|
26.01.2026
14:06 Uhr
|
Manuela Schwesig weist die CDU-Kritik an Teilzeitarbeitenden zurück. Bundeswirtschaftsministerin Reiche pocht hingegen auf Vollzeit für höhere Arbeitsproduktivität.

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) hat die Union für ihre Angriffe auf die deutschen Arbeitnehmer kritisiert. "Die CDU ist nicht klug beraten, wenn sie ständig verkündet, dass die Menschen in Deutschland nicht genug arbeiten", sagte Schwesig dem stern . Die CDU hatte zuvor den grundsätzlichen Rechtsanspruch auf Teilzeit infrage gestellt. Es gebe ganz unterschiedliche Gründe, warum Menschen in Teilzeit gingen, sagte Schwesig. "Der Staat sollte hier nicht zwischen guten und schlechten Gründen unterscheiden." Stattdessen sei es wichtig, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beziehungsweise Pflege und Beruf zu verbessern. "Dann werden sich mehr Menschen für eine Vollzeitstelle entscheiden." Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland zeigten jeden Tag vollen Einsatz. "Das sollte man nicht kleinreden", sagte Schwesig. Auch der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und stellvertretende SPD-Vorsitzende, Alexander Schweitzer, kritisierte das Bild der Union von den deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Der Begriff "Lifestyle-Teilzeit" sei ein Angriff auf Menschen, die nur versuchten, ihr Leben zu organisieren, sagte er im Deutschlandfunk. Er kenne niemanden, der weniger arbeite, um mehr Zeit auf dem Golfplatz zu verbringen, sagte er weiter. Ziel müssten eher flexible Arbeitszeitmodelle und bessere Angebote in der Kinderbetreuung und Pflege sein. SPD kritisiert Abwertung von Leistung Mehrere SPD-Bundestagsabgeordnete stellten sich ebenfalls gegen die CDU. "Die Menschen in Deutschland arbeiten heute bereits in vielen Fällen an der Belastungsgrenze", sagte die sozialpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Annika Klose, dem Spiegel . "Der Weg der Union, mit ihren Vorschlägen den Druck auf die Beschäftigten immer weiter zu erhöhen, ist ein Holzweg und führt in die Sackgasse: zu höheren Burn-out-Quoten oder einem früheren Ausscheiden aus dem Arbeitsleben." Die SPD wolle Fehlanreize wie Minijobs und das Ehegattensplitting abschaffen. "Wer Sozialleistungen für Teilzeitkräfte streichen will, zeigt, dass es hier nicht um Fachkräftesicherung geht, sondern um Ideologie auf dem Rücken von Beschäftigten", sagte auch der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Sebastian Roloff, dem Spiegel . Deutschland brauche mehr Arbeitszeitvolumen. "Aber der Weg dahin führt über bessere Kinderbetreuung, echte Entlastung bei der Pflege und Anreize statt Sanktionen." Die SPD-Abgeordnete Rasha Nasr sagte dem Spiegel , der Rechtsanspruch auf Teilzeit sei "kein Luxus und kein Zeichen mangelnder Solidarität". Wer Beschäftigte in Teilzeit "als unsolidarisch diffamiert, verkennt die Lebensrealität vieler Menschen und wertet ihre Leistung ab". Union will zu Vollzeit verpflichten Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hielt dagegen und plädierte für mehr Vollzeitarbeit. In puncto Arbeitsproduktivität unterscheide sich Deutschland nicht wesentlich von den USA. "Aber die Wochen- und Monats-Arbeitszeit ist dann im Vergleich zu anderen Staaten – auch übrigens europäischen Staaten – geringer", sagte Reiche. "Insofern ist mehr Vollzeitarbeit kombiniert mit Betreuungsmöglichkeiten für Familien, die das brauchen, oder auch für pflegebedürftige Angehörige, ein wichtiger Baustein." Ziel sei es, die Arbeitsproduktivität zu steigern. Der Wirtschaftsflügel der Union will den Rechtsanspruch auf Teilzeit einschränken und damit Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bis auf wenige Ausnahmen zur Arbeit in Vollzeit verpflichten. Das geht aus einem Antrag der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) an den CDU-Bundesparteitag im Februar hervor. In Teilzeit arbeiten sollen demnach nur noch Menschen unter bestimmten Umständen. Darunter sollen die Erziehung von Kindern, die Pflege von Angehörigen und berufsbegleitende Fort- und Weiterbildung fallen. Kritik kommt auch aus den eigenen Reihen Widerspruch kam nicht nur aus der Opposition, sondern auch aus CDU und CSU. "Mit einer solchen Einschränkung zäumen wir das Pferd von der falschen Seite auf", sagte der Vorsitzende des CDU-Sozialflügels, Dennis Radtke, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Aus guten Gründen haben wir uns als CDU immer für maximale Wahlfreiheit ausgesprochen." Der CSU-Chef Markus Söder hält das Teilzeitverbot ebenfalls für den "falschen Weg". Nach einer Sitzung des Parteivorstands in München sagte er: "Wir wollen eher Anreize setzen, länger zu arbeiten, mit Freiheiten, mit Steuerfreiheiten, mit Abgabefreiheiten, bei Überstunden sowieso." Anreize zu schaffen, werde am Ende wesentlich erfolgreicher sein, als Rechte einzuschränken. Wirtschaftsinstitut fordert Reform von Ehegattensplitting und Minijobs Auch von den Wirtschaftsinstituten kamen unterschiedliche Reaktionen zu dem CDU-Vorstoß. Kritik kam vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Statt einer Abschaffung des Rechts auf Teilzeit schlägt es zur Bekämpfung des Fachkräftemangels eine Reform von Ehegattensplitting und Minijobs vor. Dies würde aus Sicht des DIW eine gleichmäßigere Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit fördern und die ökonomische Eigenständigkeit von Frauen stärken. Dafür müsse zudem die Kinderbetreuung ausgebaut werden. Unterstützung für die CDU kam dagegen vom arbeitgebernahen Institut der Wirtschaft (IW) in Köln. Deren Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer sagte, der Rechtsanspruch sei ein überflüssiger Anachronismus aus einer Zeit der Massenarbeitslosigkeit. Schäfer räumte jedoch ein, dass die Abschaffung allein nicht ausreiche. Auch er nannte einen Ausbau der Kinderbetreuung und eine spürbare Senkung der Abgabenlast als Bedingung, damit sich Mehrarbeit für Beschäftigte lohne.