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14.02.2026
10:22 Uhr
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Im Iran stehen nicht die prominenten Aktivisten im Zentrum der Katastrophe. Es wurden die einfachen Leute ermordet. Und die Opposition versteht sich selbst nicht mehr.

Wenige Tage nach dem großen Massaker, das war am 8. und 9. Januar, schrieb mir ein Freund im Iran eine Nachricht: "Bis vorgestern haben wir diese Menschen belehrt, ihnen die Welt erklärt und sie intellektuell gemobbt. Plötzlich häuften sich ihre Leichen vor uns." Der Freund ist Autor und Übersetzer, er gehört dem progressiven Lager an. Man kann sagen, er ist intellektuell. Er schreibt in seiner Nachricht von "ihren Leichen", den Leichen der anderen, weil längst nicht alle Teile der Gesellschaft von diesem Massaker betroffen sind. Dieses Mal sind es nicht hauptsächlich die Intellektuellen, nicht die politische Avantgarde, die verhaftet oder ermordet wurden. Dieses Mal ist es der durchschnittliche Rest der Gesellschaft. Es hat sich etwas verändert im Iran. Bis zu 30.000 Menschen sollen an jenen Tagen, die der bisherige Höhepunkt der jüngsten Proteste im Iran waren, von den Sicherheitskräften des Regimes getötet worden sein. Weil sie dem Aufruf des ehemaligen Kronprinzen Reza Pahlavi gefolgt waren und demonstrierten. Im ganzen Land forderten sie den Sturz des islamischen Regimes. Vielen Menschen im Iran, vielleicht den meisten, geht es um ein sichereres, materiell stabileres Leben. Um Arbeit, um Freiheit im westlichen Sinne, um eine Abkehr von der islamistisch geprägten Geschlechterordnung. Die politisierte Avantgarde im Iran aber orientiert sich in erster Linie an ideologischen Entwürfen, an normativen Zukunftsvisionen: am globalen Kampf gegen Kapitalismus und das Patriarchat, gegen Nationalstaaten und Grenzen. Solche ideologischen Rahmungen mögen im transnationalen progressiven Diskurs anschlussfähig sein, versprechen aber kaum eine kurzfristige Verbesserung im realen Leben der meisten Iranerinnen und Iraner. So entzweien sich die Gruppen, so entsteht eine Spannung zwischen politischem Idealismus und sozialen Erwartungen, die sich in den derzeitigen Protesten stärker zeigt als jemals zu vor. Das zeigt: Der Iran ist nicht nur in einer neuen Phase der Repression. Es gibt eine Verschiebung innerhalb der Opposition selbst. Die politisierte Avantgarde und der Willen der Gesellschaft entfremden sich voneinander. Selbst wenn man nur den offiziellen Zahlen des Regimes, die Rede ist von 3.100 Getöteten, vertraute, selbst dann wären das immer noch die meisten Toten auf den Straßen des Iran in der Geschichte der Islamischen Republik. Für die iranische Gesellschaft ist die Dimension der Katastrophe keine abstrakte Statistik. Die meisten Iraner kennen jemanden, der ermordet wurde – wenn nur über mehrere Ecken. "Wir haben zwar politisch recht, aber es sind nicht wir, die im Kugelhagel standen", schreibt der Freund später im selben Nachrichtenaustausch. Eine bekannte feministische Aktivistin, die während der Bewegung "Frau, Leben, Freiheit" monatelang inhaftiert war, sagte es in einem Telefongespräch so: "Je weiter man sich von den intellektuellen Zirkeln entfernt, desto größer ist die Zahl der Verletzten, der Getöteten, der Festgenommenen." Getötet wurde, wer verantwortlich war Auch während und nach früheren Aufständen waren es nicht ausschließlich bekannte Aktivistinnen und Aktivisten, die ermordet wurden. Doch sie galten als Verantwortliche, wurden als Köpfe der Bewegung identifiziert, verhaftet und in Schauprozessen verurteilt. Die Repression folgte einer vertrauten Logik: Wer sichtbar war, wurde zum Symbol – und damit zum Ziel. Diese Logik scheint inzwischen nicht mehr zu gelten. Das deutet weniger auf Zurückhaltung des Regimes hin als auf eine veränderte Dynamik: Die prominenten Sprecher standen offenbar nicht mehr im Zentrum des Aufstands. Auch in den sozialen Medien lässt sich bei vielen linken und progressiven Stimmen eine auffällige Distanz beobachten. Solidarität mit den Protestierenden und den Opfern, das schon, jedoch häufig aus der Perspektive von Beobachtenden. Denn bereits in den ersten Tagen der im Dezember 2025 begonnen Proteste entwickelte sich auf den Straßen des Landes eine Dynamik, die viele irritierte. Bei zahlreichen Demonstrationen wurde nach Reza Pahlavi, dem Sohn des ehemaligen Schahs gerufen. Als Wunsch, dass die Monarchie zurückkehren möge , sollten diese Rufe aber keineswegs verstanden werden. Für viele Iraner ist Pahlavi eher eine Projektionsfläche: Er steht für den radikalen Bruch mit dem bestehenden System. Pahlavis Aufruf folgten Menschen aus sehr unterschiedlichen sozialen Räumen. Aus wohlhabenden Vierteln im Norden Teherans ebenso wie aus prekären Stadtteilen der Hauptstadt. Und aus kleineren Städten im ganzen Land, in denen Straßenproteste zuvor selten gewesen waren. Gerade diese Symbolik wiederum ließ linke und progressive Kräfte zögern, sich offen mit der Bewegung zu identifizieren. Gemeint sind Gruppen, die sich für Emanzipation und gegen jegliche autoritäre Strukturen einsetzen, die Slogans benutzen wie "Tod der Diktatur – sei sie Mullah oder Schah". Als auf den Straßen dann plötzlich Symbole auftauchten, die nicht in diese vertrauten Muster passten, traf das besonders progressive und feministische Aktivisten unvorbereitet. Hatte doch die Bewegung "Frau, Leben, Freiheit" den Glauben genährt, dass ein unumkehrbarer gesellschaftlicher Wandel bereits eingeleitet sei. Ein Wandel hin zu einer zunehmend liberal-progressiven Öffentlichkeit. Die neuen Proteste aber stellten diese Gewissheit infrage, und offenbarten eine Wahrheit: Auch wenn "Frau, Leben, Freiheit" von einem breiten Teil der iranischen Gesellschaft getragen wurde, war die Bewegung nie homogen: Während ihre feministische und antiautoritäre Symbolik in urbanen Schichten enthusiastisch aufgenommen wurde, begegneten andere Teile der Gesellschaft ihr mit Skepsis oder Distanz. Die Proteste von diesem Jahr machen sichtbar, dass diese Unterschiede nie verschwunden waren. Sie haben sich zeitweise nur überlagert. Die neue Unsicherheit der Diaspora Natürlich ändert sich nun auch, wie die progressive Diaspora auf ihr Land blickt. Stimmen, die sich lange als moralischer Kompass der Opposition verstanden haben, wirken verunsichert. Während sie noch versuchten, die Ereignisse in vertraute Deutungsmuster einzuordnen, entstanden längst politische Bilder, die sich diesen Kategorien entzogen. Das macht ein Versäumnis sichtbar. Irans progressive Kräfte hätten früher erkennen können, dass sie das durch die "Frau, Leben, Freiheit"-Bewegung entstandene Potenzial stärker in der tatsächlichen Realität der meisten Iranerinnen und Iraner verankern müssen, um wirklich Erfolg zu haben. Stattdessen wurde die iranische Gesellschaft zunehmend durch westliche Diskurse über Identität, Sprache oder Symbolpolitik interpretiert.