Zeit 02.01.2026
19:29 Uhr

Sterne und Weltraum: Wenn die Gottheit auf uns herabschaut


Was macht den Zauber des Universums aus? Vier Schriftsteller blicken für uns ins All. Sie sehen Geschichten alter Seefahrer, tiefe Sehnsucht, Götter und Verbundenheit.

Sterne und Weltraum: Wenn die Gottheit auf uns herabschaut
Lange bevor Menschen für Instagram vor Teleskopen posierten, lange bevor sie überhaupt Teleskope besaßen, ja, lange schon vor der Erfindung der Schrift haben Menschen nach oben geschaut. Wahrscheinlich seit Anbeginn der Menschheit. Jedenfalls zeugen heute noch Spuren aus dunkler Vorzeit vom Blick zu den Sternen. Der war schließlich auch nützlich. Das Firmament gab den Menschen Orientierung für den irdischen Alltag. Die Sterne strukturierten das Jahr, halfen bei der Navigation und gaben Anschauung für mythische Erzählungen und astrologische Deutungen. Doch der Sternenhimmel hat den Menschen nicht nur zu Nützlichem motiviert. Auch die Künste profitierten von seinem Einfluss, das zeigt ein Blick in die Kulturgeschichte – und insbesondere in die Literatur und Dichtung. Meditationen über das All bei Marc Aurel, die astronoetischen Glossen von Hans Blumenberg oder moderne Science-Fiction-Werken: Die unendlichen Weiten des Universums spiegeln sich in den unendlichen Weiten menschlicher Kreativität. Wir haben vier Schriftsteller gebeten, uns von ihrer Faszination am Universum zu berichten. "Ein Mal irdisch gewesen zu sein" Die Schriftstellerin Anja Kampmann findet im All die Kostbarkeit des menschlichen Blicks. Sterne gehören in den großen Handwerkskoffer der Poesie, könnte man sagen. Die Frage ist nur: warum? Neulich las ich von der Kosmonautin Walentina Tereschkowa, die im Sommer 1963 in der Raumkapsel Wostok 6 um die Erde schwirrte, und zwar 48 Mal. Bei aller Faszination für das, was sie dort draußen gesehen haben mag, fragte ich mich vor allem, wonach sie sich wohl sehnte. Wenn ungewiss ist, ob man je zurückkehrt, was bedeutet dann die Wiese vor einem Haus? Der Glanz auf den Federn eines Vogels? Meine Eltern waren jung in dieser Zeit, der Sommer war heiß, die Menschen gingen einkaufen, und sie träumten. Die Menschen führten Kriege, die Menschen redeten über Wirtschaft, Schrankwände, Filterkaffee. Ein Klecks Marmelade auf dem Tisch, darauf landet eine Fliege, dann wurde er fortgewischt. 42, ist Schriftstellerin und lebt in Leipzig. Im Jahr 2026 erhält sie den Hans-Fallada-Preis für ihren zweiten Roman Die Wut ist ein heller Stern . Wonach sehnte sich Walentina Tereschkowa dort draußen? Sosehr wir auch über das Weltall nachdenken können – was mich daran rührt, ist, dass wir immer an eine einzige Perspektive gebunden sind. An unser Menschsein. Nirgends wird uns das deutlicher als vor den Sternen. Jemand bindet sich die Schuhe im Flur. Jemand schaltet eine Lampe ein. Das Haar von einem geliebten Menschen auf dem Kissen. Und Walentina Tereschkowa schwirrt durchs Weltall, mit brüchigem Funkkontakt. Von unserer Zeit zu erzählen, von uns Menschen und von dem, was uns etwas bedeutet, das gehört für mich zum Größten und Anrührendsten. "(...) weil Hiersein viel ist, und weil uns scheinbar / alles das Hiesige braucht, dieses Schwindende", schreibt Rainer Maria Rilke in den Duineser Elegien. "(...) dieses / ein Mal gewesen zu sein, wenn auch nur ein Mal: / irdisch gewesen zu sein, scheint nicht widerrufbar." Als Menschen können wir nur von einem Punkt aus auf die Welt blicken. Und diese Perspektive, so begrenzt sie sein mag, ist unendlich kostbar. Das wird besonders deutlich, wenn wir in den Weltraum schauen oder Filme sehen, in denen Raumfahrer sich von allem, was ihnen etwas bedeutet, lösen. Es gibt diesen Moment, in dem wir alle aufbrechen werden, davor fürchtet man sich, und darin liegt zugleich eine große Zärtlichkeit. Für einen Augenblick sehen wir das, was hinter uns liegen wird, worauf wir zurückblicken werden, ohne es je ganz verstanden zu haben. Die Sterne sind vielleicht nicht so viel anders als unsere Welt – wir werden nicht fertig mit ihnen, und das ist gut so. "Schaut, es ist Abend / Schaut, es ist beinahe Nacht / Wovon sprecht ihr, Dichter, Liebende, Generäle?", schreibt die Dichterin Marina Zwetajewa. Wovon also erzählen wir im Angesicht der Sterne, wovon singen wir? Und mit wem, mit welchen Menschen wollen wir uns verbinden, statt allein durch den Weltraum zu fliegen? Das sind die großen Fragen, die sich nicht nur Kosmonauten stellen. Wenn die Gottheit auf uns herabschaut Für den Schriftsteller Raoul Schrott sind die Sterne Leinwand unzähliger Geschichten. Weltweit sehen Kulturen in den Sternen ihre Götter, Helden, Urahnen, Tiere, Pflanzen und die wichtigsten Alltagsdinge. Für sie ist der Himmel ein Land der Hülle und Fülle, in dem man nach dem Tod weiterleben kann; man vermag in dieses Firmament von einem Berggipfel oder Baumwipfel aus zu gelangen, auf dem Rücken eines Geiers oder über eine Jakobsleiter. Unsere Vorstellung, "in den Himmel zu kommen", ist demnach weit älter als die Bibel, die sie voraussetzt. Und sie wurde einst von jemandem erfunden: Denn aus Erfahrung konnte bis dahin allein deutlich werden, dass aus uns am Ende wieder Erde und Lehm wird – Asche zu Asche und Staub zu Staub. 61, ist Literaturwissenschaftler und Schriftsteller. 2024 veröffentlichte er den Atlas der Sternenhimmel und Schöpfungsmythen der Menschheit . So märchenhaft die Idee schien, wirklich in den Himmel zu kommen, so hat sie sich inzwischen doch bewahrheitet. Jeder der etwa fünftausend Sterne, die wir mit bloßem Auge sehen können, ist eine Sonne. Der Wasserstoff (und das bisschen Helium) in uns sind beim Urknall entstanden; und alle anderen Atome unseres Körpers haben sich samt und sonders gebildet, indem eine Sonne zu brennen begann und dann explodierte. Da unsere Sonne in der Milchstraße bereits zur dritten Generation von Sternen gehört, waren wir folglich schon mehrfach Teil von ihnen. Und werden es einmal wieder sein. In den Sternenhimmel zu blicken, heißt also, nicht nur zu sehen, woher wir kommen, sondern auch, wozu wir erneut werden. Ist das nicht ein Trost? Hinauf in die Nacht zu schauen und von den Sternen zu wissen: Das sind wir? Knapp 14 Milliarden Jahre kosmisches Schweigen, dann 80 Jahre, wenn’s hoch kommt, dauerndes Geplapper und darauf endlich wieder Stille? In allem funkelnden Glanz?