Zeit 02.01.2026
19:29 Uhr

Sexualität in der Beziehung: "Ich wollte, dass er mit einer anderen Frau schläft"


Mona und Andreas Knapp sind seit Teenage-Zeiten ein Paar. Sie haben vier Kinder, ein Haus, aber kaum noch Sex. Dann wagen sie ein Experiment, um ihre Beziehung zu retten.

Sexualität in der Beziehung:
Sie hatten das Gefühl, sie hätten sich nichts mehr zu sagen. Sie hatten das Gefühl, sie würden nichts mehr spüren. Eine Chance gaben sich Mona und Andreas Knapp noch. 19 Jahre waren sie zusammen, das wirft man doch nicht einfach so weg. Es wurde ihre Rettung. Hier reflektieren sie gemeinsam über eine Entscheidung, die ihr Leben veränderte. Mona Knapp: Nach 19 Jahren war ich mir nicht mehr sicher, ob ich noch Gefühle für Andi habe. Unsere Beziehung schien am Ende. Wir saßen schon zusammen und haben überlegt, wie wir es mit dem Haus und den vier Kindern machen. Da wir zusammengekommen sind, als ich 14 war, bekam ich mehr und mehr das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Nach der Geburt unserer Zwillinge hatten wir auch nur noch selten Sex. Andreas Knapp: Und gefühlt auch nur noch, um Druck abzubauen. Ich hatte mich damals gerade selbstständig gemacht. Gleichzeitig hatten wir fürs Haus einen Kredit aufgenommen. Das hat mich stark belastet. Auf der Baustelle habe ich dann viel allein gemacht, zwei Jahre lang, Brett für Brett. Ich war nur noch am Arbeiten. Mona Knapp: Während ich zu Hause für die Kinder zuständig war und meine Bedürfnisse zurückgestellt habe. Wenn Andi mal nicht gearbeitet hat, ist er mit Freunden ausgegangen. Er war dann nicht erreichbar oder hat mich sogar weggedrückt. Wenn ich versucht habe, das anzusprechen, hat er sich in seinem Büro eingesperrt. Auch äußerlich hat er sich gehen lassen. Ich hatte ihm gegenüber einen kompletten Libidoverlust. Andreas Knapp: Ich war selbst unzufrieden. Und da ich eigentlich nicht der Typ bin, der Problemen aus dem Weg geht, habe ich überlegt, ob es für uns vielleicht noch eine andere Lösung gibt als Trennung: Wenn Mona glaubt, etwas verpasst zu haben, dann muss sie es vielleicht einfach ausprobieren. Also haben wir beschlossen, es mit einer gemeinsamen Auslebephase zu versuchen. Wir haben uns bei einer Adult-Dating-Plattform angemeldet und sind auf Swingerpartys gegangen. Mona Knapp: Um herauszufinden, ob noch Gefühle für Andi da sind, wollte ich, dass er mit einer anderen Frau ins Bett geht. Das wollte er aber nicht. Ich habe mich dann zu einem anderen Mann hingezogen gefühlt, den wir auf einer der Partys kennengelernt haben. Und ich habe den Wunsch geäußert, mit ihm zu schlafen. Auch das wollte Andi zuerst nicht. Irgendwann hat er dann doch zugestimmt. Also habe ich mich mit dem anderen Mann in einem Hotel verabredet. Er hat mich sogar mit dem Auto vor unserem Haus abgeholt. Andi dachte, dass ich eh gleich wieder nach Hause komme … Andreas Knapp: ... gehofft habe ich das, ja. Mona Knapp: Andi bat uns auch darum, dass wir abends wieder zurückkommen. Wir sind aber über Nacht geblieben und hatten eine zehnstündige Session mit kurzen Duschpausen. Andreas Knapp: Das war schlimm für mich. Sie hat sich mit einem anderen Mann so fallen lassen können, dass sie stundenlang Sex haben konnte, während bei uns nach zehn Minuten die Lust weg war. Dann dachte ich: Wenn es mit einem anderen funktioniert, dann muss ich herausfinden, wie genau es funktioniert. Was muss denn dann bei mir anders werden? Wie können wir uns wieder näherkommen? Mona Knapp: Ich glaube, es hat diesen Knall gebraucht. Ich habe dadurch wieder eine eigene Stimme bekommen, die ich verloren hatte. Andreas Knapp : Das Schlimmste war die Ungewissheit: nicht zu wissen, was aus uns wird. Ich habe das zum Anlass genommen, mich einmal richtig mit weiblicher Anatomie und Sexualität auseinanderzusetzen. Ich habe mich durch Bücher gewühlt, Vorträge geschaut und festgestellt, dass ich so gut wie gar nichts gewusst habe. Dass ich meine Vorstellungen vom Sex – wie so viele Männer – vor allem aus Pornos gezogen habe, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatten. Mona Knapp: Andi hat sich dadurch sehr verändert. Er fühlte sich nicht mehr so schnell angegriffen, wenn ich Wünsche geäußert habe. Wir wurden beide immer neugieriger und probierten Sachen aus, die wir früher nicht gemacht haben. Plötzlich waren wir uns wieder sehr nah. Ich habe meinen Körper neu spüren gelernt. Es fühlte sich so an, als wären eingeschlafene Nerven wieder zum Leben erwacht. Und ich habe dabei gemerkt, dass es mit Andi am besten funktioniert. Weil er sehr genau weiß, was er tun muss. Andreas Knapp: Es hat zum Beispiel sehr geholfen, Geschwindigkeit und Intensität zu reduzieren. Um zu spüren: Wo bin ich eigentlich? Nicht mehr nur hart und schnell wie früher, das führt nirgendwohin, sondern bewusst langsam. Das bedeutet auch, dass sich das Vorspiel durch den ganzen Tag ziehen kann. Das beginnt oft schon am Morgen mit einer Bemerkung oder einer Berührung. Mona Knapp : Seit die Kinder vormittags alle aus dem Haus sind, haben wir auch endlich wieder mehr Zeit füreinander. Acht Jahre lang hatten wir das Bett nicht mehr für uns allein. Das war eine extreme Herausforderung. Andreas Knapp : Wir wissen heute beide so gut, wie es funktioniert, dass wir gar keinen Sex ohne Orgasmus mehr haben können. Aber eigentlich geht es darum gar nicht, sondern um Nähe und Intimität. Mit dem Kopf ganz da zu sein. Ich denke, dass das wichtigste Sexualorgan das Gehirn ist. Die Idee, dass es der Mann der Frau "besorgen" muss, ist Unsinn. Den Gedanken sollte man ablegen. Und ihr auch nicht das Gefühl geben, dass sie kommen muss . Mona Knapp: Der Druck ist ein Lustkiller, absolut. Andreas Knapp: Ich habe den Eindruck, dass Mona viel mehr Lust daraus zieht, wenn sie merkt, dass ich mich fallen lasse, dann wird es irgendwann ein Miteinander, ein Verschmelzen. Mona Knapp: Das hat sich bei uns wirklich verändert, dass er sich fallen lassen kann. Andreas Knapp: Hat jetzt eben eine Weile gebraucht. Mona Knapp: Ja, 19 Jahre. (Sie lacht.) Andreas Knapp: Klar, in der Verliebtheitsphase hatten wir auch viel Sex. Mona Knapp: Aber das kann man nicht mit dem Sex jetzt vergleichen. Wir machen heute Erfahrungen, an die man sich Wochen später noch erinnert. Andreas Knapp: Wir kommunizieren auch anders. Früher bestand unsere Kommunikation aus gegenseitigen Anschuldigungen. Ich habe viele Dinge gesagt, über die ich heute den Kopf schüttle, so etwas wie: "Wenn's dir nicht passt, dann geh halt!" Jetzt reden wir immer von uns aus, in Ich-Botschaften, offen und verletzlich. Wer so spricht, bekommt ganz andere Antworten. Mona Knapp: In unseren Familien hat man nicht über Sex gesprochen, das war ein Tabuthema. Dabei kommt man nur voran, wenn man ehrlich miteinander ist und nichts auslässt. Andreas Knapp: Wenn man sieht, wie viele Beziehungen und Ehen in die Brüche gehen, wie viele Menschen fremdgehen, dann bin ich froh, dass es bei uns so positiv verlaufen ist. Ich würde auch sagen, dass wir immer noch eine monogame Beziehung führen, da wir alles gemeinsam entscheiden und einen klaren Rahmen gesetzt haben. Mona Knapp: Wenn es darum geht, ob wir jemanden in die Beziehung reinholen oder nicht, haben beide Mitspracherecht und können ein Veto einlegen. Andreas Knapp: Vielleicht könnte man unsere Beziehungsform "betreutes Fremdgehen" nennen. (Beide lachen.) Und es ist doch so: Wenn man die Fantasie hat, mit einem anderen zu schlafen, und diese Fantasie umsetzt, dann geht sie oft an der Realität kaputt. Mona Knapp: Weil es meistens doch anders ist, als man sich das vorgestellt hat. Andreas Knapp: Deshalb wäre es doch sinnvoll, sich die Fantasie als Fantasie zu erhalten. Wir sind heute jedenfalls wieder in einer Hochphase unserer Beziehung angekommen. Und wir können anderen Paaren nur raten, sich bewusst Zeit füreinander zu nehmen und den Sex nicht zu vernachlässigen. Denn guter Sex macht zufriedener, gelassener, einfühlsamer. Die Geschichte von Mona und Andreas Knapp ist Teil der neuen Staffel der ARTE-Dokuserie "Unhappy" mit Ronja von Rönne. Die Folge " Vom guten Sex " ist ab dem 1. Januar neben vier weiteren neuen Folgen in der ARTE-Mediathek zu sehen.