Zeit 01.02.2026
18:00 Uhr

Rita Süssmuth: Ihr Motor war Gerechtigkeit


Um modern zu wirken, holte Helmut Kohl sie in die Politik. Doch Rita Süssmuth wollte und erreichte mehr – ob im Kampf für Frauen oder gegen Aids. Nun ist sie verstorben.

Rita Süssmuth: Ihr Motor war Gerechtigkeit
So muss es oft gewesen sein: Sie vermittelte das Gefühl, die Zeit laufe ihr davon. Nicht erst in diesen letzten Jahren, als die Krankheit sich meldete, der Krebs. Die Ungeduld trieb Rita Süssmuth an, seit sie denken konnte, so hat sie es Ende Mai 2024 erzählt im Esszimmer des Bungalows in Neuss-Süd, wo sie wohnte. Eine Selbstbeschreibung, die ja auch stimmte: Rita Süssmuth war keine, die sich mit Verhältnissen arrangierte, in Komfortzonen einrichtete, im Ruhestand auf der Couch dämmerte. Sie brachte lieber Dinge in Bewegung, preschte auch vor: als CDU-Mitglied; als Quereinsteigerin im Politikbetrieb; als erste Frauenministerin der Bundesrepublik; als Gründerin der Aids-Stiftung; als Bundestagspräsidentin; als Autorin von Büchern mit Titeln wie "Überlasst die Welt nicht den Wahnsinnigen." Auch als schon 87 Jahre alte Festrednerin zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2024 in der Frankfurter Paulskirche, einem ihrer letzten großen Auftritte, – auch da war Süssmuths Rastlosigkeit zu erleben: "Demokratie ist nicht gottgegeben", drängelte sie. Da hatte Donald Trump die Wahl in den USA noch nicht wieder gewonnen, da hatte er die demokratischen Institutionen der Vereinigten Staaten noch nicht attackiert, war Kanada und den Europäern noch nicht in den Rücken gefallen, hatte Grönland noch nicht mit Übernahme gedroht, hatte noch keine ICE-Agenten in die Stadt Minneapolis geschickt, der Welt mit der Angst vor Krieg und anderen Katastrophen noch nicht den Schlaf geraubt. Aber Rita Süssmuth stand schon Monate vorher am deutschen Nationalfeiertag 2024 in der Paulskirche und sagte laut ins Mikrofon, dass es in bestimmten Momenten Klarheit und Entschlossenheit brauche. Sie erinnerte, dass es der Mut der Menschen gewesen sei, der 1989 die Wende herbeigeführt habe. Süssmuth mahnte: "Wenn wir jetzt zwischen nationalistischem und europäischem Denken herumhampeln, dann haben wir nicht verstanden, was das wert war." Sätze, die unverblümt waren und die einen Auftrag mitbringen, die konnte sie gut. Vor allem von sich selbst verlangte Rita Süssmuth, diese Aufgaben erfüllen zu müssen. Wer in ihr Leben schaut, sieht eine Lokomotive, die hinaufschiebt, hinausmuss, vorwärts, ohne Pause. Leicht war es nicht. Den Mut dafür hat Rita Süssmuth sich selbst beigebracht. Als die Mutter krank ist, schultern Rita und ihre Schwestern Verantwortung Das geht schon in der Kindheit los: 1937 in Wuppertal geboren, das zweite von insgesamt fünf Kindern, Vater Rektor einer Volksschule, Mutter im elterlichen Uhren- und Schmuckgeschäft, alle katholisch. Der Vater wird 1939 zur Wehrmacht eingezogen. Als er im Herbst 1945 aus britischer Kriegsgefangenschaft nach Hause kommt, ist seine Frau seit Monaten schwer an Typhus erkrankt. Die Kinder werden von Nachbarn versorgt. Später, als die Mutter wieder schwer krank im Bett liegt, sind es die drei Töchter, die sich kümmern, den Haushalt übernehmen. Wahrscheinlich hat Rita Süssmuth irgendwann da begonnen, die aufgeladene Verantwortung als eine Art Aufforderung zu verstehen. Diese besondere Form von Ehrgeiz begleitete sie jedenfalls seither. Nach dem Abitur will sie zuerst Lehrerin werden, gibt nebenher Nachhilfe, jobbt in einer Fabrik, geht als Au-pair nach Paris, liest Jean-Paul Sartre. Sie startet eine Unikarriere, schreibt ihre Dissertation, heiratet den jungen Mann, den sie ein paar Jahre vorher bei einer Abifeier kennengelernt hat und der jetzt Referendar ist: Hans Süssmuth. Die Tochter kommt zur Welt. Und wie herausfordernd es sein kann, ein Kleinkind großzuziehen, wenn beide einer Hochschultätigkeit nachgehen, hat Rita Süssmuth da gelernt, so erzählte sie das später. Eine Erfahrung, die sie mitgenommen hat auf ihren Weg. Man kann sagen: Der Zug war aufs Gleis gesetzt. Süssmuth arbeitete schon als Professorin für Erziehungswissenschaft an der Uni Dortmund und Direktorin des Forschungsinstituts Frau und Gesellschaft und Vizepräsidentin des Familienbundes der Deutschen Katholiken, als plötzlich der Anruf aus dem Kanzleramt kam. Süssmuth hatte nicht damit gerechnet.