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02.02.2026
12:26 Uhr
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Nicmer Evans ist ein scharfer Regimekritiker Venezuelas. Zweimal war er deswegen schon in Haft. Er sagt: Maduros Sturz durch Trump habe den Machthabern genutzt.

Nicmer Evans, Jahrgang 1975, ist venezolanischer Politologe, Publizist und einer der prominentesten Kritiker des Regimes. Evans lebt in der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Zweimal wurde er wegen seines Engagements gegen das Regime vom venezolanischen Geheimdienst festgenommen. Mitte Januar 2026 wurde er erneut aus der Haft entlassen. Mit seiner offenen Kritik an Venezuelas Machthabern geht Evans auch weiterhin ein erhebliches Risiko ein. DIE ZEIT: Herr Evans, während Sie als politischer Gefangener inhaftiert waren, wurde Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro von den USA in Caracas gefangen genommen. Wie erreichte Sie diese Nachricht? Nicmer Evans: Einer meiner Zellengenossen wachte morgens um sechs auf und schaltete den Fernseher an. Da lief es schon überall: Die USA hatten Maduro festgenommen. Wir haben uns gefragt: Kommen wir jetzt frei? Werden wir eine Art Faustpfand? Oder lassen sie uns verschwinden? Und dann fiel in El Helicoide der Strom aus. ZEIT: El Helicoide in Caracas gilt als berüchtigte Geheimdienstzentrale und Gefängnis für politische Gefangene. Einige nennen es das größte Folterzentrum Lateinamerikas. Evans: Unsere Zelle dort hatte kein Fenster, wir saßen in völliger Dunkelheit. Niemand wusste, ob es ein technisches Problem gab oder eine Säuberung begann und wir Gefangenen in Gefahr waren. ZEIT: Was passierte dann? Evans: Wir sahen niemanden und waren vollkommen isoliert. Das machte es schlimmer. Wir bekamen keine Besuche, durften niemanden anrufen. 48 Stunden lang wurden wir uns selbst überlassen, wir erlebten zwei Tage totaler Ungewissheit. ZEIT: Mitte Januar kamen Sie nach etwa einem Monat in der Zelle frei. Es war bereits Ihre zweite Verhaftung durch den venezolanischen Geheimdienst. Das Regime warf Ihnen Terrorismus vor. Evans: Ich habe das getan, wofür Journalisten da sind: Fragen stellen, Fälle von politischen Gefangenen aufdecken und ihre Familien sprechen lassen. Ich kam dafür in Haft. ZEIT: Bei Ihrer ersten Inhaftierung 2020 warf man Ihnen Volksverhetzung vor. Evans: Damals hatten sie mich 51 Tage verschwinden lassen. Ich saß in den Kellern, in denen Menschen gefoltert wurden. Ich habe ihre Schreie gehört, ihre Narben gesehen. Ich selbst wurde damals nicht gefoltert, aber die Misshandlungen waren allgegenwärtig. ZEIT: Wie war es dieses Mal? Evans: Die Bedingungen waren besser. Psychisch aber war es viel härter. Die Wächter sagten Sätze wie: Diesmal wirst du nicht so schnell wieder rauskommen wie beim letzten Mal. So etwas steckt man nicht einfach weg. ZEIT: Nun sind Sie wieder in Freiheit und beobachten als Politologe die Entwicklungen in Venezuela. Was bedeutet die Festnahme Maduros für Ihr Land? Evans: Unter den Venezolanern herrscht vorsichtiger Optimismus. Die Menschen spüren, dass mit Maduros Gefangennahme etwas zerbrochen ist. Gleichzeitig beobachten wir, wie das Regime sich neu sortiert – und was dann passiert, ist unberechenbar. ZEIT: Hat Maduros Sturz das Regime in Venezuela erschüttert? Evans: Maduro war für sein eigenes Regime längst ein Klotz am Bein. Er blockierte jede Reform. Nach außen geben sich seine Gefolgsleute empört. Intern atmen sie wahrscheinlich auf, seit er weg ist. Sie können nun Wirtschaftsreformen auf den Weg bringen, die unter Maduro unvorstellbar gewesen wären. ZEIT: Die USA erheben nun den Anspruch, Kontrolle über das Regime in Venezuela auszuüben. Rhetorisch übt Maduros Nachfolgerin Delcy Rodríguez Widerstand. Vergangenen Sonntag sagte sie: "Es reicht mit den Befehlen aus Washington an Politiker in Venezuela." Evans: Damit die eigene Basis nicht davonrennt, inszeniert die Regierung nun politisches Theater. Denn sie steht vor einem Problem: Einerseits muss Rodríguez die Kontrolle durch die Vereinigten Staaten akzeptieren. Gleichzeitig muss sie nach innen Härte und Konsistenz zeigen, um die Kontrolle über die Bevölkerung nicht zu verlieren. ZEIT: Am Mittwoch sagte US‑Außenminister Marco Rubio, die venezolanische Übergangsregierung müsse den Vereinigten Staaten einen monatlichen Haushaltsplan vorlegen, den die USA genehmigen. Ein erheblicher Teil der Mittel soll für den Kauf von Medikamenten und Ausrüstung aus den USA verwendet werden. Erst danach würden Gelder aus einem Konto mit Erlösen aus venezolanischen Ölexporten freigegeben. Evans: Venezuela ist seit Jahren ein Ort der Widersprüche, aber nach Maduros Gefangennahme ist es fast karikaturesk. Für ein Regime, das sich 25 Jahre lang als antiimperialistische Bastion inszeniert hat, ist die US-Kontrolle eine große Demütigung. Diejenigen, die uns angeblich vor dem "Imperium" schützen wollten, sind heute nur noch Befehlsempfänger der USA, so etwas haben wir in Lateinamerika seit Jahrzehnten nicht erlebt. ZEIT: Wie erklären Sie sich, dass das Regime das hinnimmt? Evans: Hätte die Regierung im Juli 2024 nicht die Wahlen gefälscht, sondern ihre Niederlage eingestanden und akzeptiert, was die Venezolaner entschieden haben, stünden wir heute nicht vor einer faktischen Vormundschaft. Die USA nutzen ein Legitimationsvakuum aus, die Machthaltenden wissen das. Und sie wissen auch, dass Widerstand gefährlicher wäre als Kooperation.