Zeit 21.02.2026
11:12 Uhr

Olympische Winterspiele 2026: Wie Fußball, mit Seitensprüngen, Senf und Sex


Wintersport reizt ihn nicht, bei Olympia fehlt ihm der Fußball. Doch Italien 26 inspiriert unseren Kolumnisten, auf der Couch ein Glas Senf auszuzuzeln: "Ziiieeeh!"

Olympische Winterspiele 2026: Wie Fußball, mit Seitensprüngen, Senf und Sex
In unserer Kolumne "Grünfläche" schreiben abwechselnd Oliver Fritsch, Christof Siemes, Stephan Reich und Christian Spiller über die Fußballwelt und die Welt des Fußballs. Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende , Ausgabe 08/2026. Ich muss gestehen, dass ich die Olympischen Winterspiele nur sporadisch verfolge. Ich habe zu Wintersport nie eine Beziehung entwickelt, weder aktiv, und dann eben auch passiv nicht, und so wehen Sportarten wie Biathlon oder Skispringen einfach an mir vorüber. Zumal mir in vielen dieser Sportarten ein im weitesten Sinne Spielgerät fehlt, ein Ball, den man mal jonglieren kann oder mit dem irgendein besonders begabter Wintersportmaradona mal etwas macht, was ihm dieses Wunder Intuition eingeflüstert hat. Sportarten ohne Spielgerät fehlt meiner Meinung nach der Anteil des Spiels, was sie für mich im weitesten Sinne zu Arbeit macht, und Arbeit habe ich ja genug, ich meine, genau in diesem Moment beispielsweise (in dem ich für diese Kolumne einspringe, weil alle anderen Olympia schauen). Wahrscheinlich ist das unfair, schon klar. Was ich an den Olympischen Winterspielen aber genieße, sind die vielen kleinen schönen, skurrilen Geschichten, die diese Sportarten angenehm nahbar machen. Der norwegische Skirennfahrer Atle Lie McGrath etwa vergeigte seine sicher geglaubte Medaille und reagierte darauf mit der einzig angemessenen Reaktion: Er stapfte frustriert und einsam durch den Schnee in den angrenzenden Wald. Selten fühlte ich mich einem Sportler so verbunden, habe ich doch mehrmals am Tag den Impuls, den ganzen Scheiß einfach stehen und liegen zu lassen, um in einem Waldgebiet ein neues Leben als Eremit zu beginnen. Im Curling, diesem ohnehin leicht enigmatischen Sport, kam es unterdessen zum Skandälchen, weil ein kanadischer Curler seinen Stein möglicherweise noch mit dem Zeigefinger gestreichelt hat. Was folgte, war ein Wortgefecht, das der meditativen Natur des Curlings doch eher konträr gegenüberstand. Eishockey-Star Leon Draisaitl wurde derweil im Spiel gegen die USA auf der Ersatzbank dabei gefilmt, wie er eine Tüte Senf auszuzelte. Das sei gut gegen Krämpfe, sagte er später, was ehrlicherweise wie die Ausrede eines Mannes klingt, der sich ein wenig geniert, weil er manchmal ganz gerne Senf ohne alles isst. Der Biathlet Sturla Holm Lægreid wiederum nutzte sein Interview nach dem Gewinn seiner Bronzemedaille kurzerhand, um der verblüfften Öffentlichkeit einen Seitensprung zu gestehen. Der Trainer des finnischen Skisprung-Teams, Igor Medved, betrank sich derweil auf der Medaillenparty des slowenischen Teams und wurde deswegen nach Hause geschickt. Und dann, mein Favorit: Pünktlich zum Valentinstag waren die zehntausend kostenlosen Kondome, die die Organisatoren seit 1988 traditionell im Olympischen Dorf auslegen, von den Athletinnen und Athleten restlos aufgebraucht – nach etwa einer Woche. Senf, Sex, Seitensprünge, Einsamkeit – den Olympischen Spielen scheint nichts Menschliches fremd. Und allein deswegen lohnen sich die Spiele schon für einen Wintersport-Legastheniker wie mich. Zumal sie eine Erinnerung daran sind, warum Sport überhaupt toll ist. Wegen des Sports, klar, aber eben auch wegen der ganzen Schleppe an Kuriosem, die er hinter sich herzieht. Und die mir im Fußball immer häufiger fehlt. Zu gerne würde ich Florian Wirtz dabei beobachten, wie er auf der Bank der Nationalmannschaft einen kräftigen Zug aus der Curryketchup-Flasche nimmt, um das später verlegen mit Elektrolyten zu begründen. Wer wollte nicht dabei sein, wenn Joshua Kimmich die Spieltags-Pressekonferenz kurzerhand in eine Paartherapie umwandelt? Und man stelle sich vor, der nächste wackelnde Bundesligatrainer würde nach der bitteren Last-Minute-Niederlage einfach am Field-Interview vorbeistapfen, um im nächstgelegenen Wald allein zu sein. Stattdessen bekommt man Interviewphrasen, die man schon achttausendmal gehört hat und noch weitere achttausendmal hören wird. Es ist zum In-den-Wald-Stapfen. In diesem Sinne sind die Olympischen Spiele auf charmante Weise erfrischend, nahbar, menschlich. Sport von Menschen, die eben nicht alle drei Tage vor einem Millionenpublikum erklären müssen, woran et jelegen hat. Werde ich also auf den letzten Metern der Olympischen Winterspiele doch noch zum Wintersport-Aficionado? Verzichte auf die Bundesligakonferenz und stelle mich lieber mit Kuhglocke um den Hals und Milka-Mütze auf dem Kopf an die innere Skischanze und denke laut "Ziiiieeeeh", wenn im ZDF der nächste Lebensmüde durch die Luft segelt? Sediere ich beim Langlauf oder Curling selig von der Couch, während sich vor mir ein Sport vollzieht, den ich eher im Achtsamkeitskurs an der VHS verorten würde? Lümmel ich mich mit einem Glas Senf vor den Fernseher, wenn demnächst die Entscheidungen im Bobsport anstehen? Wohl eher nicht. Es sei denn, jemand wirft den Athleten mal einen Ball in den Eiskanal oder auf die Schanze. Unmöglich scheint bei diesen Winterspielen ja nichts zu sein.