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06.12.2025
08:52 Uhr
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Frank-Walter Steinmeier erfährt, dass er in England mehr geschätzt wird als daheim. Dabei helfen König Charles und Trump, das Schlossgespenst von Windsor Castle.

Man darf bekanntlich keine silbernen Löffel klauen, aber es scheint vorzukommen, selbst in der St. George's Hall, Windsor Castle, Vereinigtes Königreich. Oder ist es nur ein Scherz, wenn Tobyn Andreae, einst Daily - Mail -Journalist mit familiären Wurzeln in Hamburg, jetzt Sprecher der Königlichen Familie , vor der eingedeckten Tafel zum Staatsbankett steht und warnt: "Die Löffel sind abgezählt!" Das Erhabene und das Effiziente müsse ein Staat in sich vereinen, meinte bereits rund einhundertfünfzig Jahre vor dem heutigen Abend der britische Verfassungsdenker Walter Bagehot, und in England verteile sich die Aufgabe: Der König und seine Familie seien für Glanz und Glamour zuständig, die das Volk einen und erfreuen sollten, damit – im Windschatten ihrer Rockschöße gewissermaßen – der Premier und die Regierung im Hintergrund das effiziente Regieren sicherstellen. Ganz aufgegangen ist die Aufteilung nie, dafür hatten die Politiker zu viel Geltungsdrang und die Royals zu viele Skandale, die an der Erhabenheit tiefe Kratzer hinterließen. An Seelenerhebung für Freunde der Monarchie mangelt es schon mal nicht am Auftaktabend des dreitägigen Staatsbesuchs von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seiner Frau Elke Büdenbender. Glanz und Gloria des ehemaligen Empire vermählen sich mit der Effizienz des königlichen Haushalts auf eine denkbar dekorative Weise: 152 Löffel, 15.000 Lichter am Weihnachtsbaum, die Tafel von 47 auf 45 Meter Länge verkürzt, damit der Baum überhaupt unter das weitgespannte Dach passt. Gleichzeitig liegt eine nervöse Grundspannung über der deutschen Delegation, denn Team Steinmeier sieht den Countdown unbarmherzig ablaufen: Knapp zwei Jahre bleiben dem Präsidenten noch von seinen zwei Amtszeiten, Wiederwahl ausgeschlossen, 2027 ist Schluss. Und die Frage wird banger, was bleibt von dann insgesamt zehn Jahren im protokollarisch höchsten deutschen Staatsamt. "Kommt da noch was, Herr Steinmeier?" titelte im Sommer der Stern , und die Frage treibt Steinmeiers politische Familie mehr um, als sie öffentlich zugeben würde. Was kann ein Präsident auf Staatsbesuch überhaupt bewirken? Dass auch das Zeremonielle seine Tücken hat, offenbaren die Gastgeschenke. Gerade weil Steinmeier schon in den Jahrzehnten von Charles' endlosem Thronanwärtertum einen Draht zum damaligen Prinzen von Wales entwickelt hatte, sollte der Geschenkkorb ausgesucht persönlich ausfallen. Königskäse vom Biohof Brodowin in Brandenburg gehört dazu, den Charles bei seinem ersten Deutschlandbesuch als König vor zwei Jahren nicht nur besucht hatte, sondern wo der britische Bio-Pionier persönlich ein Krönchen auf den Käse gestempelt hatte. Rätselhafter blieb die Idee, dem König im Land der Regenschirme ausgerechnet einen Regenschirm mitzubringen. Sean Coughlan, Royal Correspondent der BBC, ließ sein Publikum wissen: "Die deutschen Besucher waren vielleicht bemüht zu zeigen, dass sie eben doch Humor haben." Dafür dachte man britischerseits, man mache dem Nordrheinwestfalen Steinmeier eine besondere Freude mit einem eigens auf Windsor gemixten Cocktail mit Schwarzwald-Flair. Wie gut einem Abendgetränk die Tortenzutaten Schokolade und Kirsche tun, muss ungeklärt bleiben. Landeskenntnis ist jedenfalls Glückssache, wechselweise. Steinmeiers politischer Schmerzpunkt auf dieser Reise lässt sich weniger leicht abhaken. Es ist noch das Dilemma eines jeden deutschen Staatsoberhaupts gewesen, doch gegen Ende der Amtszeit rückt es schärfer in den Blick: Was kann ein Präsident auf Staatsbesuch überhaupt bewirken? Und so zeigt sich in den drei Tagen Großbritannien, dass Bagehots Unterscheidung zwischen dem Erhabenen und Effizienten nicht nur für gekrönte Häupter gilt. Mit reichlich weniger zeremoniellem Besteck als ein König muss ein Bundespräsident Wirkung erzielen, ohne Macht zu haben. Dem Machtmenschen Steinmeier fällt das schwerer als manchem seiner Vorgänger, dem gelernten ostdeutschen Pfarrer Joachim Gauck etwa.