Zeit 12.02.2026
16:06 Uhr

Streit um Gedenk-Helm: Ukraine nennt Ausschluss von Heraskewytsch "Moment der Schande"


Der ukrainische Präsident verleiht Wladyslaw Heraskewytsch einen Orden, der Außenminister nennt den Olympia-Ausschluss eine "Schande". Das lettische Team plant Proteste.

Streit um Gedenk-Helm: Ukraine nennt Ausschluss von Heraskewytsch
Der Ausschluss des ukrainischen Skeleton-Fahrers Wladyslaw Heraskewytsch von den Olympischen Winterspielen in Italien sorgt für Kritik. Ukrainische Politiker und Verbände zeigten sich empört. Das lettische Skeletonteam kündigte eine Protestaktion an. Die Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees, Kirsty Coventry, räumte Fehler ein. Der 27-Jährige war zuvor kurz vor dem ersten Durchgang im Skeleton-Wettkampf vom Weltverband IBSF disqualifiziert worden, weil er einen Helm mit Bildern von im Krieg getöteten ukrainischen Athletinnen und Athleten tragen wollte. Das IOC entzog ihm zunächst die Akkreditierung, nahm den Schritt aber später wieder zurück. Das bedeutet aber nur, dass er sich durchs olympische Dorf bewegen darf, am Wettkampf darf er weiter nicht teilnehmen. Selenskyj dankt Heraskewytsch für "klare Haltung" Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verlieh Heraskewytsch den Orden der Freiheit und damit die zweithöchste Auszeichnung des Landes. Er dankte dem Sportler für seine "klare Haltung" bei den Winterspielen. "Wir sind stolz auf Wladyslaw und seine Tat. Mut zu haben, ist mehr wert, als Medaillen zu gewinnen", schrieb Selenskyj auf X. Der ukrainische Präsident verurteilte den Ausschluss Heraskewytschs. "Sport sollte nicht Gedächtnisverlust bedeuten, und die olympische Bewegung sollte dazu beitragen, Kriege zu beenden, anstatt den Aggressoren in die Hände zu spielen", schrieb er. Es sei keine Regel gebrochen worden. Am Verhalten von Heraskewytsch sei nichts falsch gewesen, schrieb der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha auf X. "Er wollte einfach nur an die im Krieg getöteten Mitathleten erinnern". Der Außenminister übte deutliche Kritik am IOC. "Zukünftige Generationen werden dies als einen Moment der Schande in Erinnerung behalten", schrieb er. Sybiha zufolge sind aufgrund der russischen Invasion seit 2022 650 ukrainische Sportler und Trainer getötet und 800 Sporteinrichtungen beschädigt worden. "Es sind die Russen, die gesperrt werden müssen, nicht die Erinnerung an ihre Opfer", schrieb er. Der ukrainische Sportminister Matwij Bidny bezeichnete Heraskewytsch der Nachrichtenagentur Reuters zufolge als "Held". Die Entscheidung, den Skeleton-Fahrer auszuschließen, bedeutete mehr Schaden für das IOC als für Heraskewytsch. Lettisches Team plant Protestaktion Der ukrainische Botschafter in Berlin, Oleksij Makejew, schrieb auf X: "Wie kann das IOC 'neutral' sein, wenn nicht russische Athleten disqualifiziert werden, sondern ein Ukrainer ausgeschlossen wird, der der von Russland getöteten Sportler gedenken wollte?" Neutralität heiße nicht, "Täter zu schützen und Opfer zum Schweigen zu bringen", fügte er hinzu. Der lettische Trainer Ivo Šteinbergs sagte der ZEIT, sein Verband habe Protest eingelegt. Er versuche, weitere Nationen von einem Protest zu überzeugen. Bisher hätten sich Großbritannien, Israel und Dänemark angeschlossen. "Es ist ein Desaster", sagt Šteinbergs. "Das IOC tut, was es will." Sie wollen sich weitere Protestaktionen überlegen. IOC-Präsidentin zeigt sich betroffen "Wladislaw ist nicht an den Start gegangen, aber er war nicht allein – er hatte die ganze Ukraine hinter sich", hieß es in einer Erklärung des Ukrainischen Olympischen Komitees. "Wenn ein Sportler für Wahrheit, Ehre und Erinnerung eintritt, ist das schon ein Sieg. Ein Sieg für Wladislaw. Ein Sieg für das ganze Land." IOC-Präsidentin Kirsty Coventry räumte ein Scheitern des Komitees im Helm-Streit ein. "Leider sind wir nicht zu einer Lösung gekommen. Ich wollte ihn wirklich heute im Rennen sehen", sagte Coventry. "Niemand, wirklich niemand, besonders ich nicht, widerspricht der Botschaft". Auf ihren Antrag darf der Ukrainer seine Akkreditierung nun doch behalten. Damit könne sich Heraskewytsch weiter in besonderen Bereichen wie dem olympischen Dorf aufhalten, auch wenn er nicht an Wettwerben teilnehmen könne, teilte das IOC mit. Die Rückgabe der Akkreditierung geschehe als Ausnahme nach einer "sehr respektvollen Unterhaltung" zwischen Heraskewytsch und Coventry. Mitgefühl von deutschen Sportlern Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) zeigte Verständnis für die Entscheidung. "Der Wunsch nach Gedenken sei nachvollziehbar", teilte der DOSB mit. Aber: "Im Wettkampf sind politische Botschaften und solche, die so interpretiert werden können, sinnvollerweise untersagt." Deutsche Sportler zeigten Mitgefühl. "Es ist schade, dass er sich hier seinen olympischen Wettkampftraum nicht erfüllen kann", sagte der dreimalige Rodel-Olympiasieger Felix Loch der Nachrichtenagentur dpa. Gleichzeitig verwies er auf die geltenden Regeln. Der siebenmalige Skeleton-Weltmeister Christopher Grotheer sagte: Es sei "extrem hart" für einen Sportler, vier Jahre zu trainieren und dann nicht fahren zu können. Laut IOC verstößt der Helm gegen das Neutralitätsgebot der Olympischen Charta : Politische Botschaften und Meinungsäußerungen an Wettkampfstätten sind demnach untersagt. Das Komitee teilte mit, Kern des Falls Heraskewytsch sei "nicht die Botschaft selbst, sondern der Ort, an dem er sie zum Ausdruck bringen wollte". Als Kompromiss bot es dem Ukrainer an, anstatt des Helms einen Trauerflor am Arm zu tragen. Das hatte Heraskewytsch jedoch abgelehnt. Der ukrainische Skeleton-Athlet plant, vor dem Sportgerichtshof CAS gegen seinen Ausschluss von den Olympischen Winterspielen vorzugehen. Doch auch das Einschalten des Sportgerichtshofs wird Heraskewytsch keinen Start in Norditalien mehr ermöglichen. Verfolgen Sie alle weiteren Entwicklungen in unserem Liveblog .