Zeit 28.11.2025
10:14 Uhr

Parken in München: Eine Stadt verzweifelt an sich


München streitet übers Gehwegparken. Eine Lokalposse? Vielmehr Sinnbild eines größeren Problems. Denn Platz ist in vielen Städten knapp und die Lösungen zu unentschieden.

Parken in München: Eine Stadt verzweifelt an sich
München, diese schöne Metropole an der Isar, hält einiges auf seine Lässigkeit. Hier finden Gemütlichkeit und Großstadtgefühl zusammen, hier regiert das bayerische Lebensgefühl, die Liberalitas Bavarica. Die Idee vom leben und leben lassen. Doch die Lässigkeit endet schnell, wenn es ums Auto geht. Dann schlägt die Stimmung um in Streit. Auch wenn es von außen betrachtet im jüngsten Fall wie eine Lokalposse erscheinen muss. Der Konflikt dahinter treibt so gut wie alle Städte in Deutschland um: Wer möchte man eigentlich sein in Zukunft – und wie? In München handelt das neuste Streitkapitel vom Gehwegparken. Die vereinfachte Kurzfassung: Es war zwar schon immer verboten, sein Auto seitlich mit zwei Reifen auf dem Trottoir und mit zwei Reifen auf der Straße abzustellen. In vielen Wohngegenden wurde es trotzdem praktiziert und von den Behörden toleriert. Dann häuften sich in einigen Vierteln die Beschwerden, dass zu Fuß kaum noch ein sicheres Fortkommen sei. Die Stadt reagierte und verhängte Bußgelder gegen die Parksünder, je 55 Euro. Was nur neue Probleme schaffte: Weil jetzt die Autos ordnungsgemäß neben dem Gehweg parken, können mancherorts Müll- und Rettungswagen stecken bleiben. Und die Parksünder fühlen sich gegängelt: Plötzlich setzt die Stadt ein Verbot durch, das sie jahrelang gar nicht interessiert hat. Es geht um viel mehr als ums Gehwegparken Die Folge: noch mehr Streit. Als sich diese Woche Stadtangestellte einer Bürgerversammlung im Viertel Laim stellten, wurden sie ausgebuht, berichtet die Lokalzeitung TZ . Und im Stadtrat – in Bayern stehen bald Kommunalwahlen an – schiebt man sich gegenseitig die Schuld zu. Tatsächlich geht es um viel mehr als ums Gehwegparken. Regelmäßig gibt es in München Streit, vordergründig dreht der sich mal um den Bau von Hochhäusern, die Umgestaltung öffentlicher Orte oder eine Olympia-Bewerbung, mal um Begrünungen, Parkplätze und neue Fahrradwege. Die Kernfrage lautet aber stets: Was fangen wir mit dem begrenzten Platz an? Eine Antwort darauf sucht man nicht nur an der Isar. Allerorten stehen Rathäuser vor der Herausforderung, veränderte Mobilitäts- und Lebensbedürfnisse am besten klimabewusst ins Stadtbild zu integrieren. Das Vorbild der autogerechten Stadt, die Menschen auf einen schmalen Bürgersteig verbannt, ist zum Glück obsolet. Die Autos sind trotzdem noch da, aus Bequemlichkeit, Notwendigkeit oder beidem. Und sie sind über die Jahrzehnte breiter und größer geworden. Auch das lässt sich in München gut beobachten: In vielen Garagen, die in den Fünfziger- und Sechzigerjahren zusammen mit den Wohnblöcken hochgezogen wurden, könnte man heute nicht mal einen Mittelklassewagen parken, ohne danach übers Schiebedach auszusteigen. Parken auf der Straße ist oft die einzige Möglichkeit. Und lässt den verfügbaren Platz weiter schmelzen. München findet eine sehr münchnerische Lösung Ebenfalls beobachten lässt sich in München, wie man an der Platzfrage regelmäßig verzweifelt. Auch weil es oft kaum möglich ist, einen Kompromiss zu finden, der alle Seiten zufriedenstellt. Das zeigt sich wieder am Gehwegparken: Wer mit Rollator oder Kinderwagen nicht an den Autos vorbeikommt, für den kann die Tolerierung des Status quo keine Lösung sein. Wer davor schon Schwierigkeiten hatte, sein Fahrzeug in dieser chronisch überlasteten Stadt abzustellen, wird sich von einem Verbot gegängelt fühlen. Obendrein empfinden immer mehr Menschen die hohen Mieten und Lebenshaltungskosten als Bedrohung, und das trägt auch in anderen Fragen nicht gerade zur Entspannung der Lage bei. München sucht nach seiner Zukunft und droht sich dabei selbst zu verlieren. Oberbürgermeister Dieter Reiter von der SPD will dennoch retten, was zu retten ist. Per Instagram hat er am Mittwoch angekündigt, das Gehwegparken überall dort zu legalisieren, wo genügend Platz für Passanten übrigbleibt. Es brauche eine Mobilitätspolitik, "die nicht ideologisch getrieben ist, sondern pragmatisch", sagte Reiter. Er wolle nicht einen Zustand verschlechtern, der über 20 oder 30 Jahre toleriert worden sei. "Das sorgt nur dafür, dass die Leute noch mehr gegeneinander schimpfen." Das klingt salomonisch. Nach "leben und leben lassen". Nur löst sich dadurch nicht der Grundkonflikt um den begrenzten Platz. Andere Städte sollten sich deshalb die Diskussionen in München ganz genau anschauen: Kompromisse sind grundlegend für unsere Demokratie. Wo der Mittelweg partout nicht gangbar ist, muss die Politik aber auch mal unpopulär entscheiden und versuchen, die Betroffenen trotzdem mitzunehmen, indem sie ihnen konkrete Alternativen eröffnet. In München hat man hingegen diesmal eine Lösung gewählt, die auf eigene Weise sehr münchnerisch ist: Man trifft eine Regelung, die eigentlich alles so lässt, wie es schon immer war, dafür aber den Streit um die Zukunft verlässlich betoniert. Wer also Lässigkeit sucht, steuert besser andere Gegenden in Bayern an. Vor allem mit dem Auto.