Zeit 25.02.2026
18:00 Uhr

Sexueller Missbrauch: Franziskanerorden räumt Komplettversagen bei Missbrauch ein


Ein Verschweigen von sexuellem Missbrauch dürfe es nie wieder geben, sagen die Franziskaner. Eine Studie zeigt, dass es im Orden zahlreiche Missbrauchsfälle gab.

Sexueller Missbrauch: Franziskanerorden räumt Komplettversagen bei Missbrauch ein
Der deutsche Franziskanerorden hat ein Komplettversagen im Umgang mit sexualisierter Gewalt eingeräumt. Bei der Vorstellung einer Aufarbeitungsstudie bat Provinzialminister Markus Fuhrmann alle Betroffenen um Vergebung "für die entsetzlichen Taten". Ein Verschweigen solcher Verbrechen dürfe es nie wieder geben In der wissenschaftlichen Studie ermittelten Sozialpsychologen vom IPP-Institut mehr als 100 Betroffene sexualisierter Gewalt seit 1945. Als Tatverdächtige seien 98 Ordensmänner namentlich identifiziert worden. Dies entspreche bei einer Gesamtzahl von 2.500 Franziskanern im Betrachtungszeitraum einer Täterquote von vier Prozent. Studienautor Peter Caspari sagte, das Dunkelfeld sei "um ein Vielfaches größer". Dazu gebe es weitreichende Hinweise. 75 Prozent der Betroffenen sind laut Studie männlich, die Mehrheit war zu Tatbeginn zwischen 10 und 15 Jahren alt. Die meisten Übergriffe geschahen in pädagogischen Einrichtungen. Laut dem Insititut ist ein Großteil der Tatverdächtigen, in der Regel Ordensbrüder, bereits verstorben. Kein einziges Strafverfahren Für die Standorte Vossenack und Dorsten (Nordrhein-Westfalen), Ottbergen (Niedersachsen) sowie Vlodrop in den Niederlanden liegen der Studie zufolge Hinweise auf jahrelange sexualisierte Gewalt an Jungen vor. Bei der Hälfte aller dokumentierten Fälle handele es sich um schwere Gewalt. "Es ist kein Fall bekannt, in dem ein Mitbruder sexuellen Missbrauch aufdeckte", sagte Caspari. Bis 2011 hätten sich Ordensverantwortliche in keiner Weise für das Schicksal Betroffener interessiert. Bis 2010 sei auch kein einziges Strafverfahren oder eine kirchenrechtliche Sanktion proaktiv veranlasst worden. Insgesamt habe der Prozess der Aufarbeitung "viel zu spät" begonnen. Als begünstigende, ordensspezifische Faktoren für die Übergriffe werden in der Studie unter anderem der Umgang mit Gehorsam und Keuschheit, eine ungeklärte Sexualität, psychische und physische Erkrankungen sowie ein früher Ordenseintritt genannt. Sexualisierte Gewalt im Orden sei bis in die 2010er-Jahre verleugnet worden. Die Folgen für die Betroffenen sind gravierend: Viele hätten, zum Teil lebenslang, mit psychischen Folgeerkrankungen zu kämpfen. Betroffene sprechen von Verantwortungslosigkeit Die Studie sei mehr als überfällig gewesen, sagte der Betroffenenvertreter Peter Krosch. Er hatte als Kind in Vossenack in Nordrhein-Westfalen, wo die Franziskaner ein Gymnasium und ein Internat betreiben, in den 1970er- und 1980er-Jahren sexualisierte Gewalt erlebt. Der Ordensleitung warf er zeitliche Verschleppung, eine jahrelange Vertuschungspraxis und Wegducken vor. "Diese Verantwortungslosigkeit eines ganzen Systems nun schwarz auf weiß noch einmal nachlesen zu können, macht mich noch immer fassungslos." Alle Ordensangehörigen hätten zu seiner Zeit in Vossenack von den Taten gewusst, "die Übergriffe waren immer Thema unter uns Jungs" im Internat, sagte Krosch. Achim Görke, ebenfalls Betroffener in Vossenack in den 1970er-Jahren und Mitglied der Begleitgruppe für die Studie, sagte, er habe 50 Jahre gebraucht, um über das Erlebte sprechen zu können. Die Studie sei für ihn eine wichtige Stütze, um zu wissen, dass er nicht allein sei. Die Schilderung der Fälle in Vossenack nimmt 60 der insgesamt 450 Seiten starken Studie ein. Orden kündigt weitere Maßnahmen an Die Studie sei kein Abschluss, sondern ein entscheidender Schritt im Prozess der Aufarbeitung, sagte Fuhrmann weiter. Mithilfe der Studienergebnisse sollen "weitere Maßnahmen" entwickelt und umgesetzt werden, um Machtmissbrauch und Übergriffe zu verhindern oder bei Übergriffen entsprechend einzugreifen. Der Franziskanerorden, der sich auf den Heiligen Franz von Assisi beruft, ist laut eigenen Angaben mit rund 13.600 Mitgliedern der weltweit drittgrößte Orden der katholischen Kirche. In Deutschland leben rund 200 Franziskaner in mehr als 20 Klöstern. Hauptsitz der Deutschen Franziskanerprovinz ist München.