Zeit 18.02.2026
14:54 Uhr

Rechtsextremismus in Dresden: Der letzte Aufmarsch seiner Art


Während viele Neonaziaufmärsche verschwinden, fand in Dresden erneut der "Trauermarsch" statt. Warum es der Szene hier noch gelingt, relevant in Erscheinung zu treten.

Rechtsextremismus in Dresden: Der letzte Aufmarsch seiner Art
Wieder einmal herrscht Ausnahmezustand in Dresden an diesem 14. Februar: Neonazis marschieren durch die sächsische Landeshauptstadt, einige tragen Trauerkränze. Gegendemonstranten versuchen, auf die Route der Rechtsextremen zu gelangen. Die neonazistische Initiative Dresden Gedenken hat zum traditionellen Trauermarsch durch die Stadt aufgerufen, um ihre NS-verharmlosende Erzählung auf die Straße zu tragen, wonach die Stadt am Ende des Zweiten Weltkriegs unschuldig von den Alliierten bombardiert wurde. Wie in jedem Jahr seit den späten Neunzigern findet der Aufruf regen Anklang in der bundesweiten Neonaziszene. Denn hier bietet der über Jahrzehnte bis ins bürgerliche Spektrum kultivierte Opfermythos, Dresden sei eine für den Vernichtungskrieg der Nazis irrelevante Kunst- und Kulturstadt gewesen , einen passenden Anlass, um die Verbrechen des Nationalsozialismus zu relativieren. Die wichtigste Behauptung dabei: Die Alliierten hätten mit dem "Bombenholocaust" ein ebenso grausames Kriegsverbrechen begangen . Bereits in den letzten Monaten vor Kriegsende wurde dieser Opfermythos durch die offizielle NS-Propaganda inszeniert. Hierbei war die Rede von angeblich 200.000 Bombentoten – tatsächlich liegt die Zahl bei maximal 25.000. Auch in der DDR wurde der Mythos am Leben erhalten und mit falschen Zeugenaussagen unterfüttert. So gab es Berichte über Tiefflieger, die Menschen durch die Straßen gejagt hätten, und Phosphorbomben, durch die Tausende binnen Sekunden zu Staub zerfallen seien. Historische Forschung konnte all dies widerlegen, und doch hält sich die Erzählung bis heute. Sichtbar wird das auch an offiziellen Gedenkorten der Stadt: An einem Denkmal auf dem Heidefriedhof wird Dresden in einer Reihe mit Auschwitz-Birkenau und anderen Konzentrations- und Vernichtungslagern genannt. In den frühen Nullerjahren, zur Hochzeit der deutschen Neonaziaufmärsche, folgten über 6.000 Neonazis aus ganz Europa dem Aufruf, am Dresdner Trauermarsch teilzunehmen – und auch in diesem Jahr reisten noch rund 1.500 Rechtsextremisten an. Zahlreiche Ordner setzten das martialische Erscheinungsbild des Aufzugs durch: In Blöcken und Fünferreihen strukturiert marschierten die Teilnehmer fast gänzlich in Schwarz gekleidet am Rand der Innenstadt, bevor auf der Abschlusskundgebung Kränze im Fackelschein niedergelegt wurden. Um ein diszipliniertes Erscheinungsbild zu erzeugen, verboten die Veranstalter den Teilnehmern den Konsum von Alkohol und Tabak. Das Verschwinden der Neonaziaufmärsche seit den Zehnerjahren Derart gründlich kuratierte Neonaziaufmärsche, in denen sich Tausende Szeneangehörige auf der Straße zeigen, gehören in Deutschland mittlerweile fast gänzlich der Vergangenheit an. Dieser Trend verstetigte sich ab 2014, als Pegida begann, eine Mischung aus bürgerlichen Konservativen und neonazistischen Rechtsextremen zu Tausenden für islam- und zuwanderungsfeindliche Proteste zu mobilisieren. Klassische Neonaziaufmärsche mit Springerstiefeln, Fackeln und Reden im NS-Jargon wurden abgelöst von spektrenübergreifenden Protesten wie jenen gegen die Coronapolitik. Nach außen wirken solche Proteste weniger radikal; getragen werden sie von einer breiten Koalition aus Verschwörungstheoretikerinnen, AfD-Anhängern, Reichsbürgern, Esoterikerinnen und Neonazis. Bis Ende der Zehnerjahre führten deutsche Neonazis noch mehrere alljährliche Großaufmärsche durch, die über das Land verteilt waren. Im bayerischen Wunsiedel wurde beispielsweise zunächst in Gedenken an Rudolf Heß, den 1987 durch Suizid verstorbenen Stellvertreter Hitlers, aufmarschiert, bevor sich der offizielle Anlass aufgrund eines behördlichen Verbots zum sogenannten Heldengedenken rund um den Volkstrauertag wandelte. Nach jahrelangem zivilgesellschaftlichem Gegenprotest findet der Aufmarsch seit 2023 nicht mehr statt. Auch andere traditionelle neonazistische Demonstrationen verschwanden zu Beginn dieses Jahrzehnts – etwa jene in Magdeburg, die analog zu Dresden anlässlich des Jahrestags der Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg stattfanden, oder der jedes Jahr an einem anderen Ort ausgerichtete "Tag der deutschen Zukunft". Neben staatlichen Verboten und zivilgesellschaftlichem Gegenprotest gibt es weitere Gründe für das Verschwinden der Aufmärsche. Durch Spaltungen und Richtungsstreitigkeiten, in deren Folge mehrere Kleinstparteien wie Die Rechte, Neue Stärke oder Der Dritte Weg gegründet wurden, büßte die Szene Geschlossenheit ein und verlor teilweise die Fähigkeit, überregional zusammenzuarbeiten. Zugleich zerfielen die Strukturen in ehemaligen Hochburgen der Szene wie Dortmund oder Nordbayern. Auch der thematische Fokus hat sich verschoben: Statt mit Themen rund um den Nationalsozialismus oder den Zweiten Weltkrieg zu mobilisieren, nutzt die Szene heute häufiger politische Themen der Gegenwart, um zu protestieren. Das zeigt sich etwa bei rassistischen Demonstrationen nach Anschlägen – wie kurz vor Weihnachten 2024, als am Abend nach der Amokfahrt auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt mehrere Tausend Neonazis durch die Stadt zogen – oder den Protesten gegen CSD-Paraden, die eine neue Generation Neonazis hervorbrachten und sich für die Szene als äußerst erfolgreich herausstellten.