Zeit 20.11.2025
10:49 Uhr

Stuttgart 21: Nächste Verzögerung im Betriebsablauf


Der neue Stuttgarter Bahnhof sollte 2019 in Betrieb gehen. Dann sprach die Bahn von 2020, 2021, 2025. Selbst 2026 klappt wohl nicht. Ein Überblick über Stuttgart 21

Stuttgart 21: Nächste Verzögerung im Betriebsablauf
Die jüngste in einer Reihe von Verzögerungen bei Stuttgart 21 : Die schrittweise Inbetriebnahme des unterirdischen Durchgangsbahnhofs ab Ende 2026 wird voraussichtlich nicht kommen. Auch die Kosten des Großprojekts stiegen seit Baubeginn auf ein Vielfaches der ursprünglich veranschlagten Summe. Wichtige Fragen und Antworten zu S 21 im Überblick: Wann soll Stuttgart 21 fertiggestellt werden? Nachdem der Eröffnungstermin mehrfach verlegt wurde, war schließlich lange das Jahr 2025 anvisiert: Mitte Dezember sollte der neue Stuttgarter Durchgangsbahnhof in den neuen Fahrplan aufgenommen und der alte Kopfbahnhof stillgelegt werden. Im Juni vergangenen Jahres teilte die Bahn dann mit, selbst Pläne für eine teilweise Inbetriebnahme des unterirdischen Bahnhofs zu diesem Datum seien vom Tisch. Neues Ziel: Alle wesentlichen Teile des Bahngroßprojekts sollten bis Dezember 2026 in Betrieb gehen . Doch auch das weichte die Bahn im Juli dieses Jahres auf : Der neue Stuttgarter Hauptbahnhof solle nur teilweise im Dezember 2026 in Betrieb gehen, der Regionalverkehr in Teilen dagegen bis Juli 2027 weiter im alten oberirdischen Kopfbahnhof enden. Nun scheint sich die Fertigstellung des Großprojekts erneut zu verschieben , wie mehrere Quellen der Nachrichtenagentur dpa berichteten. Auch der Stuttgarter Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) sprach von einer "Hiobsbotschaft einer weiteren Verzögerung", die die Bahn ihm mitgeteilt habe. Einen neuen Termin gibt es dem baden-württembergischen Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) zufolge nicht. Noch einen Monat zuvor habe die Bahn den Eröffnungstermin für 2026 bestätigt, sagte Hermann. "Wir fühlen uns getäuscht." Die Deutsche Bahn äußerte sich bislang nicht zu den Berichten über eine neue Verzögerung. Was ist Stuttgart 21? Mit dem Großbauprojekt Stuttgart 21 wird der Stuttgarter Kopfbahnhof unter die Erde verlegt und mit Tunneln verbunden, durch die Hochgeschwindigkeitsstrecken verlaufen. Auch der Stuttgarter Flughafen bekommt eine solche Verbindung. Am Standort des bisherigen Hauptbahnhofs sollen die Flächen im Stuttgarter Talkessel unter anderem für Wohnungen genutzt werden. Welche Verzögerungen gab es bislang? Das Projekt wurde bereits in den Neunzigerjahren entwickelt, der Finanzierungsvertrag lag im Frühjahr 2009 vor. Darin ist das Ziel festgehalten, Stuttgart 21 "bis spätestens Dezember 2019" in Betrieb zu nehmen. Drei Jahre später, im März 2012, wurde dieser Termin auf das Jahr 2020 verschoben. Im Februar 2013 gab die Deutsche Bahn bekannt, dass das Projekt voraussichtlich erst Ende 2021 beendet werde. Anfang 2018 schließlich teilte der Konzern mit, Stuttgart 21 werde im Jahr 2025 an den Start gehen. Im vergangenen Jahr war dann von 2026 die Rede . Wie haben sich die Kosten seit 1995 entwickelt? November 1995 Die Deutsche Bahn, die Stadt Stuttgart, das Land Baden-Württemberg und der Bund unterzeichnen eine Rahmenvereinbarung (PDF) für das Großprojekt. Veranschlagte Kosten: knapp 4,9 Milliarden Mark, also rund 2,5 Milliarden Euro. April 2009 Schon bei der Unterzeichnung des Finanzierungsvertrags (PDF) im Frühjahr 2009 gilt diese Summe als zu gering. Festgehalten werden im Vertrag deshalb Baukosten von etwas mehr als drei Milliarden Euro sowie ein Puffer von weiteren 1,45 Milliarden. Sommer 2010 Wenige Monate nach Baubeginn prognostizieren unterschiedliche Gutachten mögliche Gesamtkosten in zweistelliger Milliardenhöhe. Dezember 2012 Die Bahn räumt ein, dass inzwischen mit Kosten in Höhe von bis zu 6,8 Milliarden Euro zu rechnen sei. Juli 2016 Ein Prüfbericht des Bundesrechnungshofs geht von bis zu zehn Milliarden Euro Baukosten aus. Januar 2018 Die Bahn korrigiert ihre bisherige Prognose nach oben – auf bis zu 8,2 Milliarden Euro . Januar 2022 Die Gesamtkosten des Projekts sollen laut Bahn 9,15 Milliarden Euro betragen. Hinzu kommt ein Risikopuffer in Höhe von 640 Millionen Euro. Im März stimmt der Aufsichtsrat der Bahn AG dem neuen Kostenrahmen zu. Dezember 2023 Es kommen weitere Kosten von 1,7 Milliarden Euro hinzu. Damit steigen die Gesamtkosten für Stuttgart 21 auf rund elf Milliarden Euro . Zudem kalkuliert die Bahn mit einem zusätzlichen Puffer von 500 Millionen Euro. Wer trägt die Kosten für Stuttgart 21? Laut aktualisierter Kostenschätzung vom Dezember 2009 sollte sich der Bund an den Kosten für Stuttgart 21 mit rund 1,23 Milliarden Euro beteiligen, für das Bundesland war ein Anteil von knapp 824 Millionen Euro vorgesehen. Die Bahn sollte mit 1,47 Milliarden Euro den größten Teil tragen. Zusätzlich sollten sich der Flughafen Stuttgart mit rund 227 Millionen und der Verband Region Stuttgart mit 100 Millionen Euro beteiligen. Im Finanzierungsvertrag der Projektpartner vom März 2009 wurden mögliche Mehrkosten in Höhe von 1,45 Milliarden Euro anteilig unter den Projektpartnern aufgeteilt. Eine Steigerung der Kosten von über einer Milliarde Euro wurde dabei jedoch als "unwahrscheinlich" bezeichnet. Für den Fall weiterer Kostensteigerungen hieß es im Vertrag lediglich, die Bahn und das Land würden Gespräche aufnehmen. Im November 2016 entschied die grün-schwarze Landesregierung in Baden-Württemberg, sich nicht an den Mehrkosten für das Großprojekt zu beteiligen . Auch die Stadt Stuttgart lehnte eine Beteiligung ab. Die Deutsche Bahn verklagte die Projektpartner daraufhin vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart. Die Bahn ging nach ihrer Darstellung von einer "gemeinsamen Finanzierungsverantwortung" aus. Die restlichen Partner sahen das anders und wiesen darauf hin, dass Festbeträge vereinbart worden seien. Im Mai 2024 wurden die Klagen der Bahn in erster Instanz abgewiesen , im August des laufenden Jahres schließlich in zweiter Instanz . Theoretisch könnte die Bahn noch vor das Bundesverfassungsgericht ziehen. Wieso ist Stuttgart 21 umstritten? Befürworter von Stuttgart 21 argumentieren, das Projekt sei eine Chance für eine moderne Stadtentwicklung. Auch die Flächen, die durch die Verlegung des Bahnverkehrs unter die Erde frei werden, gelten als wichtiges Argument für das Großprojekt. Sie sollen unter anderem für den Bau von dringend benötigtem Wohnraum genutzt werden. Gleichzeitig gibt es seit Beginn der Planung in den Neunzigerjahren und insbesondere seit Beginn des Projekts in den Jahren 2009 und 2010 Kritik an Stuttgart 21. Zwei der wichtigsten Kritikpunkte sind dabei die hohen Kosten und Eingriffe in die Natur , etwa durch eine befürchtete Verschmutzung des Grundwassers. Besondere Aufmerksamkeit erhielten die Proteste gegen das Fällen von Bäumen im Stuttgarter Schlossgarten im September 2010. Bei einem gewaltsamen Polizeieinsatz wurden mehrere Hundert Menschen verletzt, einige von ihnen schwer. Gegner des Projekts forderten zudem Schritte zum Schutz diverser Insekten- und anderer Tierarten, was den Bauprozess zusätzlich verzögerte. Weiter wurden der Projektleitung ein unzureichendes Grundwassermanagement sowie Mängel im Brandschutz- sowie Evakuierungskonzept vorgeworfen. Bereits zum Zeitpunkt des Baubeginns hatten zahlreiche Kritiker darauf hingewiesen, dass die von den Projektpartnern veranschlagten Kosten zu gering seien. Ein Gutachten im Auftrag eines Aktionsbündnisses gegen S 21 ging bereits 2015 von Gesamtkosten von fast zehn Milliarden Euro aus. Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa, AFP und Reuters