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28.02.2026
08:02 Uhr
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Ein geschmolzener Schokoriegel in der Hosentasche brachte den nicht studierten Physiker Percy Spencer zur Erfindung der Mikrowelle. Der Lohn für das Patent: zwei Dollar.

1946 erschien die erste Ausgabe DIE ZEIT. Wir feiern mit Menschen, Dingen und Ideen, die genauso alt sind wie wir – und die Welt bis heute bewegen. Im fast menschenleeren US-Bundesstaat Maine, wo im Sommer Kartoffeln wachsen und im Winter der Schnee drei Meter hoch liegt, wird 1894 ein Junge namens Percy geboren. Noch als Kleinkind verliert er beide Eltern, zwölfjährig bricht er die Schule ohne Abschluss ab. Mit Percys Leben könnte es nun steil bergab gehen, es könnte tragisch enden: ein Ziel- und Mittelloser, einer, der mit einer Flasche Billigwodka tot neben der Mikrowelle gefunden wird. Aber Moment – erstens wurde die Mikrowelle noch gar nicht erfunden, und zweitens ist Percy L. Spencer ein besonderer Junge, tapfer und voller Entdeckungslust. Ganz ohne Studium hat er sich 1945 zu einem angesehenen Physiker in der Militärforschung hochgearbeitet und experimentiert gerade mit Radarsystemen herum, als ihm ein Schokoriegel in der Hosentasche schmilzt. Und weil Percy Percy ist, stutzt er. Kombiniert. Findet in der Kantine eine Tüte Mais, und tatsächlich: In der Nähe der Röhren, die Strahlung absondern, platzen die Körner zu Popcorn auf. Am 8. Oktober reicht Percy L. Spencer das US-Patent 2.495.429 ein, und 1946 bringt die Firma Raytheon, für die er arbeitet, den "Radarherd" auf den Markt. Dass die Verkaufszahlen nicht sofort durch die Decke gehen, könnte an den 340 Kilogramm liegen, die er wiegt. Oder am Namen. Laut dem US-Arbeitsministerium soll heute in neun von zehn amerikanischen Haushalten eine Mikrowelle stehen, und in Deutschland lautete die meistgegoogelte Warum-Frage im vergangenen Jahr: "Warum ist nach der Mikrowelle der Teller heiß, aber das Essen kalt?" Ja, ja, das liegt an der unterschiedlichen Wärmekapazität von Wasser und Keramik. Vor allem aber zeigt die Frage: So omnipräsent die Mikrowelle seit Jahrzehnten auch sein mag, sie bleibt uns allen ein Rätsel. Mit der Aura eines Personenschützers harrt sie auf Anrichten und in Büroküchen aus, seltsam verschwiegen hinter der abgedunkelten Scheibe, handfest und ein bisschen gefürchtet. Essen in Sekunden aufwärmen, wie macht sie das nur? Und welche Materialien sprühen noch gleich Funken, wenn man sie reintut? Dabei wirkt die zwölf Zentimeter lange elektromagnetische Welle, die Wassermoleküle in Schwingung versetzt und so Wärme erzeugt, eigentlich angenehm häuslich in der Welt der Physik, wo ja auch gerne mal mit Gravitation und Schwarzen Löchern hantiert wird. Ab den Sechzigerjahren dann überschlug sich diese kleine Welle geradezu, und in den Siebzigern stand kaum eine Mutter in Maine mehr am Herd, um stundenlang zu kochen, was gerade auf dem Feld wuchs. Jetzt wurde eingefroren, aufgewärmt und weggetuppert. Die neue Art zu essen war industrialisiert, optimiert, portioniert, entbunden von den Zwängen der Jahres- und Garzeiten, kurz: modern. Obwohl – oder gerade weil – die Mikrowelle Millionen von Frauen Freiheit und Freizeit schenkte, sahen Kritiker in ihr den Niedergang der Kochkultur. Und klammheimlich wurde sie, mehr als jedes andere Haushaltsgerät, auch zu einem Symbol der Vereinzelung, der Einsamkeit. Unten an der Straßenecke gibt es heute kein Wirtshaus mehr, in dem Alleinstehende abends eine Suppe essen, sondern einen Supermarkt mit eingeschweißter Currywurst und Pasta Carbonara. Schnell zu Hause aufwärmen, dazu ein Podcast oder Fernsehen. Trotzdem gebührt dem kleinen Kasten Dankbarkeit: Die Mikrowelle ist die treue Heldin all jener, denen das Talent zum Kochen fehlt, und ja, sie hat jedem von uns schon mal den Tag gerettet. Percy aus Maine ist mit seiner Erfindung übrigens nicht reich geworden (von den Auszeichnungen, mit denen man ihn überhäufte, mal abgesehen). Während Raytheon profitierte, erhielt der Angestellte gerade einmal zwei Dollar für sein Patent, einen damals üblichen Preis. Spencer starb mit 76 Jahren in der Nähe von Boston. Kollegen haben ihn als den neugierigsten Menschen beschrieben, den man sich vorstellen kann.