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08.01.2026
09:37 Uhr
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Wenig Bildung, viel Fluktuation und ständig ein schlechtes Gewissen dem Kind gegenüber. Viele Mütter und Väter zweifeln laut einer Umfrage an der Qualität der Kitas.

Das Kind will morgens nicht in die Kita, die pädagogische Arbeit der Einrichtung überzeugt nicht, man gibt es mit einem schlechten Gefühl ab. Solche Probleme kennen viele Familien, es wird allerdings wenig über sie gesprochen. Nun zeigt eine Befragung der Uni Gießen und der hessischen KiTa-Landeselternvertretung unter 20.000 Eltern , wie groß die Verunsicherung tatsächlich ist: Ein großer Teil der Eltern hat Zweifel an der Qualität der Kita ihres Kindes. Die Erziehungswissenschaftlerin Marina Lagemann hat die Ergebnisse ausgewertet. DIE ZEIT: Zurzeit wird viel darüber gesprochen, wie wichtig frühkindliche Bildung ist. Da fällt ein Ergebnis Ihrer Umfrage besonders negativ auf: Nicht mal ein Viertel der Eltern ist sicher, dass ihr Kind in der Kita eine gute Bildung erhält. Hat Sie das überrascht? Marina Lagemann: Überrascht nicht, Fachkräfte berichten ja schon länger, dass kindgerechtes Arbeiten und eine professionelle Förderung der Kinder unter derzeitigen Bedingungen nur eingeschränkt möglich sind. Bemerkenswert fand ich aber, wie gut und genau Eltern Aussagen zum pädagogischen Angebot treffen können. Sie erleben den Kita-Alltag ja selbst nicht mit. ZEIT: Wieso ist ihre Einschätzung dennoch wertvoll? Lagemann: Eltern sind die Experten für ihr Kind. Wer könnte besser beurteilen, wie es den Alltag wahrnimmt? Mütter und Väter kommen sonst meist nur zu Wort, wenn es um ihren Betreuungsbedarf geht. Doch ihre Sicht ist wichtig, wenn die Kitas sich weiterentwickeln sollen. Eltern können zwar kein fachliches Urteil über die Qualität der Einrichtung fällen – so dürfen unsere Ergebnisse nicht interpretiert werden. Sie haben aber viel dazu zu sagen, was gut funktioniert im Kita-Alltag und was als problematisch oder belastend erlebt wird. ist Erziehungswissenschaftlerin und war bis Ende 2025 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kindheits- und Schulpädagogik der Justus-Liebig-Universität Gießen. Sie forscht vor allem zu Gewalt in Institutionen und Bildungsungleichheiten. Mit einer Kollegin hat sie das Institut für Beziehungs- und Veränderungscoaching im Kinderschutz gegründet. ZEIT: Was funktioniert aus Elternperspektive gut? Lagemann: Die meisten Kinder gehen nach Einschätzung ihrer Eltern eher gerne in die Kita. Rund die Hälfte der Mütter und Väter äußert eine hohe Zufriedenheit über die Kita. Paradoxerweise bezweifeln dieselben Eltern oft gleichzeitig die Qualität des Angebots. Sie vergeben zwar hohe Zufriedenheitswerte, beklagen aber andererseits, dass es zu wenig Zeit für ihr Kind gebe und keine Bildung stattfinde. ZEIT: Haben Sie eine Erklärung dafür? Lagemann: Eine mögliche Erklärung ist, dass die Eltern das große Engagement des Kita-Personals unter den gegebenen Bedingungen anerkennen und mitbewerten. Dafür spricht auch, dass wir in den Elternantworten in den meisten Fällen eine sehr positive Grundhaltung gegenüber den Fachkräften sehen. Insgesamt ergibt sich jedoch ein recht heterogenes Bild, zu dem leider auch viele Missstände gehören. ZEIT: Wo liegen aus Sicht der Eltern die größten Defizite? Lagemann: Nach Einschätzung der Eltern ist ein gutes Drittel der Kinder im Kita-Alltag über- oder unterfordert – zum Beispiel durch hohe Lautstärke, die Gruppengröße oder weil es keine anregenden Angebote erhält – oder sogar beides gleichzeitig. Die wahrgenommene Unterforderung steigt mit zunehmendem Alter des Kindes. Nur bei knapp einem Drittel der Kinder stimmen die Eltern voll zu, dass die Fachkräfte ausreichend Zeit für ihr Kind haben. 14 Prozent der Kinder haben laut den Eltern keine enge Beziehung zu einer Fachkraft. ZEIT: Heißt aber auch: Mehr als 80 Prozent haben eine enge Bezugsperson in der Kita? Lagemann: Das ist die gute Nachricht. In absoluten Zahlen sind es jedoch mehrere Zehntausende Kinder, bei denen die Beziehung nicht als verlässlich und stabil eingeschätzt wird. In unserer Befragung gab es auch freie Felder, in denen Eltern ihre Erfahrungen schildern konnten. In den über 10.000 Berichten dazu, welche Änderungen sich Eltern in der Einrichtung ihres Kindes wünschen würden, kritisieren viele Eltern die hohe Personalfluktuation in den Einrichtungen. Sie erzählen etwa, dass ihr Kind innerhalb eines Jahres acht verschiedene Erzieher hatte. In so einer Situation entsteht keine Verlässlichkeit und kein Vertrauen – das braucht Zeit. ZEIT: Lassen Ihre Daten Rückschlüsse zu, was dieser Zeitmangel mit den Kindern macht? Lagemann: Wir sehen starke Zusammenhänge etwa zwischen fehlender Zeit und dem Verhalten des Kindes am Morgen. Ein großer Teil der Kinder, deren Eltern einen drastischen Zeitmangel der Fachkräfte wahrnehmen, muss am Morgen immer oder häufig überredet werden, in die Kita zu gehen – oder tut das sogar nur unter Protest. Für fast drei Viertel der erfassten Kinder berichten die Eltern zudem, dass sie ihr Kind nur manchmal, selten oder sogar nie mit einem guten Gefühl in der Kita abgeben.