Zeit 10.12.2025
07:56 Uhr

Nicolas Sarkozy: Adieu, chère Brandmauer!


Nicolas Sarkozy hat ein Buch über seine Zeit im Gefängnis geschrieben. Darin erklärt der Ex-Präsident, warum er lieber mit Marine Le Pen spricht als mit seiner Partei.

Nicolas Sarkozy: Adieu, chère Brandmauer!
Frankreichs früherer Präsident Nicolas Sarkozy war drei Wochen lang im Gefängnis. Darüber hat er jetzt ein 213 Seiten langes Buch geschrieben, die Seiten sind allerdings recht großzügig bedruckt. An diesem Mittwoch erscheint das Journal d’un prisonnier , das Tagebuch eines Gefangenen. Der Autor wird es am Nachmittag in einer Pariser Buchhandlung vorstellen. Dabei wird er eine elektronische Fußfessel unter einem seiner Hosenbeine tragen. Denn Sarkozy, der im September in der sogenannten Libyen-Affäre wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung zu fünf Jahren Haft verurteilt worden war, ist in der Zwischenzeit nicht freigesprochen worden. Im Gegenteil, erst vor zwei Wochen ist er in einem anderen Verfahren – diesmal ging es um illegale Wahlkampffinanzierung – ein weiteres Mal verurteilt worden. Doch der ehemalige Präsident wird bald 71; auch die Gefahr, dass er flieht, ist eher gering. Deshalb hat ein Gericht ihm Hafterleichterung gewährt, bis im kommenden Frühjahr das Berufungsverfahren beginnt. "Warum habe ich so viele extreme Situationen erlebt?", fragt Sarkozy in seinem Buch. Und erzählt: Noch vier Tage vor seiner Inhaftierung sei er von Emmanuel Macron, seinem Nachfolger, im Élysée empfangen worden. Gestern noch im Palast des Präsidenten, heute im Knast: "Hat man sich jemals einen erschütternderen Kontrast vorstellen können?" Liebeserklärung, Bekenntnis, Abrechnung Stimmt schon, Drama und Farce sind im Leben von Nicolas Sarkozy manchmal schwer voneinander zu unterscheiden. Das galt schon, als er noch Präsident war (2007 bis 2012). Schon damals konnte man sich nicht sicher sein, ob es sich bei dem hibbeligen Präsidenten in Wahrheit nicht um einen Wiedergänger von Louis de Funès handelte, Frankreichs großem, ebenfalls recht hibbeligem Komödianten. Sein Tagebuch changiert, mal ist es eine Liebeserklärung Sarkozys an seine Frau, die Sängerin Carla Bruni: "Carla nicht mehr zu sehen, war für mich ebenso unerträglich, aber ich verbot mir, darüber nachzudenken." Mal trägt das Journal die Züge eines Bekenntnisses. Sarkozy erzählt von den Gesprächen mit einem Anstaltsgeistlichen, und davon, wie er in seiner Zelle gebetet habe. Dass ausgerechnet an seinem ersten Abend hinter Gittern ein Champions League-Spiel seines Fußballvereins Paris Saint-Germain übertragen wurde, "das war entweder ein Zufall oder ein weiteres Zeichen der Vorsehung". Aber Sarkozy wäre nicht er selbst, trotz aller ausgestellten Einkehr, wenn er nicht austeilen würde. Und wenn er nicht zwischen allen Gefängnisszenen eine weitreichende politische Botschaft verpacken würde. Ausführlich referiert der Gefangene mit der Häftlingsnummer 320535, welche Politiker ihn angerufen hätten und wer sich in der Öffentlichkeit zu seiner Verurteilung geäußert habe. Schlecht schneiden dabei die gegenwärtigen Anführer seiner ehemaligen Partei, der Republikaner, ab. Bruno Retailleau und Laurent Wauquiez, der eine ist Partei-, der andere Fraktionsvorsitzender, hätten ihm privat zwar zugesprochen, aber öffentlich nicht dazu gestanden. "Ich nehme es denen nicht übel, die nicht besonders mutig waren, jeder tut, was er kann oder will", schreibt Sarkozy. "Aber wie kann man hoffen, ein politischer Anführer zu sein, wenn man Angst hat und vor allem, wenn man diese Angst zeigt?" Ein paar Zeilen nur, mit denen Sarkozy den Daumen senkt über Retailleau und Wauquiez, die beide als mögliche Kandidaten der Konservativen für die nächste Präsidentschaftswahl gelten. Die Brandmauer heißt hier "republikanische Front" Ganz anders schreibt Sarkozy über Marine Le Pen: "Die schönsten Überraschungen kamen von denen, von denen ich es am wenigsten erwartet hatte." Le Pen hatte die Inhaftierung Sarkozys in mehreren Interviews scharf kritisiert. Die Anführerin des rechtsnationalen Rassemblement National (RN) war selbst im vergangenen März verurteilt worden, wegen der Veruntreuung öffentlicher Gelder. Hat das Urteil Bestand, könnte sie bei der nächsten Präsidentschaftswahl nicht kandidieren. Für Le Pen sei es ein Risiko gewesen, ihn zu unterstützen, schreibt Sarkozy. Umso mehr habe er deren Erklärungen geschätzt: Sie seien "mutig und frei von jeder Zweideutigkeit" gewesen. Zum Dank habe er Le Pen angerufen. Der Dialog, den Sarkozy im Anschluss wiedergibt, könnte einmal einen Wendepunkt in der politischen Geschichte der französischen Rechten markieren. Marine Le Pen, so berichtet es Sarkozy, habe ihn während des Gesprächs gefragt, ob er, dessen Stimme für viele rechte Wähler nach wie vor Gewicht habe, sich bei der nächsten Wahl einem " front républicain " anschließen werde. Die "republikanische Front" ist die französische Variante der Brandmauer. Bislang haben auch Frankreichs Konservative bei Wahlen meist dazu aufgerufen, gegen Le Pen und deren nationalpopulistische Partei zu stimmen. Doch nun versichert Sarkozy, noch einmal werde er eine solche Front nicht unterstützen. Von Konservativen bis heute verehrt Was beiläufig daher kommt, ist der vorläufige Höhepunkt einer dramatischen Entwicklung. Die Brandmauer zwischen Frankreichs Konservativen und dem rechtsnationalen RN ist zuletzt immer brüchiger geworden. Sarkozys reißt sie nun ein – der letzte Konservative, der selbst Präsident war. Schon im Sommer, damals noch in Freiheit, hatte er Jordan Bardella empfangen, den jungen Vorsitzenden des Rassemblement National. In seinem Tagebuch wird auch Sébastien Chenu freundlich erwähnt, ein anderer führender RN-Vertreter, er hatte Sarkozy im Gefängnis mehrere Briefe geschrieben. Nicolas Sarkozy wird von nicht wenigen Konservativen in Frankreich bis heute verehrt. Selbst die mehrfachen Verurteilungen haben daran wenig geändert. Sarkozy war stets stolz darauf, dass er selbst den Front National, wie die Partei Le Pens damals hieß, in zwei Präsidentschaftswahlen geschlagen hatte. In seinem Tagebuch erinnert er daran: Marine Le Pen habe ihn damals als ihren Hauptgegner angesehen. Noch vor zwei Jahren, in einem anderen Buch, hatte Sarkozy geschrieben, zwischen dem RN "und uns" gäbe es "Gräben, die niemals überwunden werden können". Nun plädiert der frühere Präsident für ein möglichst breites, rechtes Bündnis. Ob dazu auch der RN gehört, lässt Sarkozy zwar offen. Aber so muss man ihn verstehen – von der Brandmauer zum Bündnis wäre es dann nur ein Schritt.