Zeit 12.12.2025
11:20 Uhr

Rentenpolitik: Eine kluge Rentenpolitik sollte niemals Klientelpolitik sein


Das Renteneintrittsalter an die Beitragsjahre zu koppeln, ist nicht klug. Eine gute Reform sieht anderes vor, meint unser Autor. Diskutieren Sie live ab 12 Uhr mit ihm.

Rentenpolitik: Eine kluge Rentenpolitik sollte niemals Klientelpolitik sein
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas regt für die geplante Rentenreform an, das Renteneintrittsalter an die Dauer der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung zu koppeln. Einige Ökonomen und Politikerinnen begrüßen den Vorschlag. Was auf den ersten Blick als fair erscheinen mag, entpuppt sich jedoch als Klientelpolitik und als Fortsetzung der Rente mit 63 in neuem Gewand. Die Lösungen liegen woanders. Nach dem Vorschlag von Bas sollen alle Menschen idealerweise gleich viele Jahre arbeiten, bevor sie die wohlverdiente Rente genießen können. Warum also darf ein Akademiker, der erst mit 28 Jahren ins Berufsleben startet, genauso früh in Rente gehen wie jemand, der bereits mit 15 die Schule verlässt, eine Lehre macht und so im Schnitt 13 Jahre länger in die Rentenkasse einzahlt—und häufig körperlich oder psychisch belastendere Tätigkeiten ausübt? Vielen Leserinnen und Lesern mag dies logisch und fair erscheinen. Ähnlich argumentierte vor rund zehn Jahren die damalige Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles, als sie die sogenannte Rente mit 63 durchsetzte. Sie ermöglicht es Menschen mit 45 Beitragsjahren, zwei Jahre früher abschlagsfrei in Rente zu gehen. Bas’ Vorschlag wäre insofern eine Fortsetzung und Ausweitung dieser Logik. Doch die Fakten belegen etwas anderes: Wie eine Studie des DIW Berlin zeigt , ist die sogenannte Rente mit 63 keinesfalls eine Umverteilung von Reich zu Arm und von weniger zu stärker belasteten Beschäftigten, sondern das Gegenteil. Die deutlich größere Gruppe derer, die heute nicht auf 45 Beitragsjahre zum Renteneintritt kommt, sind nicht Akademiker, sondern Frauen, die wegen Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen längere Auszeiten haben und zudem häufig nur in Teilzeit arbeiten. Belohnung für Beitragsjahre? Gibt es doch schon Die Studie zeigt zudem, dass nicht die körperlich und psychisch stark belasteten Berufsgruppen am stärksten von der Rente mit 63 profitieren, sondern primär Beschäftigte mit vergleichsweise geringer Belastung. Menschen mit besonders anspruchsvollen Tätigkeiten – etwa in Gesundheit oder Pflege – erreichen aufgrund dieser Belastungen häufig gerade nicht 45 Jahre Erwerbstätigkeit. Mit anderen Worten: Die Rente mit 63 ist eine Klientelpolitik zugunsten einer privilegierten Gruppe von Männern in der Industrie, die überdurchschnittlich gut bezahlt sind und eine geringere Arbeitsbelastung hatten. Eine Kopplung des Renteneintrittsalters an die Beitragsjahre würde erneut von Arm zu Reich, von Frauen zu Männern und von stärker zu weniger stark belasteten Berufsgruppen umverteilen. Auch aus anderen Gründen greift das Argument der Fairness nicht: Die Belohnung für mehr Beitragsjahre besteht im deutschen Rentensystem bereits darin, dass diese zu einer höheren Rentenzahlung führen. Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb eine weitere Belohnung in Form eines früheren Renteneintrittsalters hinzukommen sollte.