Zeit 27.01.2026
02:11 Uhr

Sicherheitspolitik: Nato-Chef Rutte zweifelt an Europas Verteidigungskraft ohne die USA


Europa werde sich so bald nicht aus der US-Abhängigkeit lösen können, sagt Mark Rutte: "Träumen Sie weiter." Seine Aussage stößt in der EU auf Widerspruch.

Sicherheitspolitik: Nato-Chef Rutte zweifelt an Europas Verteidigungskraft ohne die USA
Europa wird sich nach Ansicht von Nato-Generalsekretär Mark Rutte auf absehbare Zeit nicht ohne Hilfe der USA verteidigen können. "Träumen Sie weiter", sagte Rutte am Montag vor EU-Parlamentariern in Brüssel. "Wir können es nicht." In einem solchen Szenario würde Europa den US-Atomschirm verlieren, argumentierte Rutte und fügte ironisch hinzu: "Viel Glück." Der Aufbau eigener nuklearer Fähigkeiten koste "Milliarden und Abermilliarden Euro", sagte Rutte. Sollte Europa wirklich "alleine weitergehen" wollen, müssten die Verteidigungsausgaben der Länder auf 10 Prozent steigen, betonte er. Beim jüngsten Nato-Gipfel hatten die Verbündeten bisher lediglich vereinbart, ihre Verteidigungsausgaben bis 2035 auf fünf Prozent ihrer jeweiligen Wirtschaftsleistung zu steigern. Wadephul sieht Europa auf gutem Weg Seine Bemerkung löste in Deutschland und Frankreich Widerspruch aus. Der französische Außenminister Jean-Noël Barrot schrieb auf X: "Nein, lieber Mark Rutte. Die Europäer können und müssen ihre Sicherheit selbst in die Hand nehmen." Das befürworte auch die US-Regierung. Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) zeigte sich ebenfalls zuversichtlich, dass Europa eine eigene Verteidigungsfähigkeit erlangen kann. "Wir sind auf dem Weg dorthin, indem wir beschlossen haben, fünf Prozent unseres BIP für Verteidigung aufzuwenden", sagte Wadephul bei einer Pressekonferenz mit der schwedischen Außenministerin Maria Malmer Stenergard in Stockholm. "Wenn wir das machen, werden wir selbstverständlich in der Lage sein, uns konventionell selbst zu verteidigen." Der Aufbau nuklearer Fähigkeiten sei jedoch "in der Tat noch eine kompliziertere Frage". Europa sei "für eine nicht unerhebliche Zeit darauf angewiesen, dass der amerikanische Nuklearschirm besteht". Darum müsse Europa beides tun: sich "wirklich konsequent für mehr europäische Unabhängigkeit engagieren" und zugleich "immer darauf achten, dass das Verteidigungsbündnis mit den USA lebendig bleibt", sagte Wadephul. Grönlandkrise hat Wunsch nach Unabhängigkeit ausgelöst Ruttes Bemerkung folgt einer turbulenten Woche, in der US-Präsident Donald Trump seine Ansprüche auf die zu Dänemark gehörende Insel Grönland mit Drohungen untermauert hatte. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos ließ Trump jedoch nach Gesprächen mit Rutte letztlich davon ab . Die Krise schürte in Europa Rufe nach einem Ende der Abhängigkeit von den USA. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) etwa sagte am Sonntag in der ARD , generell müsse sich ⁠Europa darauf einstellen, sich nicht mehr ⁠wie in den vergangenen 70 Jahren auf die USA ‌verlassen zu können. Rutte betonte bei seinem Gespräch mit Mitgliedern der Parlamentsausschüsse für Verteidigung und Auswärtige Angelegenheiten, dass auch die USA die Europäer für ihre eigene Sicherheit bräuchten, unter anderem in der Arktis. "Die USA haben ein ebenso großes Interesse an der Nato wie Kanada und die europäischen Nato-Verbündeten."