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23.11.2025
21:49 Uhr
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Im Stuttgarter "Tatort" geht es um die sehr gute Frage, was tödlicher ist: Mord oder Einsamkeit. Wenn nur die Sprücheklopfer nicht wären.

Der ARD-Sonntagabendkrimi ist wie ein Adventskalender fürs ganze Jahr. Jede Woche verbirgt sich eine neue Überraschung hinterm Türchen. Nach dem spannenden Schwarzwald-Thriller vom vergangenen Sonntag folgt mit Stuttgart ein Schauplatz, der zuletzt brillierte . Diesmal aber nicht. Gar nicht. Überlebe wenigstens bis morgen (Redaktion: Brigitte Dithard) heißt die Tatort -Folge, die von Einsamkeit handeln soll. Es geht um eine junge Frau namens Nelly Schlüter (Bayan Layla), die ihren Suizid inszeniert, als wäre es ein Mord, damit ihre einst beste Freundin Fine (Trixi Strobel) vor der Hochzeit mit Niclas (Louis Nitsche) mit nervigen Ermittlungen und Verdächtigungen behelligt wird. Das klappt dann aber nicht, weil die Leiche von Nelly erst viel später gefunden wird. Weil der Tatort zumeist ein Whodunit ist, rätseln die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) lange an einem Mord rum. Nellys Ex-Freund Felix Vietze (Malik Blumenthal) macht sich verdächtig, aus Sicht der Betrachterin vor allem durch konsequentes Unsympathischsein. Über ein "Einsamkeitsforum", in dem Nelly unterwegs war, findet sich dann eine halbe Täterin – die fiese Rike Singer (Melanie Straub), Ex-Mitarbeiterin der Forumsgründerin (Lana Cooper). Weil Singer, so die Legende, es selbst nicht schafft, sich umzubringen, treibt sie andere in den Tod. Eine gewagte Konstruktion, weshalb der Hinweis auf Hilfsangebote für Menschen mit Suizidgedanken sogar mitten im Film eingeblendet wird – ein hoher Preis, sensible Themen zu triggern, mit einem Krimi, der seine eigenen Mittel so unsensibel gebraucht. Durch die Konstruktion mit dem als Mord drapierten Suizid gibt Überlebe wenigstens bis morgen schon mal Spannung ab – die krude Auflösung mit der Halbschuld der trüben Ex-Mitarbeiterin lässt das Ende unbefriedigend erscheinen. Dass dieser Tatort nichts mehr wird, merkt man leider relativ schnell. Keine Figur ist auf irgendeine Weise reizvoll oder auch nur prägnant (Besetzung: Deborah Congia, Regie: Milena Aboyan). In zahlreichen Rückblicken sitzt Nelly Schlüter als Frau um die 30 allein in einer Riesenwohnung, deren Einrichtung danach aussieht, als wohnten hier, wenn keine Dreharbeiten darin stattfinden, deutlich ältere Personen mit alten Holzschränken und einer Bibliothek, die womöglich noch antiquarischen Wert hat (Szenenbild: Anette Reuther). Auf dem Revier kommen türkisfarbene Ikea-Kaffeetassen zum Einsatz, die einen Ticken zu gut mit den gelben Stühlen harmonieren, um so etwas Alltägliches wie Büro zu erzählen. Das Kostümbild (Tanja Gierich) sendet ebenfalls widersprüchliche Signale, weil es etwa keine modische Chemie zwischen den Paaren aufkommen lässt. Bootz trägt nicht nur seine Signature-Lederjacke, sondern auch mal schwarz, was ihn neben dem eh auf gedeckte Farben und Dezenz getrimmten Lannert wie den zweiten Bestatter aussehen lässt. Musik (Kilian Oser) gibt es auch. Das Drehbuch weidet sich an abgegrasten Standardsituationen. Der Rechtsmediziner (Jürgen Hartmann) erklärt zu weitschweifig ("Muss es denn so ausführlich sein?"), der Kommissar hat nach der Begegnung mit den Eltern (Idil Üner, Robert Kuchenbuch) umgehend Fall ("Ich würde mir bestimmt auch große Vorwürfe machen"), die Digitalkultur wird angeguckt und besprochen, als wäre es 1950 ("Wir sind gerade im Darknet unterwegs"). Das "Thema" kommt vor durch Schlagwortsätze, die aus Beratungsstellenbroschüren gecopypastet wurden ("Einsamkeit ist kein Privileg der Alten mehr"). Und manchmal will der Film auch lustige Sprüche klopfen: "Herzlich willkommen! Gut, herzlich ist vielleicht bisschen übertrieben", begrüßt Bootz die neue Kollegin Elvira Möbius (Daniela Holtz), die als absurde Figur mit breitester Mundart durch diesen Krimi tönt. Eine Frau in ihren Vierzigern, der nichts peinlich sein soll – sie singt den Kommissaren das titelgebende Gundermann-Lied vor oder trägt ihre Attraktionssehnsucht auf der Zunge ("So hat mich schon lange kein Mann mehr angesehen"). Die Kommissarin ist so grobschlächtig entworfen und so unentschieden inszeniert, dass sich schwer sagen lässt, was an ihr komisch und was ernst gemeint ist. In der Künstlichkeit der Büroinszenierung wirkt sie im Versuch, Peinlichkeit darzustellen, leider zumeist peinlich. Ein leichtes Objekt für den Spott der Männer. Was Überlebe wenigstens bis morgen für einen Tatort qualifizieren konnte, bleibt einigermaßen rätselhaft. Keine künstlerische Entscheidung in diesem Film wirkt überzeugend. Und das, wo der ARD-Sonntagabendkrimi doch zu den Projekten gehört, mit denen sich der öffentlich-rechtliche Senderverbund im Kampf um die Aufmerksamkeit einer stark fragmentierten Mediengesellschaft behaupten will. Wäre da nicht mehr drin?