Zeit 13.02.2026
19:07 Uhr

Nukleare Abschreckung: "Wir wollen euer Geld nicht"


Kann Deutschland unter Frankreichs nuklearen Schutzschirm schlüpfen? Ein Gespräch mit dem Atomwaffenexperten Bruno Tertrais

Nukleare Abschreckung:
Bruno Tertrais, 63, ist einer der besten Kenner der nuklearen Abschreckung Frankreichs. Er ist stellvertretender Direktor der Pariser Stiftung für strategische Studien (FRS) und hat Emmanuel Macron beraten. Zuletzt erschien von ihm "Pax Atomica" (2024). Frankreichs Präsident will in Kürze eine Grundsatzrede zur nuklearen Abschreckung in Europa halten. DIE ZEIT: Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine ist in Deutschland die Sorge vor einem Atomkrieg gewachsen. Wie berechtigt ist diese Angst? Bruno Tertrais: Deutschland wäre im Kalten Krieg das Schlachtfeld einer nuklearen Auseinandersetzung gewesen. Die Angst ist daher tief verwurzelt. Ich verstehe das, aber ich halte die Befürchtungen für übertrieben. Russland ist eine verantwortungsbewusste Atommacht geblieben. Es gibt in den vergangenen vier Jahren kein einziges Beispiel für eine nukleare Nötigung Moskaus gegenüber der Ukraine, Europa oder den USA. Es gibt auch kaum Anzeichen dafür, dass Russland eine Senkung der Schwelle für den Einsatz von Atomwaffen in Betracht ziehen würde. Bei den meisten russischen Äußerungen handelt es sich eher um Mahnungen zur nuklearen Abschreckung als um nukleare Drohungen. Damit will ich nicht sagen, dass es unvorstellbar ist, dass Putin Atomwaffen einsetzt, aber es ist äußerst unwahrscheinlich. ZEIT: Selbst Olaf Scholz hat, als er Bundeskanzler war, öffentlich vor einem Atomkrieg gewarnt. Tertrais: Auch Joe Biden, der damalige US-Präsident, hatte solche Befürchtungen und war aus diesem Grund sehr vorsichtig. Als Analyst glaube ich zwar, dass die Ängste übertrieben sind. Aber als Staats- oder Regierungschef eines westlichen Landes muss man die winzige Wahrscheinlichkeit, dass man sich irren könnte, berücksichtigen. Daher habe ich ein gewisses Verständnis dafür, wenn diese vorsichtig agieren. ZEIT: Frankreich ist selbst Nuklearmacht. Vielleicht ist es für Sie einfacher, cool zu bleiben. hat Emmanuel Macron beraten. Tertrais: Das mag so sein. Aber es gibt Experten aus anderen Ländern, die meine Analyse teilen. ZEIT: Deutschland lebt seit Jahrzehnten unter dem nuklearen Schutzschirm der USA. Nun sind die Zweifel groß, was dieser Schutz noch wert ist. Viele Augen richten sich deshalb auf Frankreich. Erklären Sie uns bitte, worin besteht der Unterschied zwischen der amerikanischen und der französischen Abschreckung? Tertrais: Die französische ist kleiner und näher und deshalb möglicherweise glaubwürdiger gegenüber Russland. ZEIT: Ernsthaft, glaubwürdiger? Tertrais: Warum sollte es weniger glaubwürdig sein, wenn ein französischer Präsident droht, für Helsinki zu sterben, als wenn ein US-Präsident droht, für Hamburg zu sterben? Ich denke, die geografische Nähe, die Tatsache, dass wir ein unmittelbares, direktes und lebenswichtiges Interesse an der territorialen Integrität Europas haben, macht unsere Drohungen in den Augen Russlands etwas glaubwürdiger. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass wir nicht formell in die multilaterale Abschreckung der Nato eingebunden sind. Aber letztlich gehen Frankreich, Großbritannien und die USA die Frage der nuklearen Abschreckung sehr ähnlich an. ZEIT: Die USA haben viel mehr Atomwaffen als Frankreich. Spielt das keine Rolle? Tertrais: Die Zahl mag psychologisch wichtig sein. Aber sie kann durch politische Glaubwürdigkeit ausgeglichen werden. Selbst einige Amerikaner fragen sich, ob so viele atomare Sprengköpfe wirklich notwendig sind. Und um Europa zu schützen, würde auch Großbritannien dabei sein. ZEIT: Frankreich hat knapp 300 atomare Sprengköpfe, Russland etwas mehr als 5.000. Die genauen Zahlen sind nicht bekannt. Warum sollte Russland sich vor Frankreich fürchten? Tertrais: Ich würde die Frage umdrehen: Warum sollten Zahlen so wichtig sein? Entscheidend ist: Glaubt Frankreich, dass es in der Lage ist, selbst ein großes Land wie Russland glaubwürdig und unmittelbar mit Schäden zu bedrohen, die für dessen Führung inakzeptabel sind? Ich glaube, die Antwort lautet "Ja". Ich glaube vor allem, dass Russland weiß, dass die Antwort "Ja" lautet. ZEIT: Ein anderer Unterschied ist, dass Frankreich keine taktischen Atomwaffen hat, also keine für begrenzte Einsätze auf dem Gefechtsfeld. Tertrais: Die amerikanischen Waffen können überall eingesetzt werden, das gilt genauso für die französischen Waffen. Die Gegenüberstellung von taktischen und strategischen Atomwaffen ist eine falsche Dichotomie. Was das Einsatzkonzept angeht, gibt es keinen wirklichen Unterschied. Es gibt Unterschiede bei der Reichweite und der Sprengkraft. Aber was ist eine geringe Sprengkraft? Sind zehn Kilotonnen noch gering? Frankreich hat sich schon vor 30 Jahren dafür entschieden, auf diese Unterscheidung zu verzichten. Warum? Weil wir der Meinung sind, dass jeder Einsatz einer Atomwaffe die Natur des Konflikts grundlegend verändern würde. Die Sprengkraft ist viel weniger wichtig als die Tatsache, dass es sich um eine Atomwaffe handelt.