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23.11.2025
13:56 Uhr
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Guillermo del Toros "Frankenstein" zeigt Parallelen zu den Techlords im Silicon Valley. Auch sie wollen das menschliche Mängelwesen aufrüsten – mit unabsehbaren Folgen.

Man stelle sich einmal vor, ein humanoider Roboter würde Guillermo del Toros Filmepos Frankenstein in seinem inneren Kino sehen, irgendwann Ende des Jahrhunderts, auf der halb verbrannten Erde, auf Proxima Centauri b oder wo auch immer. Weiter angenommen, bei der Menschmaschine handelte es sich um das Modell "Nostalgica"; im Gegensatz zu seinen Kolleginnen und Kollegen kennt es noch so komische Wörter wie "Demokratie" oder "Freiheit". Nur beim Mind-Uploading von "Mensch" oder "Natur" halluziniert der Algorithmus wirres Zeug. Kurzum, wie gefiele dem Roboter der Frankenstein -Film? Würde er sagen: "Wusste ich doch. Maschinen waren schon immer die besseren Menschen"? Als Frankenstein bei Netflix ins Programm kam, brachen nicht alle Kritiker spontan in Jubel aus. Gibt es nicht bereits ein Dutzend Verfilmungen der Monsterstory, angefangen von der Urversion aus dem Jahre 1910 bis hin zu Ridley Scotts Blade Runner (1982), der ebenfalls ein Frankenstein -Motiv erzählt? Richtig ist, dass die Schriftstellerin Mary Wollstonecraft Shelley der Nachwelt einen unsterblichen Schauerroman hinterlassen hat. Unsterblich ist er aber nicht allein deswegen, weil Frankenstein oder Der moderne Prometheus so fantastisch ist; unsterblich ist er, weil die Vorstellung von einer Mensch-Maschine-Synthese immer realistischer wird. Was sich im Entstehungsjahr 1816 wie die literarische Spekulation einer hochbegabten 19-Jährigen ausnahm, könnte, wenngleich in anderer Gestalt, in naher Zukunft wahr werden. Es wäre abwegig, Mary Shelleys Figuren mit den prometheischen Genies aus dem Silicon Valley zu vergleichen. Und doch haben diese eines mit Victor Frankenstein gemeinsam: Techlords wie Elon Musk, Sam Altman oder Marc Andreessen träumen davon, unser unvergesslich schwaches Gedächtnis in digitale Maschinen auszulagern und Störungen im organischen Betriebsablauf zu beseitigen. Elon Musks Firma Neuralink etwa hat sich auf Gehirn-Maschine-Kopplungen spezialisiert, auf winzige Chips, die es ermöglichen sollen, dass Menschen allein kraft ihrer Gedanken Computer steuern . In bestimmte Gehirnareale implantiert, registrieren sie dort die neuronalen Impulse und verarbeiten sie tausendmal schneller als das biologische Gewebe. Nur Science-Fiction-Science? Wohl nicht. Die ersten ALS-Patienten können mithilfe der brain-computer interfaces wieder mit ihrer Umwelt kommunizieren. Musks Intimfeind Sam Altman, der Chef von OpenAI , unterstützt ein Start-up, das ebenfalls menschliche Gedanken mit digitalen Maschinen verknüpfen will. Wie tief Merge Labs – merge heißt Verschmelzung – in das biologische Substrat des Menschen eingreifen will, verrät Altman nicht. Auf jeden Fall sorge die neurotechnische Revolution dafür, dass "wir die erste Spezies sein werden, die ihre eigenen Nachkommen entwirft". Deshalb existierten künftig nur zwei Möglichkeiten. Entweder beschränke sich die Zivilisation auf die passive Rolle eines biologischen "Startprogramms" (biological bootloader) für die posthumane Zukunft, und zwar mit der trüben Aussicht, anschließend zu einem evolutionären Nebenast zu verkümmern. Oder aber, zweite Möglichkeit, sie fasst sich mutig ein Herz und treibt die Verschmelzung von biologischer und künstlicher Intelligenz voran. So oder so – wenn die Zivilisation sich nicht vorher selbst zerstöre, könne die Co-Evolution von Menschheit und KI "wahrscheinlich nicht aufgehalten werden". Auch Ray Kurzweil, der Spiritus Rector der Techszene, kann diesem Szenario viel abgewinnen. Für den visionären Erfinder sind Mensch-Maschine-Kopplungen eine wünschenswerte Art der Notwehr , denn sie ermöglichten uns, "mit einer immer intelligenteren KI mitzuhalten und nicht von ihr beherrscht zu werden". Schon am Ende des Jahrzehnts werde man "in der Lage sein, die rund 20 Milliarden Neuronen des Neokortex unseres Gehirns in direkte Verbindung mit einem Computer zu bringen". Damit werde das, "was heute das Handy ist, ein Chip in uns drin sein. Wenn man nach einem Datum oder einem Namen sucht, wird man nicht mehr sagen können, ob die Antwort aus dem eigenen Gehirn oder dem KI-Assistenten auf dem Chip stammt".