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04.01.2026
21:45 Uhr
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Tödliche Märchenwelt: Der neue Schwarzwald-"Tatort" erzählt atmosphärisch und präzise von einem Mädchen, das in seiner eigenen Fantasie gefangen ist.

In den Credits des neuen Schwarzwald- Tatorts: Das jüngste Geißlein (SWR-Redaktion: Katharina Dufner) taucht unter "Besetzung" der Name Jacqueline Rietz auf. Ein Zeichen dafür, dass echte Kinder und Jugendliche im Film mitspielen; Rietz'Agentur ist auf Personal in der Altersspanne von sechs bis Anfang 20 spezialisiert. Das Drehen mit Minderjährigen ist aufwendig, weil strengere Vorschriften kürzere Arbeitszeiten verordnen. Deshalb greifen Filmproduktionen bei Teenagern öfter auf ältere, erwachsene Darstellerinnen zurück – auf Kosten stimmiger Besetzung. Die Hauptfigur Eliza wird in Das jüngste Geißlein von Hanna Heckt (geboren 2015) gespielt, deren eindrucksvolles Gesicht vom Plakat des deutschen Cannes-Darlings und Oscar-Kandidaten In die Sonne schauen blickt. Der wegen des letzten Mals vom Dienst suspendierte Kommissar Berg (Hans-Jochen Wagner) entdeckt das Mädchen im leeren Haus; hingefahren ist er auf Bitten der Bäckersfrau (Michaela Caspar), bei der Elizas Mutter arbeitet, die an diesem Tag aber nicht zum Dienst gekommen ist. Ergebnisorientiert betrachtet könnte man sagen, dass damit schon die Täterin gefunden ist. Das traumatisierte Kind, das nicht spricht ("Mutismus"), lebt in einer märchenhaften Welt, in der erst der neue Freund der Mutter und dann die pelzbemantelte Mutter selbst als Wolf erscheinen, den es mit einem Küchenmesser zu töten gilt. So aufgeschrieben, klingt die Handlung blöde. Weil im Film anders als im Fußball aber die Spielzüge entscheidend sind, ist dieser Tatort ein sehr schöner. Ein kluges Beispiel dafür, wie sich aus einer einfachen, auf dem Papier abwegig wirkenden Plot-Idee eine atmosphärische, präzise Erzählung entfalten lässt (Drehbuch: Ulrike Schölles und Regisseur: Rudi Gaul). schreibt seit 2010 wöchentlich über Tatort und Polizeiruf 110 . Auf zeit.de seit 2016 in der Kolumne Der Obduktionsbericht . Das Schweigen des Kindes setzt die Ermittlung in Gang. Die Polizei muss sich ein Bild machen, von dem, was geschehen ist, und verfolgt bei der Suche nach der verschwunden geglaubten Mutter Annahmen (häusliche Gewalt), die wieder verworfen werden müssen. Der dosierte Horror kommt über das schaurige Märchen der Grimms in den Tatort . Die Sprecherin aus dem Off am Anfang des Films wird an einem bestimmten Punkt erkennbar als die Stimme, die Eliza auf der Kassette im altmodischen Walkman hört. Wenn man solche Details lobt, klingt das nach B-Note, nach einem Außerdem, das zu einem herausragenden ARD-Sonntagabendkrimi auch noch gehört. In Wahrheit macht die Genauigkeit im Kleinen das Gelingen aus. Die Betrachterin bekommt durch vermeintliche Details ein tiefes Verständnis der Figuren. Wenn es etwa darum geht, Berg in Das jüngste Geißlein zu integrieren, obwohl der doch nicht arbeiten darf. Er entdeckt das Mädchen, das sich wie im Märchen in einem Uhrenkasten versteckt und nähert sich ihm behutsam, indem er zur Beruhigung Frère Jacques singt, was eine spezifisch deutsche (das Märchen) mit einer spezifisch französischen Kultur verschweißt (dem Kanon), weil es in dem Lied auch um Glockenschläge und Zeit geht. Die schweigende Eliza spricht dann später auf dem Revier mit Berg, den sie für ihren Retter hält – eine Verbindung, die auf der Tonebene durch eine Variation des Kanons bedeutet wird (Musik: Verena Marisa).