Zeit 24.01.2026
12:01 Uhr

Parlamentswahl in Myanmar: Wie geht es weiter in Myanmar?


Mitten im Bürgerkrieg wählt Myanmar sein Parlament. Beobachter sprechen von einer Scheinwahl. Was erwartet den buddhistischen Militärstaat? Fragen und Antworten

Parlamentswahl in Myanmar: Wie geht es weiter in Myanmar?
Eine Friedensnobelpreisträgerin im Arrest, ein Volk im Griff einer Junta, ein Land im Bürgerkrieg – Myanmar, ein buddhistischer Militärstaat in Südostasien, kommt nicht zur Ruhe. Am Sonntag tritt das Land in Phase drei seiner Parlamentswahl, es ist die letzte. Wie ist die Lage vor Ort, was steht den Menschen bevor? Ein Überblick Wer oder was steht zur Wahl? 4.963 Kandidaten aus 57 Parteien bewerben sich für das nationale Parlament. Es hat zwei Kammern: das Haus der Repräsentanten (440 Sitze) und das Haus der Nationalitäten (224 Sitze). Pro Kammer stehen 75 Prozent der Sitze zur Wahl, 25 Prozent sind jeweils für Offiziere reserviert. Die besetzt der Oberbefehlshaber der Streitkräfte direkt. Bei dieser Parlamentswahl aber werden nur 265 Sitze des Repräsentantenhauses neu besetzt, dazu 157 Sitze im Haus der Nationalitäten. Das hat zwei Gründe. Erstens lässt die Militärregierung nur in Townships wählen, die sie als befriedet erklärt hat. In den Townships, kleineren Verwaltungseinheiten, liegen die Wahlkreise. Wegen des Bürgerkriegs kontrolliert die Regierung nur noch Teile Myanmars; in 67 von 330 Townships hat sie die Wahl daher abgesagt. Zweitens teilt die Regierung die Wahl in drei Phasen, in denen jeweils bestimmte Townships abstimmen. Offiziell der Sicherheit und Logistik wegen. Einerseits ist das glaubhaft. Oppositionelle Rebellen haben etwa Anschläge auf Wahllokale oder Politiker verübt. Zudem ist eine Parlamentswahl in einem Staat dieser Größe für eine schwache Regierung ein schwieriges Unterfangen. Andererseits werten internationale Beobachter das als Versuch, das Votum zu steuern: Die Junta lässt genehme Townships zu, vertröstet andere auf spätere Phasen oder schließt sie aus. So bündelt sie Kräfte, schüchtert Oppositionelle ein, fälscht glaubwürdige Ergebnisse. Es wäre nicht der einzige Versuch. Die Junta hat alle bedeutenden Oppositionsparteien verboten, Kritik an der Wahl straft sie drakonisch. Dort, wo es ihr nützt, lässt sie Verhältniswahlrecht gelten. Staatsmedien lässt sie berichten, Indien habe Wahlbeobachter nach Myanmar entsandt. Indien stützt die Junta nachweislich. "Ziel der Wahl ist eine Legitimierung der Junta und ein Übergang zu einer zivilen, militärnahen und undemokratischen Regierung", sagt Felix Heiduk von der Stiftung Wissenschaft und Politik im Gespräch mit der ZEIT. "Es ist eine Scheinwahl." Richard Roewer vom German Institute for Global and Area Studies sieht das ähnlich: "Man wird sehen, dass die neue Regierung gefüllt wird mit hochrangigen Militärs", sagt er. "Im Grunde plant die Junta, in ziviler Form weiterzuregieren." Warum betreibt die Junta den Aufwand? "Die Wahrnehmung einer brutalen Militärdiktatur erschwert regionale und internationale Beziehungen", sagt Roewer. Außerdem sähen sich die Generäle als Beschützer des Landes. "Die denken, sie würden falsch dargestellt und es würde helfen, wenn sie sich einen zivilen Anstrich geben." Gelänge es der Junta, sich als legitim darzustellen, stünde die Opposition zudem als Gruppe da, die eine gewählte Regierung bekämpft. "Das ist ein Narrativwechsel, an dem dem Militär wahnsinnig viel liegt." Am Ende soll ein Parlament stehen, das der politische Arm der Junta führt: die Solidaritäts- und Entwicklungspartei der Union (USDP). Ihre 1.018 Kandidaten stellen 20,5 Prozent aller Bewerber, in manchen Townships treten nur sie an. Die ersten zwei Wahlphasen hat die USDP schon gewonnen: Sie erreichte in beiden Kammern jeweils bis zu 90 Prozent der Mandate. Vor der dritten Phase am Sonntag sitzt die Partei auf einer bequemen Mehrheit. Wieso regiert eine Militärjunta? In Myanmar regierte seit 2015 eine demokratische Übergangsregierung unter Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Im Februar 2021 putschte die Armee Myanmars, die Sit-Tat. Sie zerschlug die Regierungspartei , die Nationale Liga für Demokratie (NLD), und verurteilte Suu Kyi in einem Scheinprozess zu 30 Jahren Gefängnis. Die Generäle sprachen von Wahlbetrug, Belege legten sie nie vor. Sie fürchteten um ihren Einfluss auf ein Land, das seit den Sechzigerjahren fast ununterbrochen in ihrer Hand lag – mal direkt, mal indirekt. Seit der Unabhängigkeit von der britischen Krone 1948 begreift sich die Sit-Tat als Hüterin der nationalen Einheit. 2008 verabschiedete eine ihrer Regierungen eine Verfassung, die ihr Sonderrechte verschafft. Seither regiert die Junta mit Repression und Kontrolle: Sie nimmt willkürlich Gefangene , foltert , richtet hin , zensiert . Sie beschränkt Reisen und militarisiert die Verwaltung. Die Wirtschaft ist seit dem Putsch kollabiert. "Es besteht eine enorme humanitäre Krise", sagt Heiduk der ZEIT. "14 bis 18 Millionen Myanmaren sind von humanitärer Hilfe abhängig." Über den Rückhalt der Junta in Myanmar gibt es keine verlässlichen Daten. Belastbare Umfragen sind in Bürgerkriegen und Diktaturen unmöglich. Aus der Opposition lässt sich jedoch plausibel ableiten, dass der Rückhalt gering sein dürfte. "Es gibt kaum Fälle, in denen ein Aggressor so klar und stark abgelehnt wird wie in Myanmar", sagt Roewer. Wie geschlossen die Sit-Tat agiert, ist schwer zu sagen. "Unter gemeinen Soldaten dürfte es durchaus Kritik geben", sagt Heiduk. "In der Militärführung zeigen sich bisher keine Risse." Roewer sagt mit Blick auf die unteren Ränge der Armee: "Das Militär ist wie ein Staat im Staat. Sind Sie Soldat, wohnen Sie in einem vom Militär zur Verfügung gestellten Wohnraum. Da wohnen nur Militärfamilien. Ihre Kinder gehen auf eine Militärschule. Das ist eine Parallelgesellschaft. Das erlaubt dem Militär, die Moral zu halten." Nach dem Staatsstreich verhängte der Interimspräsident einen Ausnahmezustand, ursprünglich für die Dauer eines Jahres. Bis Ende Juli 2025 wurde er siebenmal um jeweils sechs Monate verlängert . Die Generäle spielten auf Zeit: Nach Ende des Ausnahmezustands müssen laut Verfassung binnen sechs Monaten Wahlen stattfinden. Nun versucht die Sit-Tat mit einer Scheinwahl die Flucht nach vorn. Warum tobt ein Bürgerkrieg – und wer kämpft gegen wen? Nach dem Putsch erhoben sich die Myanmaren . Der Protest schwoll zum landesweiten Aufstand an. Aktivisten gründeten bewaffnete Gruppen, ethnische Minderheiten intensivierten ihren jahrzehntealten Kampf um Anerkennung, Gleichstellung und Autonomie. In einigen Regionen taten sich die Oppositionellen zusammen, in anderen schlugen sie unabhängig los. "Es ist eine komplexe Bürgerkriegssituation", sagt Heiduk der ZEIT. "Die Grenzen zwischen Akteuren waren in vergangenen Jahren fluide." Im Zentrum führen Widerstandsgruppen einen Guerillakrieg mit Hit-and-run-Techniken, Anschlägen oder nächtlichen Überfällen. Sie schicken Drohnen und erschießen Kollaborateure. Im Norden, an der Grenze zu China, und im Süden, an der Grenze zu Indien, führen Rebellen ethnischer Minderheiten mehrere Zehntausend Mann unter Waffen. "Die führen konzertierte, klassische militärische Operationen durch", sagt Heiduk. "Auch mit dem Ziel, Städte einzunehmen und dauerhafte territoriale Kontrolle auszuüben." Die Junta antwortet mit Luftschlägen und verübt Massaker an Zivilisten . Der Bürgerkrieg ist auch ein Abnutzungskrieg. Aktuellen Schätzungen zufolge kontrolliert die Junta 30 bis 40 Prozent des Staatsterritoriums. Die bewaffnete Opposition ungefähr ebenso viel. Der Widerstand kontrolliert die Peripherie und ländliche Gegenden, die Junta vor allem große Städte, Hauptverkehrsachsen, Teile des Südens und des Zentrums. Alle übrigen Zonen sind umkämpft, die Herrschaft wechselt dort häufig. Die Region um die Hauptstadt Naypyidaw ist noch vergleichsweise ruhig. Beobachter verweisen auf die Dynamik des Bürgerkriegs, die Einschätzungen erschwert. Verlässliche Informationen aus Myanmar sind rar. Die Junta lässt keine ausländischen Journalisten ins Land, verbietet unabhängige Medien, deaktiviert, drosselt und überwacht Internet und Mobilfunk in umkämpften Regionen, spielt eigene Verluste herunter und verweist auf große Städte und bedeutende Verkehrsachsen unter ihrer Kontrolle. Rebellen prahlen häufig, wie viel Land sie der Junta abgerungen hätten. Wie reagiert das Ausland auf den Konflikt? Auch ausländische Mächte mischen sich ein. Russland erkennt die Junta als Regierung an , liefert ihr Waffen, Kampfjets, Hubschrauber und Drohnen. Berichten nach schickt es zudem Militärausbilder, die Junta-Truppen an russischem Militärgerät schulen. Indien liefert dem Regime ebenfalls Waffen. China betreibt ein doppeltes Spiel: Es liefert der Junta militärisches Gerät, paktiert aber auch mit Rebellen. Etwa mit der Unabhängigen Armee Kachin (KIA), den Truppen der ethnischen Minderheit der Kachin. Die KIA kontrolliert Minen, in denen gewaltige Vorkommen an Seltenen Erden liegen. Mehr als 50 Prozent der Seltenen Erden, die nach China exportiert werden, stammen aus Myanmar. Es gibt Berichte darüber, dass China Waffen auch an ethnische Widerstandsgruppen liefere. Die Opposition erhält aus dem Ausland vor allem warme Worte, die Unterstützung beschränkt sich auf Diplomatie und humanitäre Hilfe aus Europa , den USA , Australien oder von Asean , einem Regionalverband asiatischer Staaten. Wie wirkt sich der Bürgerkrieg auf die Bevölkerung aus? Für die Bevölkerung bedeutet der Bürgerkrieg ein Leben im Ausnahmezustand: Luftangriffe und Artilleriegefechte in Konfliktregionen, Checkpoints und Spitzel in Städten. Vielerorts bricht die Gesundheitsversorgung zusammen. Es fehlt Nahrung, Energie und Arbeit. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) schätzt die Zahl der gewaltsam Vertriebenen auf 5,15 Millionen, davon sind etwa 3,6 Millionen Binnenvertriebene. Rund 1,5 Millionen Myanmaren sind demnach ins Ausland geflüchtet, vor allem in Nachbarstaaten wie Bangladesch , Thailand , Malaysia , Indien oder Indonesien . Das Konfliktmonitoring ACLED schätzte 2025, seit dem Putsch seien mindestens 80.000 Menschen an konfliktbezogener Gewalt getötet worden. Wie groß ist die Opposition? Numerisch ist sie beachtlich, doch sie ist zersplittert. Nach dem Putsch ging die Führung der Nationalen Liga für Demokratie (NLD) ins Exil und gründete eine Gegenregierung , die Nationale Einheitsregierung (NUG). Sie stellte sich an die Spitze des Widerstands und postulierte den Demokratischen Föderalismus als Leitidee. Das Projekt scheiterte. Eine Reihe bewaffneter ethnischer Rebellengruppen steht für Föderalismus ein, lehnt Demokratie jedoch ab. In Landstrichen, die sie im Laufe des Bürgerkriegs eroberten, entwickelten sie mitunter autokratische, quasi- und parastaatliche Gebilde. Die Unabhängige Armee Kachin (KIA) etwa erhebt in der Grenzregion zu China Steuern. "Die Opposition ist eine heterogene Ansammlung unterschiedlicher Gruppen", sagt Heiduk der ZEIT. Die Gründe seien vielfältig: Neben unterschiedlichen Ideologien bestünden widerstrebende Interessen, die oft in Gewalt mündeten. Es gehe dabei auch um die reichen Bodenschätze Myanmars, vor allem Jade und Seltene Erden. Ein bedeutender Akteur ist die People's Defence Force (PDF), die Armee der Gegenregierung. Laut Schätzungen besteht sie aus Hunderten bewaffneten Gruppen. Derlei Rebellengruppen variieren in Größe, Agenda und Bereitschaft zur Kooperation. Einen Schulterschluss der Opposition halten Beobachter für unwahrscheinlich. Die Exilregierung schreckt bisher davor zurück, Forderungen ethnischer Minderheiten über Autonomie und Föderalismus nachzugeben. Wie könnte es in Myanmar weitergehen? Das ist schwer einzuschätzen, selbst für Experten. 2024 geriet die Junta militärisch ins Hintertreffen, weil Rebellengruppen mit Eroberungsoffensiven vorgeprescht waren. Damals schätzten Beobachter, die Junta halte nur noch rund ein Fünftel Myanmars. 2025 begannen die Generäle mit Zwangsrekrutierungen und konnten so viel Land zurückerobern. Diese Offensiven zur Rückeroberung dauern an. Ob die Junta weiter Erfolge einfährt, es beim derzeitigen Patt bleibt oder die bewaffnete Opposition erneut vorstößt, vermag niemand zu sagen. Für Heiduk von der Stiftung Wissenschaft und Politik ist die Frage, ob die Junta eine vermeintlich zivile Regierung einsetzen kann, mit der sie sich "Macht und Ressourcen teilen" kann. Diese könnte mit bewaffneten ethnischen Gruppen individuelle Waffenruhen beschließen. Das wiederum könnte den militärischen Druck auf andere bewaffnete Oppositionelle steigern. Teilen sich Junta und Nachfolgeregierung die Macht nicht, erwartet Heiduk eine schwache, fragmentierte Führung im Land. Die Opposition könnte dann erstarken und weitere Landstriche erobern. Roewer vom German Institute for Global and Area Studies weist auf Zentralmyanmar. In der Peripherie kämpften Regierungen mitunter seit dem Zweiten Weltkrieg gegen ethnische Milizen. Dass der Krieg aber ins Zentrum des Landes gerückt ist, in die Nähe großer Städte, sei außergewöhnlich. Befriede eine Marionettenregierung das Zentrum, festige das die Macht der Sit-Tat auf Jahre. Gelänge das nicht, verzögere sich ihr Sieg vermutlich. "Der Unterschied zwischen Junta und Opposition bei Ressourcen und Waffengewalt ist gewaltig."