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11.02.2026
16:56 Uhr
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Wie soll dieser Krieg heißen? Benjamin Netanjahu und die Hamas arbeiten beide an der Umdeutung des Nahostkonflikts und ihrer Rolle. Die Parallelen sind erstaunlich.

Im Sommer des Jahres 2023 gruben Archäologen in einer Höhle in der israelischen Judäa-Wüste zwei ungewöhnlich gut erhaltene Eisenschwerter aus. Sie stammen aus dem 2. Jahrhundert nach Christus, aus der Zeit der jüdischen Rebellion gegen die römische Besatzung. National Geographic kürte die Schwerter später zum aufregendsten archäologischen Fund des Jahres. Und als am 7. Oktober die Hamas Israel überfiel , benannte die israelische Armeeführung den nun beginnenden Militäreinsatz nach diesen Symbolen der jüdischen Wehrhaftigkeit: "Operation Eiserne Schwerter". Sie hatte dabei wohl auch die ideologischen Vorlieben von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu im Blick. In seiner häufig geschichtspolitisch aufgeladenen Rhetorik dient der damalige Aufstand als ruhmreiches Beispiel jüdischen Heldentums. Man sieht: Diese Namen verraten etwas. Mit ihnen versucht die israelische Führung, ihre Kriegsnarrative zu setzen. An ihnen wird verhandelt, als was die israelische Gesellschaft den Krieg verstehen soll – und auch, in welcher Phase Netanjahu den jüdischen Staat heute sieht, mehr als zwei Jahre nach dem Terrorangriff: nämlich mitten in der Wiedergeburt. Denn als abzusehen war, dass der Truppeneinsatz weit länger als alle früheren Militäroperationen im Gazastreifen dauern würde, insistierte Netanjahu auf einem gänzlich neuen Namen. In einer Kabinettssitzung im Dezember 2023 fiel der Vorschlag "Genesis-Krieg", der Netanjahu gut gefiel – zumal er auch im Englischen ausgezeichnet klinge: "The Genesis War". Der Vorschlag stieß allerdings wegen des unmittelbaren Bezugs zur biblischen Schöpfungsgeschichte und dem suggerierten Neubeginn in der israelischen Öffentlichkeit sofort auf Widerstand. Die Jerusalemer Soziologieprofessorin Vered Vinitzky-Seroussi, die über Erinnerungskulturen forscht, sah darin das Bestreben Netanjahus, "alles, was dem Krieg vorausging, auszulöschen und sich als der darzustellen, der eine neue Welt erschafft und uns vor dem Tohuwabohu rettet". Ihr Einwand und der vieler weiterer Kritiker: Netanjahu habe von Anfang an seine Verantwortung als Regierungschef für das Sicherheitsversagen an jenem Oktobertag bestritten. "Gebt diesem Krieg seinen richtigen Namen", forderte die Professorin, "oder zumindest den richtigen für seine im Stich gelassenen Opfer: Krieg des 7. Oktober." Netanjahu sah vorerst von einer Umbenennung ab. Zum ersten Jahrestag des 7. Oktober nahm er 2024 dann einen neuen Anlauf. In der Trauersitzung des Kabinetts schlug er den Ausdruck "Milhemet ha-Tkuma" vor, zu Deutsch etwa "Krieg der Wiederaufrichtung". Wie "Genesis" stammt auch "Tkuma" aus der Bibel, aus der der Premier seit einigen Jahren in seinen Reden gerne und regelmäßig zitiert. Im Alten Testament kommt das Wort nur ein einziges Mal vor (Mose 3, 26:37): Gott droht dem Volk Israel bei Ungehorsam mit einer vernichtenden Niederlage durch seine Feinde, von der es sich nicht wird wiederaufrichten können. Im modernen Hebräisch wurde "Tkuma" zum Synonym für die Abwehr einer drohenden Vernichtung. Am prägnantesten in der sich auf den Holocaust beziehenden Formel "Von Schoa zu Tkuma", die nach der Staatsgründung zu einem der Grundpfeiler des israelischen Selbstverständnisses wurde. Der Protest folgte sofort. Von einer Wiederaufrichtung könne überhaupt keine Rede sein, solange die israelischen Geiseln in Gaza festgehalten würden, empörte sich das Forum der Angehörigen dieser Geiseln in einer Presseerklärung. Das zeigte Wirkung, und wieder geschah ein ganzes Jahr nichts. Als aber im Oktober 2025 so gut wie alle verbliebenen Geiseln freigelassen und auch die sterblichen Überreste der meisten getöteten Entführten Israel übergeben wurden, wurde dieser Einwand obsolet. Und schon kurz darauf beschloss die Regierung die Umbenennung der Militäroperation in "Milhemet ha-Tkuma". In der amtlichen Übersetzung ins Englische wird der Feldzug sogar als "Krieg der Erlösung" bezeichnet (War of Redemption). Dass sich Netanjahu in der Rolle des Erlösers besonders gefalle, wurde ihm im Laufe seiner langen politischen Karriere immer wieder vorgehalten.