigt. Allein in den zwölf Monaten bis Juni 2025 wuchs die Bevölkerung netto um rund 300.000 Migranten . Auf Fragen nach Herkunft oder kulturellem Hintergrund antworten Australier gern, als wären sie ein Puzzle: "Hier geboren, aber ein Viertel Hongkong-Chinesin, ein Viertel Britin, und mein Großvater mütterlicherseits ist indischstämmiger Fidschaner." Wer hier wohnt, liebt das Meer. Das reicht als gemeinsamer Nenner. Migration ist streng kontrolliert Auch die jüdische Bevölkerung, die nun zur Zielscheibe islamistisch gesinnter Terroristen wurde, kommt aus aller Welt. Die meisten sind Nachfahren von Holocaust-Überlebenden, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Australien auswanderten. Ihre Vorfahren stammen aus Ungarn, aus Polen, aus der Ukraine. Andere zogen aus Südafrika her, aus den USA, aus Russland und Israel. Als Inselkontinent kontrolliert Australien seine Außengrenzen knallhart. Illegale Einwanderung gibt es so gut wie gar nicht mehr. Eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, ist schwer, die Staatsbürgerschaft gilt als Privileg. Behörden entziehen Visa mitunter im Handumdrehen, auch bei Prominenten: US-Rapper Snoop Dogg, bekannt für Drogenkonsum und Waffenbesitz, wurde 2007 an der Grenze abgewiesen. Tennisstar Novak Đoković, ein bekennender Impfgegner, musste während der Coronapandemie das Land verlassen. Grenzbeamte haben Verschwörungstheoretikern wie David Icke das Visum verweigert, ebenso politischen Hardlinern aus Israel, die die Hungersnot im Gazastreifen leugneten. Der umstrittene US-Star Kanye West verlor sein Visum, nachdem er ein Lied namens Heil Hitler veröffentlichte. Eine solche Politik des Durchgreifens sei notwendig, um den gesellschaftlichen Frieden zu wahren, betont der australische Heimatminister Tony Burke. "Wenn du ein Visum hast, bist du zu Gast", sagte er etwa Mitte November , nachdem er einem Südafrikaner das Visum entzogen hatte, der mit einer Gruppe Neonazis vor dem Parlament in Sydney gegen Juden gehetzt hatte. Wer im modernen, multikulturellen Australien nur auftauche, um Hass und Zwietracht zu säen und "unser Zuhause kaputtzumachen", werde nach Hause geschickt, sagte Burke auch vor dem nationalen Presseclub und im Frühstücksradio . Hat Australien doch ein Integrationsproblem? Doch die beiden mutmaßlichen Attentäter von Bondi Beach waren Einheimische. Der jüngere, ein 24-Jähriger, ist in Australien geboren und besitzt die Staatsbürgerschaft. Sein 50-jähriger Vater, von den Polizisten noch am Tatort erschossen, soll 1998 mit einem Studentenvisum aus Indien ins Land gekommen sein. Beide lebten in Bonnyrigg im Westen Sydneys, wohin sich Juden aus Ost-Vororten wie Bondi nur selten verirren. Denn obwohl in Bondi Beach die Welt zusammenkommt, bleibt Australiens Bevölkerung in vielen anderen Orten segregiert. Das multikulturelle Australien, so allgegenwärtig es erscheint, ist gerade einmal 50 Jahre alt. Noch bis 1975 herrschte eine strikt rassistische Kolonialpolitik, bekannt als "White Australia Policy", die sich gegen jegliche Menschen richtete, die nicht britischer oder europäischer Herkunft waren. Anschließende Migrationswellen veränderten das soziale Gefüge in den Küstenmetropolen, wo die meisten der 28 Millionen Einwohner Australiens leben. Trifft man in Bondi viele gebräunte Europäer, Briten und Brasilianer mit nacktem Oberkörper, sind Migranten aus arabischen Ländern seit jeher eher im Westen Sydneys anzutreffen. Dort ist dem Zensus zufolge teils jeder dritte Bewohner muslimisch.