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27.11.2025
12:44 Uhr
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Der Papst besucht Erdoğan, der sich als Friedensfürst inszeniert. Die Christen im Land wissen, wie schnell sich das ändern kann. Was bewirkt der Papstbesuch?

Der Imam der Blauen Moschee in Istanbul hat Sprechverbot. Wie er es findet, dass der Papst sein Gotteshaus besuchen wird, darf er nicht verraten. Offiziell heißt es Sultan-Ahmet-Moschee, ist aber wegen der vielen blau-weißen Fliesen als Blaue Moschee weltbekannt und die einzige heilige Stätte der Muslime im Türkei-Programm von Papst Leo. Schon Tage vor dem Besuch hatte Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan Sicherheitsleute in die Moschee beordert. Auch der Staatsempfang zum Reiseauftakt am Donnerstag in Ankara ist minutiös geplant. Kranzniederlegung im Mausoleum des laizistischen Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk, militärische Ehren und eine halbe Stunde Höflichkeitstreffen mit Erdoğan. Der Papst bringt ihm eine Medaille zum Jubiläum des Konzils von Nizäa mit. Ein religiöses Gastgeschenk. Doch wie bei jeder Papstreise geht es durchaus um Politik. "Friede sei mit euch" waren Leos erste Worte als Papst. Auch der türkische Präsident behauptet in fast jeder wichtigen Rede, die weltweiten Kriege und Konflikte befrieden zu wollen. Bekannt sind aber vor allem seine anderen Äußerungen: Drohungen gegen Griechenland, militärische Operationen in Nordsyrien und Söldnereinsätze in Libyen und Bergkarabach. Mit militärischer Einmischung drohte er im Juni sogar Israel. Laut träumt Erdoğan nun von türkischen Truppen im Gazastreifen. Die Terroristen der Hamas nennt er "Widerstandskämpfer", Hunderte von ihnen ließ er in türkischen Krankenhäusern versorgen. Einige sollen nach Recherchen türkischer Medien einen Aufenthaltstitel bekommen haben. Der Vatikan hält sich meist raus Erdoğan nennt dies eine Politik des Friedens. Tatsächlich war die Türkei wegen der Nähe zur Hamas eng in Verhandlungen über eine Waffenruhe in Gaza eingebunden. Die Staaten Europas blieben Zuschauer. Und so begannen sie, Erdoğan neu zu umwerben. Auch der Vatikan weiß ihn zu hofieren. Jüngst durfte die türkische First Lady an der Päpstlichen Akademie für Sozialwissenschaften in Rom vortragen. Bei der Audienz forderte Emine Erdoğan von Papst Leo mehr Hilfe für Gaza und gegen Islamophobie. Wenig später wurde in der Apostolischen Bibliothek ein Gebetsraum für Muslime eröffnet. In der Türkei sind bestimmte öffentliche Orte, insbesondere Kindergärten und Schulen, verpflichtet, Gebetsräume bereitzustellen – aber nur für Muslime, nicht für Christen oder Juden. Echte Religionsfreiheit gibt es in der Türkei vor allem auf Verfassungspapier. Fast alle Bürger werden von den Behörden automatisch als Muslime registriert, auch wenn sie das nicht sind. So erklärt sich, dass offiziell 99 Prozent der Menschen dem Islam angehören, obwohl laut Umfragen mindestens acht Prozent Atheisten sind. Christen machen weniger als ein halbes Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Aus 1,4 Millionen vor hundert Jahren sind nur etwa 350.000 geworden. Zum Exodus führten Jahrzehnte der Verfolgung und der Massaker. Heute dürfen Christen zwar ihren Glauben leben, doch es gibt Einschränkungen. So ist das Priesterseminar Chalki des ökumenisch-orthodoxen Patriarchats von Konstantinopel seit 45 Jahren geschlossen. Patriarch Bartholomäus I. wirbt international um Hilfe. Im Herbst bat US-Präsident Donald Trump den türkischen Staatschef, die Schule wieder zu öffnen. Der Vatikan hält sich aus diesem Konflikt meist raus. Vielleicht ändert sich das bald: Der Papst trifft den Patriarchen in der Türkei mehrfach, man will eine gemeinsame Erklärung unterzeichnen. Geplant sind außerdem eine Messe in einer Istanbuler Konzert-Arena und Treffen mit Vertretern der mehr als ein Dutzend christlichen Glaubensrichtungen im Land. Zudem besucht der Papst eine syrisch-orthodoxe Kirche, den ersten christlichen Neubau seit Republikgründung. Sie verdankt sich dem gepflegten Umgang vieler Christen mit ihrer Regierung. An der Eröffnungsfeier der neuen Kirche nahm Erdoğan persönlich teil. "Aktuell hilft er uns, Grundstücke zurückzubekommen", sagt Kenan Gürdal, Chef der Syrisch-orthodoxen Stiftung in Istanbul. Dabei war es derselbe Staat, der diese Grundstücke (darunter das Kloster Mor Gabriel) zuvor konfisziert hatte. Türkische Nationalisten wittern ein Komplott Lob für Erdoğan gehört zur Überlebensstrategie der Christen in der Türkei. Wer keine Kritik übt und sich nicht in die Politik einmischt, wird oft verschont – oder gar belohnt: Die syrisch-orthodoxe Gemeinde erhielt in Istanbul zuletzt mehrere Tausend Quadratmeter Land für einen Kindergarten und eine Schule, an der Aramäisch unterrichtet wird. Auch armenische Christen profitieren von staatlichen Geldern. Trotzdem bleibt die Angst vor Repressionen. Einer der wenigen, die offen darüber sprechen, ist der Apostolische Vikar von Istanbul, Bischof Massimiliano Palinuro. Die Zusammenarbeit mit der Regierung sei "höflich", er wünsche sich aber Rechtssicherheit. Viele Konfessionen, auch seine, müssten über Vereine oder Stiftungen agieren, weil der Staat sie nicht voll anerkenne. Wichtig ist dem Bischof auch der Schutz vor tätlichen Angriffen. "Das türkische Volk ist im Allgemeinen offen und tolerant." Doch in jüngerer Vergangenheit habe es brutale christenfeindliche Angriffe gegeben, sogar Morde: 2006 wurde der katholische Priester Andrea Santoro getötet; 2007 wurde der armenische Journalist Hrant Dink erschossen, drei protestantische Katecheten wurden überfallen und schließlich enthauptet. 2010 traf es den katholischen Bischof Luigi Padovese, er wurde mit einem Messer attackiert und dann geköpft. Zuletzt, 2024, wurde bei einem Terroranschlag auf eine Kirche in Istanbul der Alevit Tuncer Murat Cihan erschossen. Seitdem gelten erhöhte Sicherheitsvorkehrungen für Kirchen. Vor Gottesdiensten treffen als Erstes Polizeibeamte ein, sie bleiben, bis die Messe längst vorbei ist. Seit geraumer Zeit bewacht die Polizei in manchen Kirchen eine wachsende Zahl von Muslimen, die Christen werden wollen. Doch der Gegendruck ist groß, auch auf die meist ausländischen Priester. Denn die Taufkurse könnten ihnen als Missionierung angelastet werden und das Ende ihrer Aufenthaltsgenehmigungen bedeuten. Auch die Aufmerksamkeit, die der Papstbesuch den Christen in der Türkei bringt, kann ins Negative umschlagen. In der Stadt Bursa demonstrierten kürzlich Nationalisten gegen den Papst und sein angebliches "ökumenisches Komplott": Die Jubiläumsfeier des Konzils von Nizäa sei nur ein Vorwand, um die gespaltene Christenheit für den Kampf gegen den Islam zu einen. Schon bald würden die Christen Istanbul zurückerobern.