Zeit 14.01.2026
07:19 Uhr

Rechte Parteien: Der Liberalismus ist jetzt der Feind


Rechte schimpften früher auf Grüne und Linke, jetzt haben sie selbst mit freiheitlichen Prinzipien ein Problem. Die Neuausrichtung ähnelt der Maga-Bewegung in den USA.

Rechte Parteien: Der Liberalismus ist jetzt der Feind
Am Wochenende ist in der Welt ein Kommentar des "Global-Reporters" der Zeitung, Marc Felix Serrao, erschienen. Serraos These: Nicht Donald Trump bedrohe Europa, sondern der "Linksliberalismus". Er zerstöre "Tradition, Familie und Nation" und habe "Freiheit in Haltlosigkeit" verwandelt. Die Erzählung vom heimatlos den Kräften des Marktes überlassenen Individuum ist eine etablierte antimoderne Denkfigur, die schon Karl Marx und Friedrich Engels im kommunistischen Manifest bemühen. Darin heißt es bekanntlich, dass durch den Kapitalismus "alles Ständische und Stehende verdampft" und "alles Heilige entweiht" werde. Interessant daran ist, wie sehr diese Denkfigur auch in Deutschland zum Leitbild der rechtskonservativen und rechtsextremen Gesellschaftskritik zu werden scheint. AfD kritisiert plötzlich Freihandelsabkommen Denn hierzulande verortete sich dieses Lager selbst bislang ideologisch mehr oder weniger im liberalen Spektrum (wenn man von der Migrationspolitik absieht). Die AfD bekennt sich zumindest in ihrem Parteiprogramm zum Freihandel und lehnt staatliche Interventionen in die Wirtschaft ab. Und vom Verleger der Welt, Springer-Chef Mathias Döpfner, ist die Aufforderung an einen seiner Chefredakteure überliefert, er möge "die FDP" stärken . Linke, Grüne, Sozialdemokraten – das waren die Feindbilder, nicht die Liberalen. Diese Zeiten sind offenbar vorbei. Die Fraktion der AfD im Bundestag kritisiert das europäische Freihandelsabkommen mit den Staaten Südamerikas , weil dieses angeblich die deutschen Landwirte "massiv unter Druck" setzt. Parteichefin Alice Weidel echauffierte sich darüber, dass Friedrich Merz "auf Sightseeing-Tour" in Indien unterwegs sei, während "zu Hause die Hütte brennt und immer mehr Menschen um ihre Jobs fürchten". Dabei diente die Kanzlerreise unter anderem dazu, Aufträge für deutsche Unternehmen zu sichern, weshalb Merz auf seiner Reise eine große Wirtschaftsdelegation mitgenommen hatte. Mit der Abwendung vom Liberalismus vollziehen die rechten Parteien und ihre medialen Vorfeldorganisationen eine Neuausrichtung, die die Maga-Bewegung in den USA längst hinter sich hat. Dort wurde libertäres Gedankengut längst durch völkisch-autoritäre Ideologien abgelöst. Wenn die Agenten der Einwanderungsbehörde ICE amerikanische Bürger durch die Straßen jagen oder kaltblütig erschießen , dann hat das mit Minimalstaatsideen in der Tradition von Friedrich August von Hayek oder Ludwig von Mises nichts mehr zu tun. Es sei verwirrend, "dass Leute, die sich teils für Liberale oder gar Libertäre halten, das Dominanzgehabe schwer bewaffneter Trump-Milizen gegenüber unbewaffneten Zivilisten toll finden", schreibt der Wirtschaftsprofessor Jan Schnellenbach auf X, selbst ein liberaler oder gar libertärer Ökonom. Es ist jedenfalls bezeichnend, dass Serrao den amerikanischen Politikwissenschaftler Patrick Deneen zitiert, Ideengeber des amerikanischen Vizepräsidenten JD Vance und Vertreter der Gedankenströmung des Postliberalismus. Dieser stellt sich, wie es die Historikerin Carlotta Voß formuliert, "fundamental gegen die regulativen Ideen von Gleichfreiheit und historischem Fortschritt, gegen Republik und Gewaltenteilung". Auch lehnt er die Mehrung des wirtschaftlichen Wohlstands als Leitlinie für politisches Handeln ab. Wortwahl erinnert an Kreml-Ideologen Der Liberalismus zeichnet sich dadurch aus, dass er die Zerstörung traditioneller Bindungskräfte als Fortschritt begreift, auch weil sich hinter den angeblich so heiligen Traditionen – Beispiel Feudalismus – oft Herrschaftsverhältnisse verbergen. Deren Auflösung im Ideal einer Gesellschaft freier und gleicher Staatsbürger ist für Liberale eine Errungenschaft. Wenn Serrao in seinem Beitrag den Verlust von "Familie, Tradition und Nation" beklagt, dann erinnert das an die Wortwahl von Kreml-Ideologen wie dem russischen Intellektuellen Alexander Dugin, für den der Westen für Dekadenz und Niedergang steht. Die Maga-Bewegung sieht in Dugin längst einen Verbündeten. Es wird spannend zu beobachten sein, ob sich im rechten Lager in Deutschland eine ähnliche Annäherung abzeichnet. Dann wäre wenigstens ein für alle Mal klar, wer wo steht.