Zeit 27.01.2026
14:08 Uhr

Repression im Iran: Der Streit um die Toten


Die großen Proteste im Iran gegen das Regime haben Tausende Tote hinterlassen – verlässliche Zahlen gibt es jedoch kaum. Was sich sagen lässt, trotz aller Lücken.

Repression im Iran: Der Streit um die Toten
Bei den Protesten am 8. und 9. Januar im Iran sind Tausende Menschen getötet worden. Wer versucht herauszufinden, wie viele es genau waren oder welche Schicksale sich dahinter verbergen, stößt schnell auf Grenzen. Weil die Angehörigen und Freunde sich nicht trauen, darüber zu sprechen, weil die Telefone abgehört werden könnten. Und weil in vielen Fällen nicht einmal klar ist, wo und wann genau jemand bei den Demonstrationen gegen das Regime starb. Hinzu kommt: Seit dem 8. Januar ist das Internet im Iran nahezu vollständig abgeschaltet. Bei manchen von ihnen lässt sich ihre Geschichte aber nachzeichnen. Rubina Aminian etwa, 23, Modedesignstudentin in Teheran , aufgewachsen in der kurdischen Stadt Kermanschah. "Sie war voller Energie, voller Kunst", sagt ihre Tante im Gespräch mit der ZEIT. Zu Hause sei Rubina die Tanzende, die Lachende gewesen, mit "immer einem großen Lächeln" – und zugleich, sobald es um Arbeit ging, ernst, diszipliniert, zielstrebig. Ihre Mutter betreibe eine Schneiderei für kurdische Kleidung; Rubina habe Kleidung nicht nur entworfen, sondern schon an eine eigene Marke gedacht: Logo, Labels, ein Name für ein Atelier, Pläne, traditionelle Muster modern weiterzuführen. Nach dem, was ihre Familie herausgefunden haben soll, wurde sie von hinten aus kurzer Distanz mit scharfer Munition getroffen, am 8. Januar. Wo genau, ist selbst den Angehörigen nicht klar – nach der Eskalation riss die Verbindung ab, das Land liegt im digitalen Dunkel. Was danach folgte, beschreibt die Tante als eine Suche, die im Iran dieser Wochen tausendfach stattfindet: Fahrten quer durch die Stadt, Listen, Ungewissheit, Tote ohne Namen. In Teheran habe die Familie in Hallen gestanden, in denen "Hunderte Leichen" gelegen hätten. Und selbst nach dem Tod, sagt sie, habe der Staat die Kontrolle behalten: Nach Angaben der Familie wollten die Behörden Rubinas Leichnam zunächst nicht herausgeben. Die Angehörigen hätten den Körper schließlich ohne Erlaubnis aus der Gerichtsmedizin geholt – "gestohlen", wie die Tante es nennt – und im Privatwagen in ihre Heimatstadt gebracht. Beerdigen durfte man Rubina am Ende nicht dort, wo die Familie lebt, Trauerfeiern seien untersagt worden. Immer wieder seien Sicherheitskräfte aufgetaucht, hätten Menschen eingeschüchtert, die kondolieren wollten. Sicherheitskräfte stünden permanent vor der Tür. Einen Tag später wurde Raha Bahlulipour getötet. Ihre letzte Nachricht ist am 9. Januar gegen 18 Uhr Ortszeit über ihren Telegram-Kanal rausgegangen: "Ich bin kurz online – und ich will nur schreiben: Frau, Leben, Freiheit. " Zwei Stunden später, erzählen jene, die an diesem Abend bei ihr waren, stand Raha Bahlulipour im Zentrum Teherans in einer Protestmenge nahe der Fatemi-Straße. Dann knallte es. Tränengas lag in der Luft, Schrotmunition war zu hören. Ein Begleiter wurde am Auge getroffen. Während die anderen sich um ihn kümmerten, wurde auch Raha getroffen und fiel zu Boden. Aus Angst, die Sicherheitskräfte könnten sie "mitnehmen" und verschwinden lassen, zogen ihre Freunde sie zunächst in ein nahegelegenes Geschäft. Erst danach brachten sie Raha ins Krankenhaus. Dort ist sie gestorben. 23 Jahre alt. "Raha war wirklich frei", sagt ein enger Freund im Gespräch mit der ZEIT – frei, wie es ihr Name auf Persisch bedeutet. Er erinnert sich an ihre Liebe zu Literatur und Gedichten, zu französischem Kino, an Umarmungen, die so fest waren, als sollte niemand verloren gehen. Raha wollte Regisseurin werden; für diese Tage hatte sie einen Dokumentarfilm geplant, Arbeitstitel: "Die Wunden". Ihren Leichnam habe die Familie erst nach Vermittlung der Hochschulleitung erhalten, Trauerfeiern seien wieder untersagt worden, die Beerdigung fand im engsten Kreis statt. Die dritte Geschichte berichtet ein iranischer Student in Europa. Als er kurz eine Verbindung zu seiner Mutter bekommen habe, erzählte diese ihm weinend, drei Freunde aus seiner Kindheit seien in Fardis bei Karadsch getötet worden. Mohsen, Sadegh und Amir, alle um die 30 Jahre alt. Es sind Namen aus einem Viertel, in dem man früher in die Moschee ging, Karatekurse besuchte, im Sommer schwimmen war – der Vater einer der Jungen baute ihm sogar einen Schreibtisch. Sein Vater habe das Telefonat schnell abgebrochen, aus Angst, abgehört zu werden. Der Student beschreibt, wie selbst in einem religiös geprägten, aber nicht regimetreuen Milieu die Unzufriedenheit gewachsen sei: Die Moschee sei zur Basidsch-Basis geworden, einer Miliz der Revolutionsgarden. Viele empfänden ihre Lebenswelt zunehmend als politisch vereinnahmt. Zahlen, die einander widersprechen – und doch in dieselbe Richtung zeigen Die Islamische Republik versucht, die Deutungshoheit über das Sterben dieser Wochen mit Zahlen zu fixieren. Am Mittwoch nannten staatliche Medien 3.117 Tote . 2.427 der Opfer seien demnach Zivilistinnen, Passanten oder Sicherheitskräfte gewesen und würden als "Märtyrer" geführt; zu den übrigen Toten machte die Behörde keine Angaben. Unabhängige Organisationen kommen bereits auf höhere Werte. Die Menschenrechtsgruppe HRANA meldete am Montag 5.848 bestätigte Tote und weitere 17.000 Fälle "in Prüfung". Hinzu kämen mindestens 7.804 Schwerverletzte sowie 41.283 Festnahmen. HRANA verweist darauf, dass der anhaltende Internet-Blackout die Dokumentation erschwere – und die Angaben deshalb eher als Untergrenze zu verstehen seien. Das US-Magazin Time berichtet unter Berufung auf zwei hochrangige Vertreter des iranischen Gesundheitsministeriums, dass allein an den beiden Tagen 30.000 Menschen getötet worden seien. Es seien derart viele Menschen gewesen, dass die Behörden mit der Beseitigung der Leichen überfordert gewesen seien, hieß es. Es habe nicht genug Leichensäcke gegeben und Sattelschlepper hätten als Ersatz für Krankenwagen gedient. Die Angaben bleiben schwer überprüfbar, solange das Regime den Informationsfluss kontrolliert und das Internet weitgehend abgeschaltet ist. Im digitalen Ausnahmezustand wird die Frage "Wie viele?" zur Frage "Wer kann überhaupt zählen?" . Seit dem Abend des 8. Januar ist das Internet im Iran nahezu vollständig abgeschaltet. Dadurch lassen sich viele Berichte – von Videos bis zu Todesmeldungen – nur schwer verifizieren, oft wissen selbst Familien tagelang nicht, was mit Angehörigen geschehen ist. Die UN-Sonderberichterstatterin für Menschenrechte im Iran , Mai Sato, sprach am Freitag in Genf von einer "digitalen Belagerung": Die anhaltende Abschaltung verhindere, dass die internationale Öffentlichkeit Zeugin der Gewalt werde, und verschärfe die Ungewissheit vieler Familien im In- und Ausland. Sato kritisierte zudem die Rhetorik iranischer Spitzenpolitiker, die friedliche Demonstrierende als "Terroristen", "Randalierer" oder "Söldner" diffamierten. Die Dunkelziffer ist kein Randphänomen Mehrere Menschenrechtsorganisationen halten die offiziellen Zahlen für deutlich zu niedrig. Mahmood Amiry-Moghaddam, Leiter der in Norwegen ansässigen Organisation Iran Human Rights, sagt, die staatlichen Angaben entbehrten "jeglicher Glaubwürdigkeit". Seine Organisation habe bereits 3.428 Tötungen dokumentiert. Amiry-Moghaddam verweist dabei auf Erfahrungen früherer Proteste: In der Vergangenheit habe die Regierung selbst nur einen Bruchteil der nachweisbaren Fälle bestätigt. Wie groß die Lücke ist, lässt sich derzeit dennoch nicht seriös beziffern. Abschottung, Druck auf Angehörige und die Kontrolle über Krankenhäuser, Leichenschauhäuser und Bestattungen erschweren eine unabhängige Erfassung. Der deutsch-iranische Arzt Amir Parasta hat der ZEIT ein Dokument zukommen lassen. Parasta hat darin Zahlen zusammengetragen, die ihm Kontakte in iranischen Krankenhäusern gemeldet hätten. Seinen Angaben nach handelt es sich jeweils um die Anzahl der Toten, die in der jeweiligen Klinik registriert wurden. 8.354 sind es demnach allein in Teheran, 2.839 in Maschhad, mehr als 28.000 landesweit. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben nicht. Klar ist allerdings, dass nur ein Teil der Verstorbenen in einem Krankenhaus behandelt und dort gezählt wurde. Was diese Proteste von früheren unterscheidet Wer in diesen Tagen überhaupt jemanden im Iran erreicht, hört fast immer dieselbe Nachricht: Irgendwo im Umfeld ist jemand tot. Eine Frau in Teheran berichtet der ZEIT, ein Kollege und eine Mitspielerin aus ihrem Futsalverein seien getötet worden. Ein Mann aus Schahriar, einem Vorort von Karadsch, spricht von sechs Toten allein in einer Siedlung. In Rascht im Nordiran kennt nach den Schilderungen vieler Gesprächspartner fast jede Familie mindestens einen Namen. Und aus kleineren Städten heißt es immer wieder, das Straßenbild sei von Todesanzeigen geprägt. Dies Dichte der Berichte steht im Kontrast zu den niedrigen Zahlen der Regierung. So bleibt am Ende eine widersprüchliche Lage, die sich nicht auflösen lässt: Die exakte Totenzahl ist unbekannt – aber die Berichte aus dem Land deuten darauf hin, dass sie weit höher liegt, als die staatlichen Angaben melden. Wer mit Angehörigen spricht, hört diese Gleichzeitigkeit in jeder Pause: in der Stimme von Rubinas Tante, die nicht einmal sicher sagen kann, wo ihre Nichte bei den Protesten getroffen wurde; in der Entscheidung von Rahas Familie, Trauerfeiern im engsten Kreis zu halten, weil schon ein Gedenktag neue Repression auslösen kann; und in dem Telefonat der Mutter aus Karadsch, die aus Angst vor Überwachung nur das Nötigste sagt. Für eine Analyse der Totenzahl ist das die entscheidende Erkenntnis: Die Unzuverlässigkeit der Zahlen ist kein statistischer Unfall, sondern Teil der Lage. Gerade deshalb gewinnen die wenigen Fälle, die sich konkret benennen lassen – Rubina, Raha, Mohsen, Sadegh, Amir – besonderes Gewicht: als Ankerpunkte in einer Realität, die sich sonst nur noch in widersprüchlichen Zahlen abbildet.