Zeit 31.01.2026
18:15 Uhr

Rassismus im Stadion: Der Zeuge Yeboahs


Als unser Kolumnist Abitur machte, warfen weiße Männer Bananen aufs Feld. Wie der offene Rassismus damals in den Kurven neu diskutiert wurde – wegen eines Comedy-Stücks.

Rassismus im Stadion: Der Zeuge Yeboahs
In unserer Kolumne "Grünfläche" schreiben abwechselnd Oliver Fritsch, Christof Siemes, Stephan Reich und Christian Spiller über die Fußballwelt und die Welt des Fußballs. Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende , Ausgabe 05/2026. Am 21. Juni 1989 hörte man im Frankfurter Waldstadion wieder mal Affenlaute, erneut flog Obst aufs Feld. Beim Gegner der Eintracht, dem 1. FC Saarbrücken, spielte nämlich Anthony Yeboah, ein Fußballer aus Ghana. Bundesliga-Fußballer waren damals fast ausschließlich Weiße, und in den Stadien war es damals eine fast normale Unsitte, die wenigen anderen Spieler mit Sprüchen, Gesängen und Bananen zu verunglimpfen. Yeboah war der beste Spieler Saarbrückens, manche Frankfurter Fans wollten den Stürmer mit Beleidigungen aus dem Konzept bringen. Die Ironie: Längst war beschlossen, dass Yeboah bald für eine Millionensumme zur Eintracht wechseln würde. Nicht alle im Stadion wussten das. Das niederträchtige Verhalten der Eintracht-Fans wurde zur Vorlage für ein Comedy-Stück, das enorme Wirkung entfalten sollte – im guten Sinne. Im Sketch Anthony Sabini nahmen Badesalz die Doppelmoral und den Alltagsrassismus der Eintracht-Fans auf die Schippe. Ich, 17, war zufällig im Stadion, ich kann mich an ein paar unsägliche Uh-Uh-Rufe erinnern. Anwesend war auch Henni Nachtsheim, der neben Gerd Knebel Teil des hessischen Komikerduos Badesalz war, und Ohrenzeuge wurde, wie zwei Eintrachtler sich abfällig über Yeboah unterhielten, bevor sie von einem dritten darauf aufmerksam gemacht wurden, dass es sich um einen künftigen Spieler handelt. Die Meinung der beiden über Yeboah änderte sich schlagartig. Knebel und Nachtsheim entlarven die Fans in ihrer Sabini-Nummer. Sie schlug ein in Frankfurt, weil Badesalz Anfang der Neunzigerjahre bundesweit erfolgreich wurden und Hessen cool machten. Ich weiß das, weil ich in diesem Land groß wurde. Lange war uns Hessisch peinlich, doch plötzlich lachte man in ganz Deutschland, wenn es hieß: "Dabrauchemergarnetdrübberredde". Oder: "Ei en Schäferhund mussde doch ganz annersd behannele wie en Teppisch!" Und: "Gerd, mach noch ma de Lambada!" Dank ihrer Beliebtheit trieb der Sabini-Sketch eine Entwicklung in der Fanszene voran, die zu dieser Zeit an vielen Orten in Gang kam. Rassisten wurden fortan ausgelacht und geächtet. Die Kurven wurden bunter. Frankfurt ist dafür ein prägnantes Beispiel. Die Antirassismus-Kampagne United Colors of Bembeltown, eine Verhohnepiepelung eines Benetton-Slogans, berief sich auf Badesalz. Ein Fanclub nannte sich Die Zeugen Yeboahs. Hat es je einen besseren Namen gegeben? Man möchte sofort eintreten. Henni Nachtsheim sagte Jahre danach: "Ich hab später so einen Bananen-Schmeißer getroffen, der erzählte mir, wie er unseren Sketch im Autoradio gehört hat und danach erst einmal an den Rand gefahren ist und sich zu Tode geschämt hat, weil er sich total erwischt gefühlt hat." Sven, ein Eintracht-Fan, den ich später im Studium in Gießen kennenlernte, schrieb mir diese Woche: "Wichtig war die Demaskierung des Alltagsrassismus, der auch in unserer Kurve vorhanden war. In Frankfurt fühlten sich viele von Knebel und Nachtsheim ertappt." Die Kurve war für ihn, der heute Jurist ist, eine wichtige Sozialisationsinstanz, das Bembeltown-Shirt liegt noch in seinem Schrank. Vor ein paar Jahren unterstützte er den Präsidenten Peter Fischer, als der AfD-Wähler aus dem Verein werfen wollte. Und seiner Meinung nach haben Badesalz mehr für die hessische Identität bewirkt als Heinz Schenk, Günther Strack, die Drombuschs, die Hesselbachs und sämtliche Hessentage zusammen. Viele Passagen aus Anthony Sabini wurden in Hessens Kneipen, Mensen und Sportplätzen zu geflügelten Worten. "Der Studentekopp" zum Beispiel, der die zwei Fans über den Transfer informiert. "Wisst ihr net, dass der Sabini ab de nächste Saison für uns spielt? Ja lest ihr kei Zeitung oder was? Der hat doch gestern unnerschribbe." Der Sketch benutzt, würde man heute sagen, explizite Sprache. Es war eine andere Zeit, heute würde man anders formulieren, daher zitiere ich entsprechende Stellen nicht. Es gab damals schon Kritik an Badesalz. Sie hatte ihre Berechtigung. Ich weiß, dass manche Leute nicht erst nach dem dritten Schoppen insbesondere die diskriminierenden Passagen aus dem Sketch besonders genüsslich wiederholten. War ja antirassistische Comedy, also erlaubt. Der Umgang mit dem Thema war und ist kompliziert. Wie kann man Rassismus kritisieren und vorführen, ohne ihn zu dokumentieren und zu zitieren – und ihn damit zu verbreiten? Und die oft überhörte Pointe beim Sabini-Sketch ist, dass die zwei opportunistischen Fans noch dann auf rassistische Klischees zurückgreifen, als sie ihren neuen Spieler in ihr Herz geschlossen haben. "Des is doch e ganz anner Athletik da drübbe, wo die herkomme." Auch mit Lob lässt sich diskriminieren. Und der echte Anthony Yeboah? Schrieb eine Erfolgsstory als Kultspieler in Frankfurt, wurde zweimal Torschützenkönig, die Eintracht wäre mit ihm fast Meister geworden. In Niederrad erinnert noch heute ein riesiges Wandgemälde an ihn. Später ging er zu Leeds United, brachte der Eintracht damit einen wirtschaftlichen Gewinn , traf auch dort. Der Spiegel fragte Yeboah 1992 , als er in Frankfurt ein Star war: "Sie wohnen im Reihenhaus mit Schrankwand und Vorgarten. Ist Ihnen bewusst, dass Sie wie ein deutscher Musterbürger wirken?" Antwort Yeboah: "Soll ich ein Lagerfeuer im Wohnzimmer machen?" Der Satz hatte mindestens Badesalz-Format. Stark auch, dass der Spiegel -Reporter seine Frage, die seine rassistischen Denkmuster vorführte, im Interview ließ. Denkmuster, die wir auf verschiedene Arten wahrscheinlich alle in uns tragen. Im selben Interview nannte Yeboah die drei Klischees, denen er sich in einem deutschen Fußballverein ausgesetzt sah: "Der Schwarze ist undiszipliniert, verträgt den Winter nicht und hat Malaria." Er nahm es mit Sarkasmus. Rassismus ist heute nicht verschwunden, nicht aus der Gesellschaft, nicht aus den Kurven. Er erlebt leider ein Comeback. Aber Chöre und Gesänge werden in den allermeisten deutschen Stadien nicht wieder geduldet, Bananen fliegen nicht mehr. Das ist ein Erfolg, zu dem mein Landsmann Gerd Knebel beitrug. Im Gegensatz zu Nachtsheim war er gar kein großer Fußballfan. Am vorigen Samstag ist Gerd Knebel im Alter von 72 an einer Krebserkrankung verstorben.