Zeit 08.12.2025
09:03 Uhr

Riester-Reform: Die Riester-Rente bekommt ein Update


Die Regierung verspricht eine Rentenreform ohne Denkverbote. Finanzminister Klingbeil wagt das mit der Riester-Reform. Doch viel Aufbruch steckt in dem Entwurf nicht.

Riester-Reform: Die Riester-Rente bekommt ein Update
Die Debatte um die Rente dreht sich längst im Kreis der Schlagworte. "Keine Denkverbote, keine Tabus", forderte Bundeskanzler Friedrich Merz von der Rentenkommission, die noch in diesem Jahr eingesetzt werden soll. Arbeitsministerin Bärbel Bas sprach kürzlich in den ARD- Tagesthemen davon, nicht nur an "zwei Schräubchen" drehen zu wollen, sondern ein ganz neues System zu entwerfen. In dieser aufgeladenen Atmosphäre legt Finanzminister Lars Klingbeil einen Reformvorschlag für die staatlich geförderte private Altersvorsorge vor. Also das, was bisher als Riester-Rente bekannt ist. Der Referentenentwurf, der der ZEIT vorliegt, verspricht viel: Die neue Vorsorge soll "kostengünstiger, renditestärker, unbürokratischer, flexibler, einfacher und transparenter" werden. Klingt nach Aufbruch. Aber ist es das? Kaum, sagt Patricia Frericks, Professorin für Soziologie und Ökonomie sozialer Dienste und Einrichtungen an der Universität Kassel, die seit zwei Jahrzehnten europäische Rentensysteme vergleicht. "Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem die Politik ankündigt, ohne Tabus über ein ganz neues System der Alterssicherung nachdenken zu wollen. Die Stückwerkelei der letzten zwei Jahrzehnte geht also weiter." Ein gescheitertes Prestigeprojekt Die Riester-Rente war einmal das Prestigeprojekt deutscher Sozialpolitik: 2001 eingeführt, sollte sie die Lücke schließen, die das sinkende Niveau der gesetzlichen Rente riss. Gefördert mit Zulagen und Steuervorteilen, vermarktet mit dem Versprechen auf Sicherheit, war sie gedacht als massentaugliche Zusatzvorsorge für alle. Doch aus dem Hoffnungsträger wurde ein Bürokratiemonster. Die Verträge sind kompliziert, die Förderung oft unverständlich, die Rendite durch Garantiepflichten gedeckelt. Vor allem Gutverdienende profitieren, Menschen mit niedrigem Einkommen meiden das Produkt, obwohl sie es am dringendsten bräuchten. Der Referentenentwurf greift einige dieser Mängel auf. Die Idee ist ein Überbleibsel aus Ampel-Zeiten, ursprünglich aus dem Finanzministerium unter Christian Lindner, der noch einen Gesetzentwurf ausgearbeitet hatte. Geplant ist ein "Altersvorsorgedepot" ohne Garantien, das als staatlich gefördertes Standardprodukt fungieren soll. Verbraucher sollen einfacher vergleichen können, Anbieter durch Investitionen in Fonds oder ETFs mehr Rendite ermöglichen. Bisher mussten Anbieter eine 100-Prozent-Kapitalgarantie zertifizieren: Zu Beginn der Auszahlungsphase (also beim Renteneintritt) muss mindestens das eingezahlte Kapital inklusive staatlicher Zulagen garantiert zur Verfügung stehen. Viel Risiko – und damit eine höhere Rendite – war also nicht möglich. Damit sich eine private Altersvorsorge lohnt, müssen Anleger idealerweise bis zum Lebensende inflationsbereinigt mindestens so viel herausbekommen, wie sie die Altersvorsorge gekostet hat. Im besten Fall natürlich mehr. Als Richtwert wird gerne die Zwei-Prozent-Marke genannt, um die Inflation über die Jahre auszugleichen. Bislang scheitert die Riester-Rente an diesen Vorgaben: Dieses Ziel erreichen einer Untersuchung der Initiative Finanzwende zufolge die meisten Riester-Verträge erst, wenn die Kunden 99 Jahre alt sind . Bei Männern ist das mehr als 20 Jahre älter als die aktuelle Lebenserwartung. Mehr Risiko, mehr Ertrag Das neue Depot soll das ändern. Es erlaubt höhere Risiken und damit potenziell höhere Erträge. Wer weiterhin Wert auf Sicherheit legt, kann Produkte mit 80- oder 100-Prozent-Garantie wählen. Auch in der Auszahlungsphase gibt es mehr Freiheit: Bislang war es Pflicht, die Riester-Rente bis ans Lebensende zu beziehen. Doch das führt dazu, dass Versicherer große Teile des Vermögens zurückhielten, um das Langlebigkeitsrisiko abzusichern. Das drückt die monatliche Auszahlung. Künftig soll es möglich sein, sich für einen Auszahlungsplan zu entscheiden, der das Geld etwa bis zum 85. Lebensjahr verteilt. Das ist flexibler, potenziell rentabler, aber auch riskanter: Wer sehr alt wird, muss sich dann selbst absichern. Mehr Risiko klingt in der Theorie einfach, wenn dabei mehr Rente herauskommt. Doch: "Was passiert, wenn die neuen Produkte am Ende nicht liefern?", fragt Frericks. "Stehen dann viele trotz jahrzehntelanger Vorsorge am Ende ohne eigene Ressourcen da und brauchen Grundsicherung? Das soziale Risiko des Alters kann man nicht ohne jegliche Garantien angehen." Ein Blick in die Niederlande zeigt, wie anfällig kapitalmarktgedeckte Systeme sein können. Dort haben viele Betriebsrenten in der Niedrigzinsphase deutlich weniger erwirtschaftet als ursprünglich kalkuliert. Inzwischen wird auch dort über grundlegende Reformen diskutiert – mit dem Ziel, wieder stärker auf das Umlageprinzip zu setzen. Dazu kommt noch ein weiteres Problem: Von privater Vorsorge auf Eigenverantwortung profitieren vor allem Gutverdiener. Menschen mit geringen Einkommen schließen seltener Verträge ab. Laut einer Untersuchung am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) nutzen nur 13 Prozent der einkommensärmsten Haushalte die Riester-Förderung – bei den reichsten sind es 32 Prozent. "Wenn die Rente Armut vermeiden und den Lebensstandard sichern soll, dann geht das nur mit einer Pflichtversicherung, wie es auch andere Länder zeigen", sagt Frericks. "Mit absoluter Freiwilligkeit wird das genauso ausgehen wie bei der Riester." Laut dem Gesetzesentwurf aus dem Finanzministerium soll das neue Altersvorsorgedepot ab dem 1. Januar 2027 verfügbar sein. Wer bereits einen Riester-Vertrag besitzt, bekommt die Möglichkeit, freiwillig in das neue System zu wechseln. An der grundlegenden Logik der Förderung ändert sich nichts: Wer in der Ansparphase Geld zurücklegt, kann die Beiträge weiterhin steuerlich absetzen. Die spätere Besteuerung erfolgt dann im Rentenalter – wie bisher. Viele junge Leute rechnen nicht mehr damit, dass das, was man einzahlt, auch eines Tages zurückkommt. "Ich habe die Rente innerlich abgeschrieben", sagte etwa ein junger Mann in einem Interview mit der ZEIT. Für Frericks bleibt die Hoffnung auf die Rentenkommission, die noch vor Weihnachten eingesetzt werden soll. Der politische Rahmen dafür sei jedoch ernüchternd. "Wenn ich in diesem Gremium säße und ernsthaft ohne Denkverbote nach Lösungen suchen sollte", sagt sie, "wäre ich vor dem Hintergrund der gegenwärtig neu gesetzten Finanzmarktstärkungen im Moment ziemlich ratlos." Welchen Stellenwert und welche Funktion finanzmarktbasierte Produkte im zukünftigen Rentensystem einnehmen sollen, müsse mithilfe dieser Kommission erst mal geklärt und in der Gesellschaft diskutiert werden.