Zeit 29.05.2026
11:34 Uhr

Obdachlose und psychisch Kranke: Er konnte die Gewalt nicht kommen sehen. Bei keinem von ihnen


Thomas Behrendt ist Betreuer in Berlin. Er arbeitet mit Psychotikern, die jederzeit gefährlich werden können. Und kann wenig tun, um andere vor ihnen zu schützen.

Obdachlose und psychisch Kranke: Er konnte die Gewalt nicht kommen sehen. Bei keinem von ihnen
Thomas Behrendt kommt viel herum in Berlin, auch in den düstersten Ecken. Mal muss er zum Kottbusser Tor, wo Junkies in Hauseingängen herumliegen, oder nach Charlottenburg, wo Obdachlose unter Brücken kampieren. Mal muss er in die Psychiatrie des Urban-Krankenhauses, weil dort einer von denen, um die er sich kümmert – er nennt sie vornehm Mandanten –, eingeliefert wird oder von dort abgehauen ist. Sein Büro ist in Kreuzberg. Die Adresse hat er von seiner Website gelöscht, nachdem einer seiner Mandanten mit einem Messer vor der Tür unten im Hof aufgetaucht war, herumschrie und ihm drohte. Behrendt erzählt mir das gleich beim ersten Gespräch im Herbst 2025. »Es ist ein aufreibender, konfliktreicher Beruf«, sagt er. »Man braucht wirklich Nerven.« Behrendt ist 64 Jahre alt und professioneller Betreuer. Das heißt, er kümmert sich um jene, die nicht mehr für sich selbst sorgen können, als deren rechtlicher Vertreter. Ein Gericht beschließt die Betreuung, in der Regel haben die Betreuten sie selbst beantragt. Die meisten Betreuer arbeiten ehrenamtlich, oft versorgen sie Familienmitglieder. Behrendt ist einer der seltenen Profi-Betreuer, sein Büro teilt er sich mit zwei Kollegen und einigen Mitarbeitern. Sein Alltag besteht aus Hausbesuchen, Telefonaten und menschlichen Dramen. Er hilft Bedürftigen, die sonst vielleicht nur dahinvegetieren oder von ihren Familien vernachlässigt würden. Es sind geistig oder körperlich Behinderte, Demente, auch psychisch Kranke, für manche beantragt er Sozialhilfe, für andere einen Rollator. Er macht den Unterschied. Vielen seiner mehr als 100 Mandanten verhilft er zu einem besseren Leben. Seine schwierigen Fälle sind meistens nicht freiwillig bei ihm. Darunter sind Obdachlose, oft drogenabhängig und psychisch krank. Behrendt nennt sie »diese Robinson-Crusoe-Gestalten mit dem Einkaufswagen«. Immer mal wieder bringt die Polizei einen von ihnen in eine Klinik, und wenn er keine Krankenversicherung hat, wird Behrendt von einem Gericht als Betreuer bestellt. »Wenn ich dann komme, sind die oft schon wieder weg. Ich krieg die gar nicht zu fassen.« Dann sind da die Psychotiker, die oft ein fast normales Leben führen und in eine Wahnwelt abgleiten können, wenn sie ihre Medikamente nicht nehmen. Einer seiner Mandanten, erzählt Behrendt, stach vor einigen Jahren im Wahn an einem Sonntagvormittag im Stadtteil Prenzlauer Berg einer Wildfremden auf der Straße mit dem Taschenmesser in den Hals. »Ein Riesenglück, dass die Frau das überlebt hat und nur leicht verletzt wurde.« Behrendt hat später den Gerichtsprozess verfolgt. »Da hat der Mann gesagt, er habe Stimmen im Kopf gehört: ›Die will mich umbringen.‹ Für ihn war das eine lebensbedrohliche Situation.« Behrendt sagt es mit ruhiger Stimme, sie klingt, als habe er die Ruhe darin lange trainiert. Niemand könne mit Sicherheit sagen, ob so jemand gefährlich ist oder nicht. »Bei meinen Mandanten, die durch Gewalttaten aufgefallen sind, war die Gewalt vorher nie absehbar. Selbst, wenn ich den schon lange kannte.« Behrendt ist auch ein Seismograf für gesellschaftliche Zustände. Er erlebt, was auf den Straßen der Hauptstadt los ist und was sich dort verändert. Ich will wissen: Täuscht mein Eindruck, oder nimmt die Zahl der Verwirrten oder Verrückten auf den Berliner Straßen zu? Und warum laufen in Deutschland so viele gefährliche psychisch Kranke frei herum, die Gewalttaten begehen – wie etwa die Frau, die im Mai 2025 am Hamburger Hauptbahnhof 15 Reisende mit einem Messer verletzte? Oder der Mann, der bei einer Amokfahrt vor vier Wochen in Leipzig zwei Menschen tötete? Auf der Suche nach Antworten werde ich Behrendt einige Monate lang bei seiner Arbeit begleiten, mich interessieren seine schwierigen Fälle. Ein Mandant dreht durch, die Nachbarn haben Angst Nach ein paar Wochen meldet er sich, er muss zu einem Mandanten, der durchzudrehen droht. Eine baumbestandene Straße, gepflegte Altbauten, eines der teureren Berliner Viertel. Hier wohnt Bernd Haller*, seit sieben Jahren betreut ihn Behrendt. Das hat ein Richter entschieden, obwohl Haller protestierte, der würde sich sonst selbst schaden – und vielleicht auch anderen. Haller leidet an paranoider Schizophrenie. »Er ist hier im Viertel eigentlich bekannt als umgänglicher Typ«, sagt Behrendt. »Aber das kann bei ihm schlagartig kippen.« Nachbarn haben Behrendt angerufen und in einer Mail die Vorfälle aufgelistet: Haller schreie nachts herum, knalle Türen und Fenster laut zu. Sie fühlen sich bedroht. Behrendt klingelt im Seitenflügel. Es öffnet ein Mann um die 60, seine Augen wirken zu groß in dem hageren Gesicht, wortlos öffnet er die Wohnungstür. Behrendt tritt ein und hält eine Armlänge Abstand zwischen sich und Haller, der beginnt, nervös herumzulaufen. Die Wohnung besteht aus einem einzigen Zimmer, Bett, Tisch, sie ist sehr aufgeräumt. Bleistiftzeichnungen hängen an der Wand, es sieht aus wie in einer Künstlerwohnung. »Ihr Vermieter hat Sie heute fristlos gekündigt«, sagt Behrendt. »Die Nachbarn haben sich über Sie beschwert.« »Ich zeig die an!«, schreit der Mann plötzlich ganz laut.