Zeit 06.02.2026
10:31 Uhr

Studie zur Vermögensteuer: Was bringt eine Vermögensteuer?


Sie könnte die Staatseinnahmen erhöhen und die Ungleichheit bekämpfen, hoffen die Befürworter einer Vermögensteuer. Eine neue Studie zeigt, ob das klappen kann.

Studie zur Vermögensteuer: Was bringt eine Vermögensteuer?
Glaubt man der Linkspartei, macht sich die Regierung die Arbeit unnötig schwer. Gleich zwei aus ihrer Sicht große Probleme könnte sie der Partei zufolge mit einem einzigen Instrument gleichzeitig bekämpfen: Die Finanznot des Bundes einerseits und die enorme Vermögensungleichheit in Deutschland andererseits. Die Bundesregierung müsste dafür nur etwas wagen, das vor allem für die CDU ein Tabu ist: Sie müsste in Deutschland die Erhebung der Vermögensteuer wieder einführen. Um das Potenzial einer solchen Steuer zu beziffern, hat die Linke Steuerexperten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) mit einer Studie dazu beauftragt, ihre Vorschläge für eine Vermögenssteuer durchzurechnen. Die ZEIT konnte die Untersuchung vorab einsehen: Das Steueraufkommen würde demnach bei einem einheitlichen Steuersatz von einem Prozent auf Vermögen ab einer Million Euro theoretisch bei 42 Milliarden Euro pro Jahr liegen. Bei einem stark progressiven Steuertarif, der hohe Vermögen mit steigenden Steuersätzen belastet, wie ihn die Linke fordert, wären es sogar bis zu 147 Milliarden Euro. Sollte sich die Regierung also bei den Reichen bedienen? Sicher ist: Der Bund braucht höhere Einnahmen, wenn er seine Finanzen nicht durch Einsparungen oder Schulden in den Griff bekommen kann. In den Jahren 2027 bis 2029 tun sich in seiner Finanzplanung riesige Finanzierungslücken auf. Zuletzt sind die Haushaltslöcher zwar etwas kleiner geworden. Insgesamt fehlen aber immer noch mehr als 140 Milliarden Euro, hieß es laut Medienberichten zuletzt aus dem Bundesfinanzministerium. Finanzminister Lars Klingbeil rief seine Kabinettskollegen deshalb wiederholt zum Sparen auf und drängt auf höhere Einnahmen. Doch bislang konnte sich die schwarze-rote Koalition kaum auf Maßnahmen einigen, um die Finanzlage spürbar zu verbessern. Steuererhöhungen lehnt die CDU ab. Dabei haben auch Konservative wie Unionsfraktionschef Jens Spahn die Vermögensungleichheit als ein Gerechtigkeitsproblem benannt. In Deutschland verfügt ein kleiner Teil der Gesellschaft über einen Großteil des privaten Vermögens. Das DIW schätzt das Gesamtvermögen hierzulande auf 16,5 Billionen Euro. Mehr als ein Drittel davon besitzt demnach das reichste Prozent der Bevölkerung. Auf das reichste Zehntel entfallen sogar rund zwei Drittel des gesamten Vermögens. Eine Vermögenssteuer würde daher nur einen kleinen Teil der Bevölkerung mit hohen Summen treffen. Zumal der Vorschlag der Linkspartei einen Freibetrag in Höhe von einer Million Euro vorsieht. Unternehmensvermögen bis fünf Millionen Euro sollen außerdem von der Steuer befreit sein. Steuerpflichtig wären demnach lediglich rund 1,3 Millionen Menschen. Der Vorschlag der Linkspartei konzentriere sich "fast ausschließlich auf das oberste Prozent der Vermögensverteilung, das bei einem persönlichen Vermögen von 2,3 Millionen Euro beginnt", schreiben die Autoren der Studie. Die Linke schlägt vor: Je größer das Vermögen, desto größer die Belastung. Ab einem Vermögen von einer Million Euro soll ein Steuersatz in Höhe von einem Prozent gelten, ab 50 Millionen soll er auf fünf Prozent steigen und ab einer Milliarde bei zwölf Prozent liegen. Die Milliardäre würden dadurch laut DIW gut ein Drittel des Vermögensteueraufkommens tragen. Dies könnte, wie von der Linkspartei erhofft, tatsächlich zu einer neuen Verteilung führen, wie die Forscher simuliert haben: "Die Vermögensungleichheit sinkt spürbar, vor allem in den Top-Bereichen", heißt es in der Studie. Die Verwaltungskosten wären hoch, aber den Autoren zufolge handhabbar. Doch lässt sich mit der Vermögensteuer wirklich so viel Geld einnehmen? Wie aus der DIW-Studie hervorgeht, hängt das tatsächliche Steueraufkommen entscheidend davon ab, wie die Betroffenen auf die Steuer reagieren. So könnten Steuerpflichtige versuchen, Vermögen zu verbergen oder die Besteuerung zu vermeiden, etwa indem sie Privatvermögen in Betriebsvermögen umwandeln oder an Familienmitglieder übertragen. Für Erbschaften und Schenkungen gelten in Deutschland schließlich großzügige Freibeträge. Steuerpflichtige könnten dazu neigen, weniger zu sparen und zu investieren, wenn es eine Vermögensteuer gäbe. Die Vermögen würden dann langsamer wachsen und das Steueraufkommen geringer ausfallen als erwartet. Wird weniger investiert, drohen zudem geringere Einnahmen aus Gewerbe- oder Körperschaftssteuer. Die Studienautoren sprechen von sogenannten Schattenwirkungen. Steuerpflichtige könnten außerdem Vermögen ins Ausland verlagern, um einer Besteuerung zu entgehen. Vor allem für Superreiche, die von dem Vorschlag der Linken am stärksten betroffen wären, könnte Deutschland an Attraktivität verlieren, befürchten die Autoren der Studie. Wie stark die Effekte wirklich wären, ist schwer abzuschätzen. Sie könnten nur mit großer Unsicherheit simuliert werden, heißt es in der Studie. Hinweise gäben jedoch Erfahrungen und empirische Studien aus anderen Ländern. Im schlimmsten Fall könnte das erwartete Vermögensteueraufkommen durch sogenannte Anpassungsreaktionen um bis zu 60 Prozent sinken, sollte der Vorschlag der Linken umgesetzt werden, schätzen die DIW-Forscher. Rechnet man die beschriebenen Schattenwirkungen hinzu, könnten die Steuereinnahmen demnach sogar bis zu 80 Prozent geringer ausfallen als erwartet. Die in der Studie errechneten Milliardenbeträge könnten also deutlich schrumpfen. Um dies zu verhindern, schlagen die Autoren verschiedene Maßnahmen vor. Demnach sollte Auslandsvermögen vollständig einbezogen werden. Analog zur Erbschaftsteuer könnte es nach Ansicht der DIW-Forscher sinnvoll sein, die Steuerpflicht bei Wegzug um fünf Jahre zu verlängern. Außerdem könne der Informationsaustausch mit ausländischen Behörden, Finanzdienstleistern und anderen Institutionen verbessert werden, um Steuerflucht zu bekämpfen. So ließen sich mögliche Anpassungsreaktionen und die damit einhergehenden Steuerverluste langfristig deutlich begrenzen, heißt es. In einem solchen optimistischen Szenario dürfte das erwartete Vermögensteueraufkommen nur um gut ein Drittel sinken, hat das DIW berechnet. Die Forschungsergebnisse weisen zudem darauf hin, dass die Steuerverluste geringer ausfallen, je breiter die Vermögensteuer angelegt ist. Konzentriert sie sich dagegen auf sehr hohe Vermögen, fallen die Ausweichreaktionen deutlich stärker ins Gewicht. In diesem Fall entscheidet das Verhalten weniger Superreicher über den Erfolg der Steuer. Schwerwiegende ökonomische Nebenwirkungen Eine Vermögensteuer kann also tatsächlich zu höheren Einnahmen führen, wenn sie entsprechend ausgestaltet wird. Andere Studien und Ökonomen kommen jedoch teils zu deutlich skeptischeren Einschätzungen als das DIW und warnen vor einem hohen Aufwand bei geringen Einnahmen und sinkendem Wirtschaftswachstum. Tatsächlich drohen bei der Einführung einer Vermögensteuer schwerwiegende ökonomische Nebenwirkungen, die ihre Bilanz verändern können, wenn sie zu hoch ist oder ihre negativen Folgen nicht bedacht werden. Auch die Forscher des DIW sind deshalb skeptisch, ob eine Einführung nach den Vorstellungen der Linkspartei sinnvoll ist. Kurz- und mittelfristig erwarten die DIW-Ökonomen durch eine Vermögensteuer in einer Höhe, wie die Linke sie vorschlägt, erhebliche Belastungen für die Wirtschaft. "Eine weitreichende Steuer schon ab einem Vermögen von einer Million Euro würde nicht nur superreiche Privatpersonen, sondern auch mittelständische Unternehmen treffen", sagt Stefan Bach, einer der Autoren der Studie. Nach seiner Auffassung könnte ein Steuersatz von zwölf Prozent in die Substanz von Unternehmen eingreifen, denn so hoch seien die Renditen auch der Superreichen nicht. Dies sei verfassungsrechtlich problematisch. Außerdem gibt es Unternehmen in schwierigen konjunkturellen Lagen. Machen sie Verluste, kann es für die Eigentümer schwierig werden, die Steuer aus laufenden Erträgen zu bezahlen. Sie müssten dann auf Rücklagen zurückgreifen, sich verschulden oder im Extremfall Vermögenswerte veräußern. Für solche Situationen rät Bach, Unternehmen eine Stundung oder Ermäßigung zu gewähren. Bach befürchtet, dass die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts durch die Einführung einer Vermögensteuer sinkt. "Eine Vermögensteuer ist kein gutes Signal an ausländische Investoren", sagt der Ökonom. Auch der Zeitpunkt ist nach Einschätzung von Fachleuten ungünstig. Unter anderem wegen der Zollpolitik von Donald Trump, gestiegener Energiekosten und Konkurrenz aus China steht das deutsche Exportmodell aktuell ohnehin unter Druck. Seit Jahren stagniert das Wachstum. "Gerade jetzt, wo wir uns wirtschaftlich neu orientieren müssen und ein großer Strukturwandel bevorsteht, ist die Einführung einer Vermögenssteuer gefährlich", sagt Florian Neumeier, Leiter der Forschungsgruppe Steuer- und Finanzpolitik am Münchner ifo Institut. Er sieht bei einer Besteuerung von Unternehmen nicht nur Investitionen und Wachstum, sondern auch Arbeitsplätze bedroht. In vielen anderen europäischen Ländern werden Vermögende über Erbschaft-, Grund- oder Kapitalsteuern teils deutlich stärker belastet als in Deutschland. Doch auch im Ausland finden sich kaum Beispiele für eine dauerhaft erfolgreiche klassische Vermögensteuer. Viele Länder haben sie wegen hoher Verwaltungskosten und Ausweichreaktionen wieder abgeschafft. Die DIW-Forscher leiten daraus ab, dass eine solche Steuer eher mit moderaten Sätzen, hohen Freibeträgen und internationaler Koordination funktionieren kann. Angesichts der enormen Vermögenskonzentration sei das Potenzial groß, durch die Belastung weniger relativ viel zu holen, heißt es in der Studie. Wegen der aktuellen Wirtschaftskrise und der ökonomischen Risiken für den Standort sollte die Politik jedoch mit Augenmaß vorgehen, mahnt DIW-Ökonom Bach. Zudem müsse der Staat das Geld, das er den Reichen und den Unternehmen abnimmt, auch sinnvoll investieren.