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25.01.2026
18:38 Uhr
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Deutschland ist die Heimat der Technikskepsis. Seltsamerweise regt sich hier aber wenig Kritik an KI. Ganz anders in den USA. Dort ist sie längst heißes Wahlkampfthema.

Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende , Ausgabe 04/2026. Wieder eine schauerliche Episode der bekannten Reihe "Weil es geht": Auf der Plattform X generiert und verbreitet der Chatbot Grok pornografische Bilder echter Menschen , sogar von Kindern, und verletzt damit massenhaft Urheber- und Persönlichkeitsrechte. Elon Musks Freunde finden das so geil, dass sie gleich mal 20 Milliarden US-Dollar mehr in die Grok-KI investieren . Datenschutzbeauftragte aller Länder sind alarmiert, strengen Untersuchungen an und drohen damit, X komplett zu sperren. In Deutschland hat sich das Bundesjustizministerium eingeschaltet und ein "Digitales Gewaltschutzgesetz" angekündigt, das schon 2024 geplant war, aber dann mit der zerrütteten Ampelregierung unterging. Herrje, jetzt muss man wohl mal reagieren. Reaktion ist das Stichwort. Die technologische Entwicklung im Bereich KI galoppiert davon, und der rechtschaffene Teil der Menschheit hat es nicht einmal geschafft, ihr ein Halfter anzulegen. Sie ist ja eh zu schnell. Und wenn sie irgendwo ein Gatter durchbricht, wird es eben in Ruhe repariert. Solange stürmt sie voran, weil sie es kann. Muss es denn so sein? Wäre nicht Aktion besser als Reaktion? Und ist es nicht albern, einzelne Rechtsbrüche durch die Plattformen abzuwarten, anstatt zu antizipieren, wie dieser Technologiewandel in wenigen Jahren die gesamte Welt und das menschliche Zusammenleben strukturell verändern wird? Die USA sind Europa meist fünf Jahre voraus. Popkultur, Wirtschaft, Gesellschaftsdebatten, politische Strömungen: Was die Supermacht beschäftigt und erfindet, beeinflusst mit etwas Verzögerung auch das alte Europa. In Bezug auf die aktuelle Tech-Revolution dürfte das so aber eigentlich nicht gelten. Zwar sind die Vereinigten Staaten die Heimat der führenden Techkonzerne, aber die US-Bevölkerung hatte keinen wesentlichen Vorsprung in der Auseinandersetzung mit Large Language Models . Zivil nutzbare Chatbots und Bildgeneratoren kamen für alle gleichzeitig auf die Welt. Seit 2023 ist KI unter uns, wir haben sie inzwischen in unseren Browsern und Handys, sie beschleunigt Arbeitsprozesse und erledigt diffizile Spezialjobs. Politisch könnte der Umgang mit ihr jedoch nicht unterschiedlicher sein, besonders, wenn man Deutschland mit den USA vergleicht. Da steht Reaktion gegen Aktion. Während sich hierzulande alle ganz gemütlich dem herrschenden Betriebssystem unterordnen, haben die US-Demokraten in der KI-Ablehnung ein großes Wahlkampfthema entdeckt. "Das Argument stammt aus dem progressiven Flügel, findet aber inzwischen in breiten Teilen der Partei Anklang: Seid offen, lautstark und ohne Vorbehalte Anti-KI", schreibt das US-Medium Politico in einem ausführlichen Beitrag über das sozialpolitische Potenzial der aktuellen Technikkritik. Maschinen werden buchstäblich bekämpft Nur 17 Prozent der US-Bevölkerung sind nämlich der Ansicht, dass sich KI in den kommenden 20 Jahren positiv auf die Gesellschaft auswirken kann . 80 Prozent sind für eine staatliche Regulierung von KI , selbst wenn darunter das Wirtschaftswachstum leiden sollte. So technikpessimistisch wie die Amerikanerinnen und Amerikaner ist kein anderes Volk, sagt eine Studie des Pew-Instituts . Die USA, Italien und Australien führen die internationale Liste der KI-Zweifler an, Deutschland rangiert auf Platz 19. Und dabei galten Medienkonservativismus, Zukunftsangst und Maschinenskepsis doch immer als typisch deutsche Eigenschaften. Den neuen Tech-Oligarchen und ihren Plattformen geht es um Profit, nicht um Moral. In den USA provozieren sie damit einen Widerstand, der den Kern aller Mitte-Links-Parteien trifft: die Angst vor Arbeitslosigkeit, vor erhöhten Strompreisen und Lebenshaltungskosten, vor Missbrauch von Persönlichkeitsrechten und Datenschutz, nicht zuletzt vor einer Entmenschlichung des sozialen Miteinanders. Die Neo-Ludditen an der amerikanischen Ostküste nehmen den Kampf gegen die Maschinen wörtlich und treffen sich zur gemeinsamen Zerstörung der digitalen Produktionsmittel. Das Horrorszenario der sozialpolitischen Aktivisten: Von der Unterschicht bis zur oberen Mittelschicht werden alle arbeitslos – und die Milliardäre verstecken sich in ihren Weinkellern. Zwar gibt es kaum belastbare Prognosen, wie genau KI den US-amerikanischen Arbeitsmarkt und den Alltag der Menschen verändern wird. Aber dass der CEO des KI-Unternehmens Anthropic vor einer kommenden Massenarbeitslosigkeit warnt und meint, innerhalb der nächsten fünf Jahre würde die Hälfte aller Einstiegsjobs in Büros wegfallen, wirkt sicherlich nicht beruhigend. Etwas handfester erscheint die Analyse der demokratischen Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez in einer Kongressanhörung: "Wir sprechen davon, dass rund 40 Prozent des Aktienwachstums in den Vereinigten Staaten allein auf Unternehmen aus dem KI-Sektor zurückgeführt werden. Und dieser Sektor hat bislang keinen Gewinn erzielt ." Im Wettbewerb um die klügsten Rechenmodelle steigen die Unternehmensbewertungen von Microsoft, Google, Amazon und Meta höher und höher. Doch das sind nur Hypotheken auf eine Zukunftshoffnung: Die Konzerne nutzen fremde Daten und Inhalte, spielen mit der menschlichen Psyche, und selbst das ist kein kostendeckendes Geschäftsmodell . Was, wenn die KI-Blase platzt? Kommt es dann schlimmer als 2008? Die verhängnisvolle Verbindung von oligopolischer Machtkonzentration, Hypothekenlast auf ein zu findendes Geschäftsmodell, Umwälzung aller Wertschöpfung und Disruption des Energie- und Arbeitsmarktes sowie des menschlichen Miteinanders – klingt doch alles so, als könnten das auch deutsche Sozialdemokraten und Linkenpolitikerinnen sinnvoll thematisieren. Tun sie aber nicht. In den Wahlprogrammen zur Bundestagswahl 2025 war der wachsame, verantwortungsvolle Umgang mit KI überhaupt kein Thema. Es ging vorrangig um den wirtschaftlichen Nutzen digitaler Automatisierung. Das Land müsse innovationsfreudig und wettbewerbsfähig bleiben, da lagen SPD, FDP und Union nicht weit auseinander. Die AfD schloss sich dem an und forderte – wie die amerikanischen Rechtspopulisten – noch weniger Regulierung. Die Linke konzentrierte sich auf Datenschutz, kein Wort zu KI.