Zeit 27.02.2026
10:32 Uhr

Sprachensterben: Verstummt und vergessen


7.000 Sprachen gibt es weltweit. Noch. In den letzten 200 Jahren sind mehr verloren gegangen als je zuvor. Warum das so ist – und was mit ihnen verloren geht.

Sprachensterben: Verstummt und vergessen
Mitten in Berlin, nahe dem Gendarmenmarkt, liegt eine moderne Version der Arche Noah. Kein gewaltiges Schiff, wie es die Original-Arche der biblischen Legende nach gewesen sein soll, die Funktion aber ist die gleiche: Sie bewahrt. Nicht Menschen und Tiere, sondern Sprachen, die vom Aussterben bedroht sind. Das Endangered Languages Archive (ELAR), so heißt diese moderne Arche, findet sich im vierten Stock der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Es ist das wohl größte digitale Archiv bedrohter Sprachen: Über 770 Sprachen aus über 90 verschiedenen Ländern werden hier vor dem Vergessen geschützt. Sei es Makaguaje aus Kolumbien mit nur noch einer Sprecherin oder Malak-Malak aus Nordwestaustralien, das noch acht Menschen sprechen. Gespeichert sind Videos und Audioaufnahmen von Gesängen, Ritualen, Alltagsgesprächen, aber auch davon, wie ein Boot gebaut oder ein Dach mit Palmwedeln gedeckt wird. Grammatiken und Wörterbücher umfasst das Archiv ebenfalls, erstellt und gesammelt von Sprachforschern aus Südamerika, Afrika oder Australien. Manche stammen von den indigenen Sprechergemeinschaften selbst. Die digitalen Sammlungen sind ein Teil des immateriellen kulturellen Erbes der Menschheit, sagt Mandana Seyfeddinipur. Die Linguistin mit persischen Wurzeln hat am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen promoviert, seit über zehn Jahren leitet sie das ELAR und das dazugehörige Dokumentationsprogramm. Es vergibt jährlich bis zu 30 Stipendien an Nachwuchswissenschaftler weltweit, um sie bei der Feldforschung und der Digitalisierung der Sprachsammlungen zu unterstützen. "Wir verlieren unsere sprachliche Vielfalt", sagt Mandana Seyfeddinipur – und damit auch das Wissen, das mit diesen Sprachen verbunden ist. "Wenn wir die Spezies Mensch verstehen wollen, müssen wir Sprache verstehen." Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Zwar sind in der 200.000 Jahre währenden Sprachgeschichte schon immer Sprachen ausgestorben. Aber noch nie sind so viele verschwunden wie in den vergangenen 200 Jahren. Nach jüngsten Studien könnten bis Ende dieses Jahrhunderts weitere 1.500 ausgestorben sein. Bedroht sind über die Hälfte der noch verbliebenen 7.000. 7.000 Sprachen stehen für 7.000 verschiedene Arten, sich zu verständigen und auf die Welt zu blicken. In jeder Sprache liege "eine eigenthümliche Weltansicht", und jede enthalte die "Vorstellungsweise eines Theils der Menschheit", schrieb schon Wilhelm von Humboldt vor gut 200 Jahren. Wer seine Muttersprache verliert, verliert einen Teil seiner kulturellen Identität, das ist auch heute die Überzeugung von Linguisten. Es gibt Sprachen in Amazonien, die ein ganz besonderes Evidenzsystem haben. Sie verlangen eine grammatische Angabe dafür, woher die Information für eine Aussage stammt. Hat man etwas selbst gesehen oder nur davon gehört? Je nach Quelle ist dann eine grammatische Angabe und eine entsprechende Verbform nötig. Ein bemerkenswertes Konzept, gerade in Zeiten von Fake News.