Zeit 17.12.2025
13:10 Uhr

Rentenkommission: Wie geht es weiter mit der Rente?


Das Kabinett hat eine Kommission zur Ausarbeitung einer umfassenden Rentenreform eingesetzt. Wer gehört ihr an und wie wird sie arbeiten? Die wichtigsten Antworten

Rentenkommission: Wie geht es weiter mit der Rente?
Das Kabinett aus Union und SPD hat eine Rentenkommission beauftragt, eine Reform des Systems der Altersvorsorge zu erarbeiten. Wer ist Mitglied und wofür stehen die nominierten Expertinnen und Experten? Welche Vorschläge und Ideen werden diskutiert? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick: Wie setzt sich die Rentenkommission zusammen? Die Rentenkommission besteht aus 13 Mitgliedern. Den Vorsitz haben die Sozialrechtsprofessorin Constanze Janda und Frank-Jürgen Weise , früherer Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA) inne. Weise gilt als pragmatischer Modernisierer und bringt die Erfahrung an der Spitze der größten Bundesbehörde mit. Janda forschte unter anderem zum Thema Migration im Sozialstaat sowie zum Medizin- und Pflegerecht. Weise war neben seinem Posten bei der BA auch gut ein Jahr Präsident des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, außerdem Vorsitzender der Hertie-Stiftung und sitzt seit 2024 im Aufsichtsrat von Thyssenkrupp Steel. Drei stellvertretende Vorsitzende aus dem Bundestag ergänzen das Leitungsteam: Die sozialpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Annika Klose , die für stabile Sicherungsniveaus und gerechte Finanzierung steht, Florian Dorn (CSU), Ökonom mit Fokus auf Arbeitsanreize und Generationengerechtigkeit, sowie Pascal Reddig (CDU), der Wert auf Nachhaltigkeit und stärkere private Vorsorge legt und zur Jungen Gruppe der Union gehört, die sich zuletzt für die Interessen der jungen Generation bei der Rentenpolitik stark gemacht hatte. Acht wissenschaftliche Mitglieder bringen ihre Expertise mit, die hälftig von SPD und Union benannt sind. Die Union entsendet das Mitglied des Sachverständigenrats Martin Werding , der ordnungspolitisch ausgerichtet ist und etwa für längere Lebensarbeitszeit, stärkere Beitrags‑/Leistungskopplung und kapitalgedeckte Elemente plädiert. Sowie den Präsidenten der Wirtschaftshochschule ESMT, Jörg Rocholl . Er ist Finanzökonom mit Blick auf Kapitalmärkte, Governance und Risikosteuerung in der zweiten und dritten Säule. Von der Union benannt wurde auch die Mannheimer Finanzwissenschaftlerin Tabea Bucher-Koenen , die einen Schwerpunkt bei Finanzbildung und Effizienz der privaten Vorsorge hat und Silke Übelmesser , Finanzwissenschaftlerin aus Jena, die sich für demografiefeste, transparente Regeln ausspricht. Die SPD benennt die Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, Camille Logeay . Die Arbeitsmarktökonomin betont in ihren Arbeiten die Beschäftigung und Lohnentwicklung als Grundlage der Rentenstabilität. Auch Monika Queisser , Leiterin der Sozialpolitik-Abteilung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), wurde von der SPD benannt. Sie dürfte vor allem die internationale Perspektive einbringen. Entsendet von den Sozialdemokraten werden auch die beiden Ökonomen Peter Bofinger sowie Georg Cremer . Bofinger ist keynesianisch geprägt und skeptisch gegenüber einem starken Ausbau der Kapitaldeckung eingestellt und befürwortet die solidarische Finanzierung. Cremer ist Autor – auch für die ZEIT – und früherer Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes. Sein Fokus ist auf Armutsprävention und Wirkungsorientierung ausgerichtet. Die Deutsche Rentenversicherung Bund wird als Sachverständige an allen Sitzungen teilnehmen. Bis die Kommission soll schon im Sommer 2026 konkrete Reformvorschläge vorlegen. Die Beschlüsse sollen aber im Konsens getroffen werden, bei Meinungsverschiedenheiten aber ein Mehrheitsbeschluss möglich sein. Das bedeutet, dass die Union die SPD im Zweifel wohl überstimmen könnte. Was ist die Aufgabe der Rentenkommission? Das Kabinett wird die Rentenkommission nach Angaben der Bundestagsfraktionen von Union und SPD voraussichtlich am Mittwoch kommender Woche einsetzen. Bis Ende des zweiten Quartals 2026 soll sie dann Vorschläge für eine umfassende Rentenreform erarbeiten. Die Koalition hat eine Reihe an Fragestellungen festgelegt, mit denen sich das Gremium befassen soll. Unter anderem soll sie prüfen, wie ein stabiles Rentenniveau langfristig finanziert werden kann, wie für die nächsten zehn Jahre stabile Beitragssätze gesichert werden können und ob weitere Gruppen in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden sollten. Auch die mögliche Verlängerung der Lebensarbeitszeit über 67 Jahre hinaus soll geprüft werden. CSU-Chef Markus Söder versicherte kürzlich, dass die Koalition die Reformvorschläge, die die Kommission erarbeitet, auch umsetzen werde. Das sei man der jungen Generation schuldig. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sagte, dass man im zweiten Halbjahr 2026 an der Umsetzung der Vorschläge arbeiten werde. Die möglichen Reformvorschläge seien eigentlich alle schon einmal diskutiert worden, fügte er hinzu. Die Kommission habe den Auftrag, sie zusammenzufassen. Außerdem solle sie sich anschauen, was andere Länder in Europa besser gemacht hätten als Deutschland. "Es haben nämlich viele Länder in Europa besser gemacht als wir", sagte Merz in der ARD-Sendung Die Arena . Welche Positionen vertritt die SPD-Spitze aktuell? Bundesarbeitsministerin und SPD-Chefin Bärbel Bas hob zuletzt hervor, dass die SPD "wirklich offen für Reformen" sei. Es benötige eine pragmatische Lösung, keine "ideologischen Parolen". Die Rente sei ein "Gesellschaftsversprechen." Es werde nicht reichen, an zwei Schräubchen zu drehen, "sondern wir brauchen ein ganz neues System" , sagte Bas. Details nannte sie nicht. Mit konkreten inhaltlichen Vorschlägen hält sich die SPD derzeit zurück. Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters etwa war bisher ein Tabu bei den Sozialdemokraten, aber Tabus soll es für die Kommission nicht geben. Man wolle keine Denkverbote vorgeben, sagte auch Bas: "Wir müssen uns alle aufeinander zubewegen." Wohlwollend steht die SPD dem Vorschlag des Wirtschaftsprofessors Jens Südekum gegenüber , den Renteneintritt nicht mehr an das Lebensalter, sondern an die Zahl der Jahre zu knüpfen, in denen Rentenbeiträge gezahlt wurden. Das könnte vor allem für Akademikerinnen und Akademiker bedeuten, dass sie später in Rente gehen können. "Ich finde die Idee grundsätzlich ganz gut", sagte Bas. Auch SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf äußerte sich positiv darüber. Er forderte außerdem, eine Ausweitung des Kreises der Beitragszahler in Betracht zu ziehen. Es müsse geprüft werden, ob Politiker, Selbstständige und zukünftige Beamte bei den Beitragszahlungen einbezogen würden, sagte Klüssendorf. Welche Positionen vertritt die Union derzeit? Der Vorschlag zur Kopplung des Renteneintritts an die Beitragsjahre kommt auch in der Union gut an. Kanzler Merz bezeichnete ihn als "durchaus erwägenswert", er wolle aber der Reform nicht vorgreifen und aktuell nicht über einzelne Punkte diskutieren. Auch CSU-Chef Söder und CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann zeigten sich offen für die Idee. Dissens zur SPD gibt es bei der Frage der Ausweitung des Kreises der Beitragszahler, etwa um Beamtinnen und Beamte. Söder sagte, dass die CDU sich bei dieser Frage "sehr zurückhalten" werde. "Wir wollen nicht, dass die Rentenkommission ein Instrument des Klassenkampfes wird", sagte Söder und warnte vor einer "Enteignung der Mittelschicht". Die Junge Union, aus deren Reihen das jüngst beschlossene Rentenpaket kritisiert und fast verhindert worden wäre, fordert vor allem Kostensenkungen. JU-Chef Johannes Winkel sagte dem Stern , dass das Rentenpaket den Reformbedarf nicht gelindert, sondern verstärkt habe. Was jetzt beschlossen wurde, dürfe keine Dauerlösung sein. "Unabhängig von politischer Meinung – das kann mathematisch nicht aufgehen", sagte er. Nicklas Kappe, Mitglied der Jungen Gruppe der Unionsfraktion im Bundestag, sprach sich dafür aus, bei der Rente zwischen verschiedenen Berufsgruppen zu differenzieren . "Wir müssen schauen, welche Berufsgruppen aus welchen Gründen länger arbeiten können als andere", sagte er der Welt . Welche Positionen vertritt die Opposition? Grüne und Linke lehnen es ab, den Zeitpunkt des Renteneintritts an die Beitragsjahre zu koppeln. Fraktionschefin Katharina Dröge sagte, dass damit Frauen benachteiligt würden: Sie hätten häufig weniger Beitragsjahre als Männer, weil sie sich mehr um Kindererziehung und die Pflege von Angehörigen kümmerten. Linken-Fraktionschef Sören Pellmann sprach von einem "vergifteten Angebot", mit dem verschiedene Betroffenengruppen gegeneinander ausgespielt würden. Die AfD findet den Vorschlag dagegen gut. Notwendig sei "mehr Freiheit beim Renteneintritt", sagte die AfD-Rentenpolitikerin Ulrike Schielke-Ziesing der Nachrichtenagentur AFP. Zugleich dürfe niemand über die geltende Grenze von 67 Jahren arbeiten müssen. Eine Verschiebung des Renteneintrittsalters darüber hinaus lehnt die Partei demnach ab Die Grünen hatten zuletzt gefordert, die Opposition mit in die Rentenkommission einzubeziehen . Die Kommission müsse "einen von der gesamten Gesellschaft getragenen großen Wurf für die größte Rentenreform seit Jahrzehnten entwickeln", sagte der Rentenexperte der Grünen-Bundestagsfraktion, Armin Grau. Im Beschluss des Koalitionsausschusses wurde diese Forderung nicht berücksichtigt. Welche Reformideen diskutieren Ökonomen – und wer steht wofür? Ökonomen haben verschiedene Vorschläge gemacht, die sich vor allem um die wichtigsten Stellschrauben im Umlagesystem drehen. Dazu zählt etwa die Frage, wer einzahlt – auch Selbstständige, Abgeordnete, perspektivisch vielleicht sogar Beamte? – wie hoch die Beiträge sind und bis zu welchem Einkommen sie gelten. Weitere Fragen sind, wann man in Rente geht, etwa ob das in einem festen Alter erfolgt oder abhängig von den Beitragsjahren ist, wie hoch die Renten im Verhältnis zu den Löhnen bleiben und wie stark der Zusammenhang zwischen eingezahlten Beiträgen und späterer Rentenhöhe sein soll. Der Sachverständigenrat und das Institut der deutschen Wirtschaft betonen bei ihren Ansätzen fiskalische Tragfähigkeit, regelgebundene Anpassungen, Anreize für längeres Arbeiten und das Äquivalenzprinzip, das im Kern besagt: Wer mehr einzahlt, bekommt später mehr Rente. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) priorisiert dagegen Armutsprävention, eine breitere Einzahlerbasis und stärkeren sozialen Ausgleich, teils mit höherem Steueranteil. Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa und AFP Transparenzhinweis: Der Ökonom Georg Cremer ist Autor bei der ZEIT und analysiert in loser Reihenfolge die aktuelle Sozialpolitik.